Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen ist in Österreich im Steigen - Depressionen galten 2010 als zweitwichtigste Erkrankungsursache in der EU
Wien - Wien ist derzeit anlässlich des Europäischen Psychiatriekongresses (12. bis 15. März) mit mehr als 4.000 Teilnehmern aus aller Welt das wissenschaftliche Zentrum dieses medizinischen Fachgebietes. Das Motto der Veranstaltung im Austria Center Vienna lautet: "Umsetzung von Wissenschaft in Patientenbetreuung" ("Translating Research into Care"). Doch Innovationen im Bereich der Therapie psychischer Erkrankungen finden in Zeiten der Einsparungen nicht immer ihren Weg zum Patienten, kritisierte aus diesem Anlass der Wiener Experte Siegfried Kasper in einer Aussendung.
Psychische Erkrankungen im Steigen
Österreich habe mit Julius Wagner-Jauregg, Sigmund Freud, Viktor Frankl, Alfred Adler und anderen historischen Persönlichkeiten große Errungenschaften im Bereich der Psychiatrie verzeichnet und somit wichtige Meilensteine in der Behandlung von psychisch kranken Menschen gelegt. "Umso bedauerlicher zeigt sich das Bild der inadäquaten Versorgung in Österreich in der Indikation, die im Vergleich zu allen anderen Erkrankungen die größte Neuerkrankungsrate aufweist und für enorme individuelle aber auch volkswirtschaftliche Konsequenzen verantwortlich ist", warnte Kasper, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie (MedUni Wien/AKH) und lokaler Organisator des Kongresses. Gemeint sei damit vor allem die Betreuung von Patienten mit Depressionen.
Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen ist in Österreich - genau so wie in der EU - im Steigen begriffen. Rund 27 Prozent der erwachsenen EU-Bevölkerung sind bzw. waren 2010 von zumindest einer psychischen Erkrankung betroffen. Die Depression nehme unter den psychischen Erkrankungen eine besonders wichtige Rolle ein. Sie galt 2010 als zweitwichtigste Erkrankungsursache in der EU. "In Österreich leiden rund neun Prozent der Bevölkerung an Depressionen, und die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens mindestens ein Mal an einer Depression zu erkranken, liegt zwischen zwölf und 20 Prozent", so der Experte. Das psychische Gesundheitsniveau und das Wohlbefinden der Bevölkerung werde deshalb im "European Pact for Mental Health and Well-being" (2008) als Schlüsselfaktor für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg in der EU definiert.
Mangelnde Rückfallsprävention
Psychische Erkrankungen sind häufige und gut behandelbare Störungen. Heute steht ein breites Spektrum moderner Antidepressiva zur Verfügung, welches durch ein geringes Nebenwirkungsprofil und eine wesentlich erhöhte Therapiesicherheit gekennzeichnet ist. "Die Herausforderung in der Therapie der Depression, deren Ursachen multifaktoriell sind, belegen unzureichende Remissionsraten und eine ebensolche mangelnde Rückfallsprävention. Antidepressiva führen bei rund 70 Prozent der behandelten Personen zu einer deutlichen Besserung. Eine komplette Remission kann mit Antidepressiva in 35 bis 40 Prozent der Fälle erreicht werden. Diese Daten untermauern zweifelsfrei den Bedarf an neuen Therapiealternativen, auf die wir nicht verzichten können. Leider scheitert der Einsatz neuer Therapiealternativen häufig an fehlender oder eingeschränkter Erstattung durch die Krankenkasse", so Kasper.
Aufgrund des Altersspektrums der Betroffenen komme es bereits sehr früh zu gesundheitsökonomischen Problemstellungen wie Krankenstand und Berufsunfähigkeit. Die indirekten Kosten, wie z.B. Produktivitätsausfälle am Arbeitsplatz durch Langzeitkrankenstände und Frühpensionierungen, beeinträchtigten auch die Beitragszahlungen für die Sozialversicherungsträger und wären weit höher als die direkten Kosten einer adäquaten modernen Behandlung, hieß es in der Stellungnahme des Experten. (APA)