Die Rebellen der Strandhäuser

14. März 2011, 17:53
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    foto: hanser verlag

Aufwachsen in den 1980er-Jahren: Colson Whiteheads Roman "Der letzte Sommer auf Long Island"

Wien - Debütromane wählen gerne die autobiografische Form, das Genre der "Coming-of-Age" -Geschichte, um von der Kindheit des Autors und den Hindernissen zu erzählen, die es dabei zu überwinden gilt. Genau aus diesem Grund wollte es der US-Romancier Colson Whitehead anders machen - er arbeite eine Zeit lang bei der New Yorker Village Voice und konnte sich beim täglichen Öffnen der Post Überblick über die ewig gleich lautenden, langweiligen Buchtitel verschaffen. Sein Debüt, Die Fahrstuhlinspektorin (1999), war schließlich eine abgründige Detektivgeschichte.

Umso erstaunlicher, dass Whitehead dieses persönliche, introspektive Buch nun mit zehn Jahren Verspätung doch noch geschrieben hat: eine Rückschau auf unbeschwerte Jugendtage in den 1980er-Jahren im Ferienort Sag Harbor auf Long Island. Sag Harbor lautet der Buchtitel auch im amerikanischen Original (auf deutsch schlicht Der letzte Sommer auf Long Island, erschienen im Hanser-Verlag) - ein Verweis darauf, dass damit bestimmte Assoziationen des Müßiggangs verbunden sind. In das einstmalige Fischerdorf mit seinem berühmten Pier fährt man heute, um einen sommerlichen Ausflug zu machen.

Der Ort war aber auch einer der ersten, in dem sich schon in den 1920er-Jahren eine afroamerikanische Feriensiedlung zu bilden begann. Wer es im nahen New York zu etwas gebracht und einen bürgerlichen Beruf erlernt hatte, den sonst nur Angehörige der weißen Mehrheit ausübten, der wollte auch sein eigenes Wochenend- oder Sommerhaus. Whitehead macht keinen Hehl daraus, dass es sich hier um eine privilegierte Schicht gehandelt hat, die in seiner Generation allerdings bereits zu ihrem Selbstverständnis gefunden hat. Gewisse Irritationen bleiben dennoch: Nicht umsonst erinnert er an die Cosby-Show und das merkwürdige Gefühl, der Familie dieser besonders von Weißen gern gesehenen Sitcom so sehr zu entsprechen.

Kein Gang aus dem Ghetto

Das Besondere an Der Letzte Sommer auf Long Island ist jedoch auch diese Normalität. Sie zeigt sich im salopp-gewitzten Gestus eines Ich-Erzählers, der anders als in wichtigen autobiografischen Texten von Afroamerikanern eben keinen Gang aus dem Ghetto mehr antreten muss. Benji ist im Gegenteil ein Teenager wie viele andere - zurückhaltend, nerdig um seine Welt kreisend und die eigene Identität ständig neu erprobend. Mit seinem Zwillingsbruder Reggie hat er das Haus in Sag Harbor unter der Woche für sich allein. Nicht viel geschieht im dramatischen Sinn des Wortes: Whitehead beschreibt ein zielloses Cruisen und Posen, in dem sich eine jugendliche Suche, eine Unbestimmtheit ausdrückt.

Genau darin aber liegt die Freiheit einer Generation, die um Privilegien weniger kämpfen muss. Zwischen schlecht bezahlten Sommerjobs und Exkursionen mit Freunden - an Mädchen herrscht ein oft beklagter Mangel - entwirft Whitehead die Auseinandersetzung mit einem neuen schwarzen Selbstbild. Bürgerlichkeit ist zwar ein wenig peinlich, die Alternativen "militant" oder "Straße" gelten aber auch als überwunden. Härte war gestern: "... man konnte sich den Widerspruch zu eigen machen und sagen, was du paradox nennst, heißt bei mir ich. Jedenfalls theoretisch."

Whiteheads Buch hat insofern auch etwas Exemplarisches: Es macht die kulturellen Überlagerungen eines postrassischen Amerikas, das mit Obama am vorläufigen Höhepunkt angelangt ist, an einer Lebenswirklichkeit anschaulich. Die kulturellen Fronten verlaufen selbstverständlich durch den Alltag. Debattiert wird darüber, an welcher Stelle ein "verdammt" einem Satz Glaubwürdigkeit verleiht, warum sich Bauhaus eben doch mit Afrika Bambaataa verträgt oder warum Kopftätscheln am Afro, noch dazu von Weißen, gar nicht geht. Kurzum, es handelt sich um ein Buch der entscheidenden Details. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 15. März 2011)

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