Internet Explorer 9 ist da: Microsoft legt (relativ) gehörig nach

  • Der Internet Explorer 9, sofort fällt das deutlich reduzierte Interface auf.
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    screenshot: andreas proschofsky

    Der Internet Explorer 9, sofort fällt das deutlich reduzierte Interface auf.

  • Die Menüzeile ist weg, statt dessen gibt es einen Menüknopf rechts neben den Tabs.
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    Die Menüzeile ist weg, statt dessen gibt es einen Menüknopf rechts neben den Tabs.

  • Die Unterstützung aktueller Webstandards hat sich im Vergleich zum IE8 deutlich verbessert, die Konkurrenz ist hier trotzdem schon erheblich weiter.
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    Die Unterstützung aktueller Webstandards hat sich im Vergleich zum IE8 deutlich verbessert, die Konkurrenz ist hier trotzdem schon erheblich weiter.

  • Die Onebox für URL- und Suchfenster zusammen, aufgrund der Design-Entscheidung, die Tabs direkt daneben zu platzieren, kann das schon mal recht eng werden.
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    Die Onebox für URL- und Suchfenster zusammen, aufgrund der Design-Entscheidung, die Tabs direkt daneben zu platzieren, kann das schon mal recht eng werden.

  • In neuen Tabs werden nun die beliebtesten Seiten gelistet, ähnlich wie es andere Browser auch schon implementiert haben.
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    In neuen Tabs werden nun die beliebtesten Seiten gelistet, ähnlich wie es andere Browser auch schon implementiert haben.

  • Webseiten lassen sich im Panel von Windows 7 anpinnen, wo sie sich auch mit den "Jumplists" des Systems integrieren können.
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    Webseiten lassen sich im Panel von Windows 7 anpinnen, wo sie sich auch mit den "Jumplists" des Systems integrieren können.

  • Für Web-EntwicklerInnen gibt es ebenfalls einige neue Tools.
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    Für Web-EntwicklerInnen gibt es ebenfalls einige neue Tools.

Starke Performance, Schwächen bei Webstandards - Schlankes Interface

Eine gar erstaunliche Entwicklung hat die Browser-Abteilung bei Microsoft in den letzten Jahren durchgemacht: Anfang des vergangenen Jahrzehnts beinahe schon aufgelöst, hat der Softwarehersteller in den letzten Jahren - nicht zuletzt angesichts einer kontinuierlichen Erosion des eigenen Marktanteils - seine Investitionen in den Internet Explorer (IE) wieder erheblich intensiviert. Trotzdem erweist sich dieses Unterfangen bislang bestenfalls als Schadensbegrenzung, signifikanten - und über mehrere Monate konstante - Zuwächse konnte der IE schon lange nicht mehr verzeichnen. Ganz im Gegenteil zeigt die Marktanteilskurve unbeeindruckt von IE7 und IE8 kontinuierlich weiter nach unten.

Die Rettung naht

Nun soll aber - einmal mehr - alles anders werden: Mit dem Internet Explorer 9 hat Microsoft eine neue Generation seiner eigenen Software vorgestellt, die substantielle Verbesserungen in praktisch allen Bereichen des Browser verspricht. Nicht zuletzt also auch bei den Teilen, die gemeinhin zu den Kernvorteilen der Konkurrenz zählen: Performance und die Unterstützung moderner Webstandards.

Oberflächliches

Zunächst zeigt der IE9 aber einmal, dass man bei Microsoft zunehmend bereit ist von den Ansätzen der Konkurrenz zu lernen: Das Interface der Anwendung wurde erheblich reduziert, der Großteil des bisher von Haus aus sichtbaren Elemente wurde entfernt. So sollen die eigentlichen Webseiten stärker in den Vordergrund rücken, erklärt man bei Microsoft die dahinter stehende Philosophie. Übrig bleibt die Adresszeile - beim Internet Explorer "Onebox" genannt, eine Vor- und Zurück-Navigation sowie das Tab-Interface.

Platzsparend

Durch diese Reduktion wird der Internet Explorer 9 tatsächlich zu jenem Browser, der aktuell am meisten Platz für die eigentliche Webseite zur Verfügung stellt, bei dem also das Interface am "schlanksten" ist. Dies allerdings auch mit einer nicht unumstrittenen Design-Entscheidung: Die Tabs wurden nämlich neben der "Onebox" platziert, was bei niedrigen Auflösungen schon mal recht schnell ein ziemliches Gedränge ergeben kann. Apropos Onebox: Diese nimmt nun auch die Suchfunktionen war, ein eigenes Suchfenster gibt es nicht mehr.

Startseite

Recht offensichtlich von anderen Herstellern "inspiriert" zeigt man sich bei der Umsetzung einer individuellen Startseite, die in jedem neu geöffneten Tabs die meist genutzten Seiten darbietet, sowie das erneute Öffnen der zuletzt geschlossenen Tabs ermöglicht. Der Konkurrenz wirklich voraus ist man beim Zusammenspiel mit Windows 7, so können sich Seiten etwa direkt mit den Jumplists des Betriebssystems integrieren, so dass dann beispielsweise spezielle Funktionen einer Web-App direkt aus dem Panel aufgerufen werden können.

Vermischtes

Zu den weiteren Neuerungen zählt ein eigener Download-Manager, auch das Add-On-Management hat man überarbeitet. Außerdem hat man einen "Tracking-Schutz" eingebaut, die verschiedene Formen des Werbe-Trackings verhindern soll. Neben einer von Microsoft zusammengestellten - und regelmäßig aktualisierten - Liste, erlaubt der Browser zu dem auch individuelle Einträge. Außerdem gibt es dann noch einige neue Tools, mit denen man Web-EntwicklerInnen ansprechen will.

Webstandards

Der über die Jahre dominante Kritikpunkt an Microsoft war die Herangehensweise des Unternehmens an aktuelle Webstandards, die irgendwo zwischen eigen- und widerwillig pendelte. Mit dem Internet Explorer 9 verabschiedet man sich davon und will offensiv in Webstandards investieren. So verspricht Microsoft vollmundig den Support für CSS3, HTML5 und Co. Tatsächlich gibt es hier substantielle Fortschritte zu berichten, ganz so rosig wie vom Hersteller angekündigt ist die Situation aber bei weitem nicht. Wirklich ganz vorne schneidet Microsoft nur bei den eigenen Tests ab, unabhängige Seiten - die konkrete einzelne Funktionen abfragen - zeichnen da schon ein ganz anderes Bild. So bleibt der IE9 sowohl bei caniuse.com als auch bei html5test.com weit hinter der aktuellen Konkurrenz zurück. Bei Letzterem kommt man etwa auf 130+5 (von 400 möglichen) Punkten, ein Ergebnis, das sogar noch hinter dem beinahe zwei Jahre alten Firefox 3.5 liegt, vom Chrome 10 mit seinen 288+13 Punkten ganz zu schweigen.

Fortschritte

Im Vergleich zum direkten Vorgänger - dem Internet Explorer 8 - sind die Fortschritte trotzdem wirklich beeindruckend, und im Sinne der Browser-übergreifenden Entwicklung auch durchwegs begrüßenswert. Zu den Highlights zählen hier - neben den zahlreichen neuen CSS-Attributen - etwa der Canvas-Support, die Unterstützung für das Web Open Font Format (WOFF) oder HTML5 Video. Wirklich aktuelle Entwicklungen wie den 3D-Standard WebGL sucht man allerdings vergeblich, auch ist die reale Nützlichkeit des HTML5-Video-Supports von Haus aus eher theoretischer Natur, fehlt doch der integrierte Support für das von Firefox, Chrome und Opera für diese Aufgaben favorisierte WebM-Format. Zumindest kann der IE9 aber WebM-Videos wiedergeben, wenn nachträglich die entsprechenden Codecs am System installiert werden.

Chakra

Ein weiterer Schwerpunkt der Entwicklung war die Verbesserung der Performance, kommt doch der Internet Explorer aufgrund seiner eklatanten Defizite in diesem Bereich meist nicht mal mehr in Benchmarks vor. Tatsächlich zeigt sich der IE9 erheblich flinker und schließt sogar zur Konkurrenz auf. Wirklich stark ist etwa die neue Javascript-Engine Chakra, die in allen unseren Tests in etwa auf dem Niveau der Konkurrenz agiert, bei manchen Benchmarks etwas weiter vorne im Feld liegt, bei anderen auch nicht sonderlich weit abgeschlagen ist.

Kritik

Wenig Freunde macht sich Microsoft hingegen damit, dass man ausgerechnet die eigene Top-Position beim Sunspider-Benchmark so lautstark herausstreicht. Dies einerseits, weil dieser konkrete Test kaum mehr relevante Aussagekraft besitzt, aber auch weil der Vorwurf im Raum steht, dass das Unternehmen hier durch speziell auf den Test zugeschnittene Optimierungen geschummelt hat.

Hardwarebeschleunigung

Der Bereich Performance besteht aber natürlich nicht aus Javascript allein, also kann der Internet Explorer 9 auch in weiteren Bereichen mit Verbesserungen aufwarten. Allen voran die Nutzung der Grafikkarte zur Beschleunigung der Ausgabe. So nutzt man Direct2D und DirectWrite für diese Aufgabe, was vor allem bei Grafikoperationen eine Vervielfachung der Performance bringt. Von der Konkurrenz absetzen, kann man sich damit trotzdem nicht, bringt doch auch der Firefox 4 eine solche Funktion, bei Chrome und bei Opera arbeitet man ebenfalls bereits seit einiger Zeit eifrig an der Umsetzung.

Windows-XP-Ärger

Beim Internet Explorer 9 hat diese Funktion aber auch eine durchaus nachhaltige Konsequenz: Die neue Generation des Browsers ist nur für Windows Vista und Windows 7 erhältlich, NutzerInnen von Windows XP bekommen das Update hingegen nicht mehr. Microsoft argumentiert damit, dass die Hardwarebeschleunigung so tief in den Browser integriert wurde, dass das Fehlen der genutzten APIs bei XP ein Ausschlussgrund seien. Eine Argumentation, die angesichts des fortgesetzten XP-Supports von Firefox 4 und Co. nur begrenzt schlüssig ist - und eigentlich einer Werbung für alternative Browser auf dieser Plattform gleich kommt.

Fazit

Mit der Version 9 macht der Internet Explorer fraglos einen gehörigen technologischen Sprung nach vorne, im Vergleich zum Vorgänger ist er geradezu schlank und rank - und vor allem erheblich schneller. Für das gesamte Web erfreulich ist die bessere Unterstützung von Webstandards, auch wenn man trotz aller Anstrengungen weiterhin deutlich hinter der Konkurrenz her hinkt. Ob das jetzt Dargebotene reicht, um dem kontinuierlichen Verfall der Marktanteile entgegenzuwirken, bleibt all den unleugbaren Fortschritten zum Trotz fraglich. Denn auch mit dem IE8 war man schon kurzfristig etwas näher an die Konkurrenz herangekommen, zwei Jahre später wirkt dieser aber nun im Vergleich zu Firefox, Chrome und Co. geradezu antik.

Ausblick

Will Microsoft also tatsächlich eine Trendumkehr im Browser-Markt erreichen, müsste man den Release-Zyklus des Internet Explorers schon erheblich verkürzen. Ob man dazu bereit ist - bzw. die Strukturen von Microsoft dies überhaupt ermöglichen - muss sich erst zeigen. Gelingt dies nicht, bleibt die Prognose, dass der IE9 spätestens in einem Jahr wieder sehr, sehr alt aussehen wird. Der Internet Explorer 9 kann kostenlos für Windows Vista und 7 von der Seite des Herstellers heruntergeladen werden, dabei steht auch bereits eine deutschsprachige Variante zur Wahl. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 15.03.11)

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