Kopf des Tages

Die "Jodtablette"

13. März 2011, 18:23

Eine Pille für die Schilddrüse - "Jodtabletten" aus Kaliumiodid schützen nur ein einziges Organ

Sie wird derzeit in Japan verteilt, wird aber weltweit gerne im Umkreis von Atomkraftwerken in Umlauf gebracht. 2009 verteilte beispielsweise der französische Energieriese EdF sogenannte Jodtabletten an insgesamt 400.000 Haushalte. 2004 wurde gemeldet, dass in Deutschland insgesamt 137 Millionen "Jodtabletten" angeschafft werden sollten, um sieben Zentrallager für den Notfall aufbauen zu können. In der Schweiz werden die Tabletten bei Atomkraftwerken im Umkreis von 20 Kilometern an die Bevölkerung verteilt. Auch in Österreich werden "Jodtabletten" mit einem Wirkstoffgehalt von 65 mg für Kinder und Jugendliche bevorratet.

Und als 2001 in Russland Gerüchte über einen Unfall in einem AKW 1000 Kilometer südlich von Moskau kursierten, deckte sich die Bevölkerung gleich selbst ein: Mit "Jodtabletten" - und Wodka. Diese Kombination ist gar nicht so abwegig - schließlich kann der Wodka helfen, zu vergessen, wie die "Jodtabletten" wirken - und wogegen sie nichts ausrichten können.

Genau genommen handelt es sich bei diesen "Jodtabletten" um Kalium-iodid. Und das hat nur eine einzige Funktion: Prophylaktisch eingenommen, schützt es nach einem Atomunfall die Schilddrüse vor der Aufnahme von radioaktivem Iod. Wird Kaliumiodid rechtzeitig eingenommen, lagert es sich in der Schilddrüse ab - und verhindert so eine weitere Aufnahme, wenn das verstrahlte Radioiod in den Organismus gelangt.

Alle anderen Organe, vor allem aber auch das Erbgut, wären einer Verstrahlung weiter ungehindert ausgesetzt - sofern man sich nicht in einen Schutzraum flüchten kann. Auch die Schilddrüse selbst wäre vor anderen verstrahlten Substanzen oder direkt einwirkender Strahlung keineswegs geschützt.

So gesehen ist die Wirkung durch die Ausgabe von Kaliumiodid-Tabletten vermutlich vor allem eine psychologische: Im Fall des Falles, wenn's ganz schlimm daher kommt, gibt es eh eine Pille, die man einnehmen kann. Strahlenkrankheit? Auch dafür haben wir eine Tablette, wird suggeriert.

Die ältere Bevölkerung kann übrigens bei einem atomaren Notfall auch das Thema Schilddrüse gleich einmal abhaken: Denn für die Gruppe der über 45- bis 50-Jährigen ist die Einnahme von Kaliumiodidtabletten in der Regel nicht vorgesehen. Denn bei den älteren Semestern könnte es passieren, dass eine Schilddrüsenüberfunktion ausgelöst wird. Ursache ist die höhere Iod-Empfindlichkeit dieser Altersgruppe - die vor Einführung der Speisesalziodierung im Jahre 1963 aufgewachsen ist.  (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
1 2
pk
02
14.3.2011, 16:25
M. E. unverantwortlich tendenziöser Artikel

Die ionisierende Strahlung kann natürlich jede Körperzelle treffen und jeden Krebs auslösen, aber wahrscheinlich sind halt nicht alle. Schilddrüsenkarzinome sind sehr wahrscheinlich, und der Grund dafür ist vor allem, dass unter den Spaltnukliden Jod-131 recht prominent vertreten ist. Es wird wie alle Iodisotope in der Schilddrüse gespeichert, dadurch wird ein ziemlich kleiner Teil des Körpers ziemlich intensiv bestrahlt = hohes Risiko für Schädigung. Die Jodtabletten sollen bewirken, das die Schilddrüse durch ein vorhergehendes Überangebot an (inaktivem) Jod das danach dem Körper zugeführte Jod-131 nicht speichert, wodurch die Schädigungswahrscheinlichkeit deutlich sinkt.

Ja, Lösung für ein Teilproblem, aber für ein relevantes. MfG, pk

belgma
 
02
14.3.2011, 16:01

also, bitte schön! mit 45 bin ich nicht VOR 1963 aufgewachsen!!!

kaliope1
00
14.3.2011, 14:02
Mythos Jodtablette

erstmals seit beginn der berichterstattung um die drohende atom-reaktor katastrophe gab es in den mittagsnachrichten auf ö1 eine durchaus auch kritische auseinandersetzung mit dem thema.
radioaktives jod hat eine halbwertszeit von ca.8 tagen.
cäsium 137 eine hwz von 30 jahren. dieses lagert sich nicht nur in muskeln, bindegewebe und organen ab, sondern ebenso in der schilddrüse-trotz jodtabletten. die möglichen spätfolgen kann man sich ausmalen.

Micha Do
 
01
14.3.2011, 14:19
Das ist ja ein Teil der sehr komplexen Thematik "isotope".

Jodauswirkungen könnte man so sehr effektiv geringhalten.
Caesium, Strontium, da ist es praktisch unmöglich, zumal es eine Sache der chemischen Eigenschaften ist, warum unser Körper diese in Zellen und Knochen einbaut. Die Halbwertszeiten noch dazu.
Plutonium ist außer der Radioaktivität noch eine brutal giftige Substanz. Mit sehr wenig Plutonium werden in Japan oder auch bei uns wenn so was zB in Bohunice oder Temelin geschähe, schlagartig ziemlich viele Häuser frei.
Verwendbar allerdings wohl erst in ein paar tausend Jahren.

Micha Do
 
00
14.3.2011, 13:19
Nachsatz:

Micha Do
 
00
14.3.2011, 13:13
Nachdem man die Schilddrüse mit Jod sättigen muß (vorher) empfiehlt sich eine Information seitens des Betreibers ca 8 Stunden vor der geplanten Freisetzung radioaktiven Jods

Ggf könnte man die Hilfe kompetenter Hellseher in Anspruch nehmen.
In Anbetracht der Nähe potentieller "Spender" radioaktiver Isotope zu Österreich und entsprechend kurzer Vorwarnzeit erscheint das hilfreich.

Es empfiehlt sich für den verantwortungsvollen Betreiber auch, gleich eine passende Menge Plutonium freizusetzen. Das erspart den umliegenden Kontinenten eine große finanzielle Belastung durch sinnlose Aufwendungen für Kaliumjodid, in weiterer Folge hätte man eine deutliche Entlastung des Pensionsbudgets zu erwarten. Ob das die mäßig steigenden Aufwendungen für Gesundheitsnachsorge kompensiert, bleibt allerdings fraglich.
MfG

cool1234
00
14.3.2011, 13:50
?

an der katastrophe in japan sieht man doch eh, dass die bevölkerung schon einige zeit vor einer möglichen verstrahlung gewarnt sein kann.

Micha Do
 
01
14.3.2011, 14:11
Das ist grundsätzlich auch ein sehr grosses Glück, in diesem Fall Respekt vor den Abläufen und der Information und Reaktion seitens der japanischen Behörden.

Allerdings ist es in Zeiten der u a googleschen Erdbeobachtung weit schwerer so was zu vertuschen als 1986.
Trotzdem hat sich ja die Betreiberfirma in der Vergangenheit bekanntermaßen nicht grad durch anrainerfreundliche Infopolitik in Störfällen ausgezeichnet.
Trotzdem postuliere ich mal eine deutliche "Unterschätzung des Ausmaßes"
MfG

Micha Do
 
00
14.3.2011, 13:21
2. Versuch: Nachsatz zu "kurzer Vorwarnzeit":

Realiter ist wohl eher eine längere "Nachwarnzeit" zu erwarten in Anbetracht der üblichen Informationspolitik.

Harry Meier
 
20
14.3.2011, 12:32
Habe eh nicht vor mein Erbgut weiterzugeben ..

. und ich bin dem Deibel schon so oft von der Schippe gesprungen, das er es aufgegeben hat.

Arne Karlsson
213
14.3.2011, 12:00
Augenauswischerei

die Jodtablette mag Schilddrüsenkrebs vermeiden wenn man sie in ausreichender Dosierung und ausreichend lange vor einer massiven Strahlenbelastung einnimmt. Gegen alles Andere hilft sie nicht.

Das ist etwa so als wenn ich mir ein Kondom überziehe bevor ich mich von einem Hochhaus stürze - sollte ich beim Aufprall jemanden mit einer Geschlechtskrankheit treffen, dann kann mich das Kondom davor schützen.

Susanne_B
02
14.3.2011, 14:43

Ich mag Ihren Vergleich.

randolf
00
14.3.2011, 11:10
Ja ja

Das hab ich mir schon als Kind gedacht damals, das es zu spät ist, wenn sich die Radiokativität bereits im Körper befindet...

K.
01
14.3.2011, 10:56

Wird man von einem atomaren Niederschlag vollkommen überrascht, dann helfen Vorbeugemaßnahmen wie das Einnehmen von Jodtabletten wenig.
Kündigt sich ein atomarer Niederschlag an, so kann man rechtzeitig beginnen, die Jodtabletten zu nehmen, u.U. zwei bis drei Tage im Haus bleiben um sich dem atomaren Niederschlag nicht auszusetzen.
In der Folge können Jodtabletten dann auch vor Schilddrüsenkrebs schützen, der ev. durch verstrahlte Lebensmittel ausgelöst werden kann.

(Und dass sie kein Allheilmittel sind, müsste jedem halbwegs durchschnittlich intelligentem Menschen ohnehin klar sein.)

Otsch1
 
00
14.3.2011, 14:16

Auch ist zu hoffen, dass der Konsument nicht an Niereninsuffizienz krankt.

ohromat
02
14.3.2011, 10:30
sehr schlechter artikel

sehen sie das bitte mal so:

wenn sie mit feuer spielen können sie sich verbennen.
gut ist, wenn man die verbrennung schnell danach mit wasser kühlt, das hilft.

nur ist verbrennung nicht gleich verbrennung - ihre haut kann rot werden bei einer leichten oder ein schwarzer braten bei einer schweren.
- und ist ihre haut einmal schwarz verkohlt hilft auch nicht sie schnell mit wasser zu kühlen, da hilft garnichts mehr.

ja, und auch von atomarer verseuchung kann man verschieden betroffen sein (je nach nähe zum unglück). schlimmstenfalls innerhalb einiger stunden tot oder aber nur leicht geschädigt (wie die meisten (ergibt sich aus der geometrie von flächen)) - und da hilft die jodtablette.

(°)(°)
10
14.3.2011, 09:53
Besser hier was für den eigenen Schutz bestellen:

www.msa-auer.at

Angeführt in:
http://www.bbk.bund.de/cln_027/n... g_1107.pdf

Schmiernippel mit Doktortitel
00
14.3.2011, 09:36

angeblich hat der Experimentleiter von Tschernobyl als einziger lange überlebt ohne etwas zu haben, obwohl er einer extrem hohen Strahlenbelastung ausgesetzt war.

waterpistolriot
00
14.3.2011, 14:28
toll

angeblich...

Hans Waldkind
01
14.3.2011, 10:36
und?

Schmiernippel mit Doktortitel
10
14.3.2011, 09:19

diese Jodtablette bekommen nur überlebenswichtige Personen für die nächste Generation. Machen wir uns nichts vor, in so einem Ernstfall muss man kühlen Kopf bewahren und berechnen, schafft man es oder schafft man es nicht -

für den Fall das man es nicht schafft, sollte man sich mit Drogen aus der Natur auskennen - um den Abgang etwas erträglicher zu machen

gingerbread
00
14.3.2011, 14:16

Sie bekommen die Jodtabletten in jeder Abotheke und können sie daheim für den Notfall aufbewahren.
Kostenpunkt: 1,80 Euro für 10 Tabletten.
Soviel dazu...

Grammelknoedel
00
14.3.2011, 08:07

Die Jodtablette als Kopf des Tages zu betiteln ... naja. Darf ich mich nun als Nichtmehrbesitzer der Schilddruesen im Ernstfall gluecklicher schaetzen? (Den Krebs hab ich schon hinter mir.) :-/

Tepitena
00
14.3.2011, 15:49
Das hab ich mir auch gerade überlegt!

Den Krebs hab ich nämlich auch schon hinter mir und durfte mich somit auch schon von meiner Schilddrüse verabschieden...

f l o
 
38
14.3.2011, 00:25
schockierend

diese so unglaublich wichtige maßnahme (die in chernobyl - rechtzeitig eingesetzt - so viel leid verhindert hätte!) als "psychologischen effekt" halbwitzig herunterzuspielen, ist obszön.

bitte, herr david-freihsl, recherchieren Sie, und dann nehmen Sie diese aussage zurück! haben Sie überhaupt kein publizistisches schamgefühl?

ich habe wirklich angst, dass in österreich, falls man solche tabletten tatsächlich eines tages brauchen würde, die leute mit dem argument darauf verzichten: ist eh schon alles egal, sterben sowieso alle.

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