Fall Divjak: Empörung in Sarajevo – Debatte um rechtliche Grundlage für Haftbefehl
"Dieser Haftbefehl ist eine Attacke auf alle bosnischen Bürger, die jahrelang unter der Belagerung gelitten haben. Denn Divjak hat den Leuten damals geholfen, sich hier selbst zu verteidigen. Und nun versucht Serbien, das Verhältnis zwischen Aggressor und Opfer auf den Kopf zu stellen", sagt die 22-jährige Wirtschaftsstudentin Alma M., die gerade in einer Parfümerie im Geschäftsviertel Bascarsija in Sarajevo einkauft. Alma war ein Kleinkind, als ihre Stadt von 1992 bis 1995 von bosnisch-serbischen Truppen eingekesselt war. Sie kann sich aber noch erinnern, wie sie bei Angriffen in den Keller flüchtete.
Der damalige General Jovan Divjak, der vergangene Woche in Wien verhaftet und mittlerweile auf Kaution freigelassen wurde, ist für sie, wie für viele Bürger von Sarajevo, ein Vorbild, weil er im Krieg zur Stadt gehalten hat, obwohl er Serbe ist. Dass Serbien ihm vorwirft, im Jahr 1992 beim Abzug der Jugoslawischen Volksarmee für den Tod von Soldaten mitverantwortlich zu sein, versteht sie nicht. "Es ist doch dokumentiert, dass Divjak damals in der Dobrovoljacka-Straße gerufen hat: ,Schießt nicht!‘", sagt Alma.
Die Vorsitzende des Helsinki-Komitees in Sarajevo, Vera Jovanović, glaubt, dass Belgrad Divjak vor Gericht sehen will, gerade weil er als Serbe im Krieg nicht auf bosnisch-serbischer Seite stand. "Divjak zu verhaften ist zynisch, weil jene, die wirklich Kriegsverbrechen begangen haben, noch immer nicht verhaftet sind", sagt Jovanović, eine Serbin, die ebenfalls im Krieg in Sarajevo war. Kritik übt sie aber auch an der ungenügenden Arbeit der bosnischen Staatsanwaltschaft und des Gerichts, die noch immer nicht den "Fall Dobrovoljacka-Straße" abgeschlossen haben. Der bosnische Staatsanwalt Milorad Barasin hat inzwischen die serbische Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen aufgefordert, das Verfahren und die Beweise im Fall Divjak Sarajevo zu überlassen.
Indes bleiben die rechtlichen Grundlagen für die Verhaftung in Wien weiterhin umstritten. Laut dem Balkan-Institut Ifimes in Ljubljana teilte Interpol-Generalsekretär Ronald Noble den bosnischen Behörden mit, dass die Verhaftung Divjaks nicht mit seiner Behörde in Verbindung stehe. Das Gericht in Korneuburg beruft sich aber auf einen Interpol-Haftbefehl aus 2008. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo/DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2011)