Kernkraftwerke: Schlacht der Argumente im Internet

14. März 2011 13:59

Befürworter und Gegner liefern sich Schlagabtausch auf Blogs - Experte: "Das ist interessant, das leite ich weiter"

Der Kampf gegen die atomare Katastrophe in Japan gerät auch zur PR-Schlacht im Internet. Auf Twitter und diversen Blogs liefern sich Kernkraftgegner und -befürworter ein Match der Argumente, mit denen sie in herkömmlichen Medien keinen Platz finden. Den Konsumenten ist es egal: Über Social Networks verbreiten sich die Halbwahrheiten weiter und verfestigen die Meinungen des jeweiligen Lagers: Wer glaubt, dass Kernkraft gefährlich ist, findet in den Weiten des Netzes seine endgültige Bestätigung, jene, die auf die technische Virtuosität der japanischen Ingenieure vertrauen, geben bereits Entwarnung.

Pro

Exemplarisch ist etwa der Eintrag eines Wissenschafters des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), der auf dem Blog eines australischen Lehrers in Japan veröffentlicht wurde. Der Verfahrenstechniker Josef Oehmen beschreibt unter dem Titel "Warum ich mir keine Sorgen über Japans Nuklearreaktoren mache" seine These über die Sicherheit der AKW. Binnen kürzester Zeit hatte der Blog 200.000 Zugriffe und verbreitete sich weiter, wiewohl sich keiner der Leser die Mühe machte, die genaue Qualifikation des Verfahrenstechnikers zu hinterfragen. Dafür verbreitete sich der Aufsatz auf Pro-Atomkraft-Websites wie etwa bravenewclimate.com.

Contra

Dies rief wiederum andere Blogger auf dem Plan. So zweifelt etwa Lukas Barth in einer Replik unter dem Titel "Warum ich mir Sorgen über Japans Nuklearreaktoren mache" die Thesen Oehmens an und macht dem Forscher auch die Qualifikation streitig. Mit simpler und trivialer Internetrecherche versucht er die Argumente von Oehmen zu entkräften. So sei es keineswegs erwiesen, dass der Reaktor in Japan wie von Oehmen vermutet über ein Auffangbecken für den geschmolzenen Kern verfüge. Woher die Information stammt? Vereinfacht gesagt: Dies gehe aus einem Wikipedia-Artikel hervor, schreibt Barth.

Identitätsmedium Twitter

Der Wiener Kommunikationswissenschafter Axel Maireder hat das Phänomen Twitter untersucht und deutet diese Mechanismen so: "Wir haben alle massenweise Tsunamibilder gesehen und malen uns das alles aus, wie das bei Tschernobyl sein kann. Mit diesen Geschichten sind wir überfüttert." Ein anderes Deutungsmuster wie der betont optimistische Aufsatz von Oehmen verbreite sich in solch einer Situation schneller, weil die Menschen dies in so einer Situation interessant fänden. "Der Mechanismus ist ein anderer als bei klassischen Medien. Die User denken sich: 'Das ist spannend, das leite ich weiter.'" Und nicht zuletzt handle es sich bei Twitter auch um ein "Identitätsmedium", auf dem man sich auf eine bestimmte Weise darstelle: "Man kann sich beispielsweise durch solche Posts als kritischer Geist positionieren."

Opinion Leader

Solche individualpsychologischen Mechanismen, die auch zu einer Beschleunigung von solchen Weiterleitungsketten beitragen, kämen im Journalismus weniger zum Tragen: Dort herrsche naturgemäß eine höhere Professionalisierung und Institutionalisierung. Im Fall von Oehmen habe es sicher eine Rolle gespielt, dass dieser am renommierten MIT arbeite, dazu komme, dass der Titel "Doktor" in Österreich grundsätzlich mehr zähle. "Jeder beliebige Blogger kann das sicher nicht erreichen." Dazu komme in Österreich ein Spezifikum , das in den USA so nicht vorhanden sei: "Twitter-User sitzen in Österreich an den Schnittstellen gesellschaftlicher Kommunikation." Derzeit sind laut "socialmediaradar.at" geschätzte 41.000 User aktiv, die vorwiegend als "Opinion Leader" in ihrer näheren Lebensumgebung gelten. Zum Vergleich: Bei der Social Network-Plattform Facebook sind fast 2,4 Mio. User registriert. (APA)

Der WebStandard auf Facebook

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Titeuf
 
15.03.2011 13:45
Dass Nuklearenergie nicht sicher ist

und die Langzeitkosten (Endlagerung) wohl höher als bei irgendeiner anden Form der Energiegewinnung, halte ich für erwiesen.
Was ich allerdings auch glaube ist, dass beim derzeitigen Energieverbrauch der Welt Atomreaktoren noch relativ lange eine Rolle spielen werden, bevor sie tatsächlich vollkommen ersetzt werden können.
Natürlich ist die Erforschung alternativer Energiegewinnungstechniken mit höchster Priorität voranzutreiben und wenn aus dem japanischen Fiasko etwas Gutes erwächst, dann hoffentlich, dass die Dringlichkeit dieser Frage von den Entscheidungsträgern erkannt wird.
Woran ich nicht glaube, ist dass sich die Menschen einschränken und über den verringerten Energiebedarf Atomkraft obsolet machen - das halte ich für blauäugig.

RevX
15.03.2011 17:23

"...halte ich für erwiesen."

Womit wir wieder beim Thema dieses Artikels wären.

An alle: Bitte Gehirn einschalten und ALLES kritisch hinterfragen was so im Internet geschrieben/behauptet wird!

Hansi Huber
15.03.2011 12:44
Wo ist Josef Oehmen?

In Fukushima? Sicher nicht, er weiß, was ihn dort erwarten würde...

tucker maxxx
15.03.2011 11:46

Über Social Networks verbreiten sich die Halbwahrheiten weiter...
dazu brauchts aber keine SNs, da reichts einfach hiesige medien zu konsumieren.
von v.a. hysterischer panikmache bis hin zu nicht nachvollziehbaren verharmlosungen ist alles vertreten.

Dein schönster Traum
15.03.2011 10:11
Auf die Idee...

...daß es auch Bürger wie mich geben könnte, die:

* sich nicht gerne belügen lassen, weder von den Linken noch von sonst wem

* nicht das Dreifache für Elektrizität zahlen wollen

* nicht allgemeiner, medial gesteuerter Hysterie anheimfallen und gegen Hypes und Trends resistent sind

kommt hier niemand, hm?

Nuklearenergie - JA BITTE!

"Atomkraft" (alleine dieses Wort zeugt schon von mangelndem Fachwissen und disqualifiziert den Verwender in Bezug auf weitere Meinungsäußerungen zu diesem Thema)...

NoComment
15.03.2011 12:22

das herrliche bei ihnen ist ja, dass sie atomstrom auch noch für günstig halten, dabei kostet genau der das dreifache, nur halt nicht auf der stromrechnung sondern über die steuern, die an die betreiber fließen.

Idefix der zweite
 
15.03.2011 11:57

Tut Dummheit eigentlich weh?

utt=c²uxx+f
15.03.2011 21:44

abgesehn davon, dass ich diesen satz schon 50 mal gelesen habe: "nein sonst wäre sie/er schon an schmerzen verstorben!".

Texassnake
15.03.2011 11:30

>sich nicht gerne belügen lassen...<

Atomkraft ist sauber und sicher. Jetzt könnens wieder beruhigt weiterschlafen.

Ich bin gegen Atomenergie, auch wenn dadurch der Wohlstand kurzfrisstig sinkt.

>"Atomkraft" (alleine dieses Wort zeugt schon von mangelndem Fachwissen...<
Was meinen Sie mit Fachwissen? Dass Atomkraftwerke in Japan 100% sicher sind, weil die dort so ein hohes Fachwissen besitzen?

Axel K.
 
15.03.2011 07:42
Detaillierte Nachrichten

Mich hat der besagte verlinkte Artikel auch geärgert, wie er in meiner Timeline aufgetaucht ist. Bei aller professionellwirkenden, physikalischen Details, ist er auch durchwegs naiv, und wie sich inzwischen leider schon bewahrheitet hat, mehrfach falsch.

Ein Aspekt aber, warum er ein Publikum fand, geht aber weiter als das Glaubenwollen einer besänftigende Aussage, und dessen Bejahung der Nukleartechnologie.

Es besteht doch auch ein gebildetes Publikum, dass zwar keine NukleartechnikerInnen sind, aber sehr wohl in der Physik und Chemie bis auf Maturaniveau aufgepasst hat und durchaus in der Lage ist, eine entsprechend aufbereitete Abhandlung zu folgen, die auch ins Detail der Spaltungsprozesse usw. geht. Und die das durchaus auch suchen. G

Axel K.
 
15.03.2011 07:44
(teil 2)

Ganz im Gegensatz zum bissigen Kommentar, "jetzt sind alle Plagiatsexperten in meiner Timeline plötzlich Nukleartechniker"

Für den Fall wurde aus Mangel von entsprechenden Angebot, besagter Artikel verlinkt. Wäre schön gewesen, wenn stattdessen ein aktueller Text einEr richtigen ExpertIn verfügbar gewesen wäre. Stattdessen habe ich im TV nur Erklärungen mittels eines Leuchtstiftmarkers in einem Marmeladeglas gehalten erklärt, und gesagt, da sei jetzt kein Wasser drinnen, und drum herum solle man sich noch ein Glas vorstellen. Wenn in Massenmedien das Niveau wohl so sein soll, das jedeR folgen können soll, besteht gerade in den Onlinemedien die Möglichkeit und der Wunsch auch hier die Tiefe der Detaillierierung entsprechend Interesse und V

Axel K.
 
15.03.2011 07:47

will sagen mit Leuchtstiftmarker im Marmeladenglas erklärt *bekommen*.

jodaflo
 
14.03.2011 18:07
http://en.wikipedia.org/wiki/Worl... onsumption

es hätte mal eine übergangstechnologie sein sollen, wären da nicht die astronomischen gewinnspannen.

den radioaktiven abfall kann man wunderbar zur kriegsführung einsetzen

http://de.wikipedia.org/wiki/Uranmunition

was aber eher "aus der not zur "tugend" gemacht" wurde

würde nicht wieder wieder mehr kohle verbrannt werden, könnte man eh die akws abdrehen, hier fehlt einfach der lobbyistische anreiz von erneuerbarer energie für die politiker.

hohe förderungen für privathaushalte würden ausserdem eine dezentralisierung des energiesystems bedeuten, was nicht im sinne der multis ist.

die werden alles daran setzen auch die erneuerbaren technologien so privat wie möglich zu halten. also später dann.

Mathias
 
14.03.2011 22:58
.. nicht zu vergessen!

DAS beste Model für geringen Kapitaleinsatz und maximale Ausbeute!

Schließlich sind die Betreiber auch nicht haftend, sondern diese Haftung übernehmen die Politiker im Namen des Volkes!

TheKnurz
15.03.2011 12:35

Wenns nach dem ginge dürfte es schon seit Ewigkeiten keine Ölplattformen mehr geben, da der Schaden an der Natur dort ungemein höher ist als ein lokal eingrenzender Schaden durch radioaktiven Niederschlag - vor allem bei nicht graphitmodulierten Werken.

checkmate
15.03.2011 08:37

was einfach nicht stimmt!!

Nuklearenergie ist am Anfang extrem kapitalintensiv, dafür ist der Betrieb dann sehr billig.
Allerdings wurden letztens kaum Reaktoren gebaut, manche Menschen meinen, weil Atom eben böse sein, andere sagen, das in letzter Zeit mit Renditen von 15% für jeden Blödsinn eine Marge von 5-6% für Reaktoren eben nicht genug war.
Aber ich sage euch, nach der Krise wirds wieder neue Reaktoren, Japan hin oder her

cafevanilla
15.03.2011 14:17
Stimmt schon...

... weil es eine Vergesellschaftlichung der Ausgaben ist. Der Profit entsteht nicht in der Marge zwischen Aufwand für den Betrieb des Kraftwerkes und Abschreibung der Investition und dem erzielten Verkaufspreis des Stroms. Er entsteht durch die Verallgemeinerung der Folgeschäden. Wenn die AKW-Betreiber die Lagerhallen-Miete (für ein hochgradig abgedichtetes Speziallager) für rund 20.000 Jahre im Voraus hätten bezahlen müssen, gäbe es keinen einzigen privatwirtschaftlichen AKW-Betreiber auf der Welt.

Rechnen Sie doch mal die Miete für ein Endlager durch. Was kostet wohl ein 1 m2 in einem strahlengeschützten Spezial-Lager am freien Markt? 10 Euro pro Monat? 2,4 Mio pro m2 auf 20.000 Jahre?

Heavyweather
14.03.2011 20:34

Am besten wäre ein gemeinnütziger Energiesektor bei dem die Investoren mit gratis Strom oder einem Gewinn von z.B. maximal 150% über die Laufzeit ausgezahlt werden.
Und bei jedem Bauvorhaben muss eine Investition zur Energiesicherung getätigt werden...so wie heute auch schon Parkplätze gebaut werden müssen bzw. andere Auflagen eingehalten werden müssen.

http://www.facebook.com/pages/Kit... 3033232738

Heavyweather
14.03.2011 23:37

Wer gibt hier bitte rot?
Man wird die Leute irgendwie zwingen müssen auf saubere Energie um zu steigen.
Für das Kitegen kann man gar nicht genug Werbung machen.

gnjw83rtn
14.03.2011 15:52

warum so negativ ?

"wiewohl sich keiner der Leser die Mühe machte, die genaue Qualifikation des Verfahrenstechnikers zu hinterfragen" ?

Ähm , was war dann mit den 100ten Kommentaren unter dem Blogpost - auch pro/contra .. abwägen ist eben gefragt

thehefi
14.03.2011 14:57
Warum

wurde mein Kommentar hier nicht veröffentlicht?

diephysikerin
14.03.2011 17:26

wurde er eh, dauert immer nur ein bissi mit der freischaltung... ;-) oft bekommt man die verständigungsmail, dass ein kommentar auf das eigene posting da ist, bevor der kommentar auf der webseite erscheint...

jodaflo
 
14.03.2011 17:52
die physikerin bricht die regeln der physik. wie kann jemand antworten der den kommentar noch nicht lesen kann...did i just blow your mind?

thehefi
14.03.2011 17:42
Danke

für die Info ohne deren Benachrichtigungsmail ich fast nicht mehr hier her geguckt hätte ;-)

diephysikerin
14.03.2011 14:51

schade, dass sich alle nur nach den qualifikationen orientieren und nicht nach dem inhalt. die analyse von herrn oehmen war nämlich technisch absolut fundiert, wenn auch teilweise etwas naiv, weil zu früh entwarnung gebend. und die antworten darauf haben diese analyse keineswegs zerstört, sondern nur detailfragen aufgeworfen. aber ein sensibles abwägen von informationen zählt nicht mehr in unserer schwarz-weiß-zeichnenden politik- und medien-landschaft.

ich kann nur die science-busters wiederholen, die es treffend formuliert haben: wer nichts weiss, muss alles glauben...

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