Kernschmelze

Unkontrollierbare nukleare Glut

13. März 2011, 17:52

Bei einer Kernschmelze kann sich die glühende Masse aus Brennstäben und deren Hüllen durch den Boden der Reaktorkammer fressen - Wenn sie sich ins Erdreich brennt, droht Gefahr für das Grundwasser

Wien - Das Wort selbst hat bereits einen sinistren Klang: Kernschmelze. Was genau geht in den havarierten Reaktoren eigentlich vor? Das Herzstück eines handelsüblichen Atomkraftwerks ist der Reaktorkern. Er beinhaltet zahlreiche, gut fingerdicke Brennstäbe. Sie bestehen aus radioaktivem Urandioxid (UO2) oder einem Gemisch aus diesem Material und Plutoniumoxid oder Thoriumoxid. Jeder Brennstab hat eine eigene Metallhülle. Diese besteht zu über 90 Prozent aus Zirconium (Zr). Reaktorkerne wie die in Fukushima funktionieren wie gigantische Tauchsieder. Sie befinden sich in einer mit Wasser gefüllten Reaktorkammer. Die durch den radioaktiven Zerfallsprozess in den Brennstäben entstehende Hitze erzeugt Dampf, der über Leitungen abgeführt wird und in einem Nebengebäude Turbinen antreibt.

Die Hitze entstammt einer Kettenreaktion. Wenn etwa ein Uranatom zerfällt, wird nicht nur Energie freigesetzt, es werden auch zwei bis drei Neutronen weggeschleudert. Diese Teilchen prallen auf ein anderes Atom und verursachen dessen Zerfall. Je mehr freie Neutronen, desto schneller verläuft die nukleare Reaktion. Wenn diese in einem AKW gebremst oder gestoppt werden soll, fahren die Techniker Steuerstäbe aus Neutronen-absorbierendem Material in den Reaktorkern ein.

Auch nach einer Abschaltung produzieren die Brennstäbe noch Wärme. Sie beträgt zwar nur wenige Prozent der Normalleistung, kann aber dennoch zu rapide steigenden Temperaturen führen. Wenn sich, wie in Fukushima, der Reaktorkern nicht kühlen lässt, geht die nukleare Glut unkontrolliert weiter. Das Reaktorwasser siedet und verdampft, der Druck steigt. Es kann zu einer Dampfexplosion kommen. Die nicht mehr in Wasser eingetauchten Brennstäbe erreichen Temperaturen bis 2500 Grad, das Uranoxid und die Metallhülle schmelzen. Zudem reagiert glühendes Zirconium mit dem Wasserdampf. Es entstehen ZrO2 sowie hochentzündliches Wasserstoffgas. In Fukushima hat letzteres möglicherweise die Explosion ausgelöst.

Glühende Masse durchfrisst Wände

Derweil verschmelzen im Reaktorkern die Brennstäbe mit den Hüllen. Die glühende Masse bahnt sich einen Weg zum Boden der Reaktorkammer. Das Gemisch enthält auch Spaltprodukte, darunter Cäsium-137 und Strontium-90, die leicht von Lebewesen aufgenommen werden. Aufgrund seiner enormen Hitze kann sich ein geschmolzener Kern durch die Kammerwand und sogar durch die Betonwände der Sicherheitshülle fressen. Was dann passiert, vermag niemand vorherzusagen. Denkbar wäre, dass sich das Gemisch ins Erdreich einbrennt und das Grundwasser verseucht.

Seit AKWs betrieben werden, ist es bereits mehrfach zu Kernschmelzen gekommen. Beim Unfall von Three Mile Island 1979 in den USA kam die Katastrophe praktisch von alleine zum Stehen, in Tschernobyl hingegen setzten eine Explosion und brennendes Grafit, das im Reaktorkern eingebaut war, große Mengen radioaktiver Spaltprodukte in die Atmosphäre frei. (red, DER STANDARD; Printausgabe, 14.3.2011)

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(°)(°)
05
15.3.2011, 19:56
Nukular!

Es heisst nukular!

sayit
00
15.3.2011, 19:35
wie tief?

Wie tief brennt sich denn die Masse in die Erde und brennt sie noch Jahre weiter?

GRohnePunkte
01
16.3.2011, 09:45
Normalerweise schmilzt die Masse bis ins Grundwasser ...

... aber das hängt vom geologischen Aufbau vor Ort ab den wir nicht kennen. Wie tief liegt dort der Grundwasserspiegel? Wie viel Energie geben die geschmolzenen Brennstäbe ab? Wie heiss ist das Gemisch? Welches Gestein ist dort? Quarz? Kalk?

Obwohl ich dafür gescholten wurde, bin ich immer noch der Meinung dass es im Grundwasser zu mehreren Wasserstoff Explosionen kommen wird wenn der Wasserdampf nicht durch Erdspalten entwichen kann. Aber auch das hängt eben von der Geologie vor Ort ab. Aber selbst eine Wasserdampfüberdruck Explosion könnte dann verstrahlte Teile in mehrere tausend Meter Höhe schleudern und diese sogar in den Jetstream geraten. Das Schlimmste steht wahrscheinlich noch bevor. Wenn jemand schon einen Schnellkochtopf explodi

Cuchullain
00
15.3.2011, 19:05
Hier ein videolink über das nukleare Inventar in Tschernobyl:

http://www.dctp.tv/#/tschern... chernobyl/

GRohnePunkte
00
15.3.2011, 12:36
Kennt jemand den geologischen Aufbau der Gegend?

Wie tief liegt dort der Grundwasserspiegel? Wie stark verbunden mit anderen Grundwasser/Trinkwasser Ressourcen ist der Grundwasser Spiegel dort oder ist es geologisch isoliertes Grundwasser? Wie tief ist die feste Erdkruste dort? Welche Mengen an Grundwasser gibt es dort? Könnte bei einer Mega-Knallgas-Explosion in großer Tiefe die Erdkruste so gestört werden dass Magma durch Spalten an die Oberfläche tritt und eventuell einen neuen Vulkan bildet oder ist die Erdkruste dort schon dick genug? Kann so eine Mega-Explosion in großer Tiefe neue große Erdbeben auslösen?

Maxwell Julian
00
14.3.2011, 22:12

Hier gibt es ein paar offitielle Zahlen über den Zudtand der Reaktoren betreffenf Strahlung,Wasserstand im Reaktor,etc...könnten die Experten hier diese Zahlen interpretieren? Link: http://www.nisa.meti.go.jp/english/f... 0315-1.pdf

Zentralkomittee
 
20
15.3.2011, 08:04

Selbst 6 µSv/h ist ziemlich hoher wert; 231 µSv/h ist sehr hoch.
Die grenze für zulässige berufliche exposition ist glaube ich um die 20 Sv/a; was ca 2 µSv/h entspricht.

Al Borland
00
15.3.2011, 09:33

Ich hoffe das ist ein Tippfehler, die Grenze für berufliche Exposition ist 20 MILLI-Sievert pro Jahr.

Zentralkomittee
 
01
15.3.2011, 16:24

ja, wie peinlich das m fehlt, natürlich meine ich 20 mSv/a, was eben 2,3 µSv/h entspricht

(°)(°)
01
15.3.2011, 03:52
OK:

Oh Feuer, oh göttliche Macht...

Marks Hauni
21
15.3.2011, 09:09
informieren statt voreingenommene Infoquellen konsumieren

kompliment an den Beitrag meines Vorschreibers! Wer nicht in Unwissenheit und damit Unsicherheit bleiben sill, sollte sich lieber mal selbst informieren und sich in das Thema zumindest ansatzweise einlesen. Ist immerhin besser, als 10 Stunden die Panikmache der westlichen Medien, sprich uninformierten Journalisten, zu lesen, die nur ihre eigenen Fakten wiedergeben. Hier ein guter Artikel zum Aufbau von Fukushima, technischen Backgrounds und Notfallplänen. Ist zwar von befürwortern von Atomkraft geschrieben, aber keine Pankmachen:
http://bravenewclimate.com/2011/03/1... planation/

Johannes Widi
 
00
15.3.2011, 12:24

Zugegeben, der Artikel schildert erfreulich detailliert und fachkundig die technischen Grundlagen dessen, was in Fukushima vor zwei Tagen passiert ist, die Schlussfolgerungen, die der Autor zieht (The plant is safe now and will stay safe.
Japan is looking at an INES Level 4 Accident: Nuclear accident with local consequences. That is bad for the company that owns the plant, but not for anyone else) haben sich mittlerweile - leider, aber nicht gänzlich überraschend - als blauäugiger, unbegründeter Pro-Atom-Zweckoptimismus erwiesen.

NaturalBornScientist
00
15.3.2011, 10:47
Danke!

Graf Wamperl
00
14.3.2011, 21:38
ich glaub ned dass es viel bringt,

wenn ma zum Beispiel die deutschen Atomkraftwerke abschaltet und dann zreissts eins in Tschechien.

khaleb
011
14.3.2011, 21:59
Sie haben recht, man sollte nur die abschalten, die hochgehen werden.

Nachem der Plan also klar ist, bräuchten wir noch eine klitzekleine 1-bit Information pro Reaktor.

Cuchullain
00
15.3.2011, 19:22
Aus österreichischer Sicht sind natürlich ...

... die tschechischen AKW die allerbösesten Kraftwerke, da sich die Tschechen 1918/19 gegen seine Apostolische Majonäs ... äh ... Majestät erhoben haben!
:-(

khaleb
00
17.3.2011, 20:09
das ist fein dass sie sich erhoben haben

wie Sie wissen wurde das Habsburger-Gesindel ja des Landes verwiesen in Ösistan und am Tag der Ausrufung der Republik wehte kurzfristig vor dem Paralment die rote Fahne (der weisse Streifen war entfernt.

friesfux
02
14.3.2011, 20:13
Reaktor 3 In diesem Reaktor werden Plutonium-Brennstäbe verwendet

Der Reaktor Nr. 3, in dem offenbar gerade die Kernschmelze abläuft, ist mit einem Plutonium-Gemisch befüllt. Das könnte die Katastrophe ins schier Unermessliche befördern. Erst im August wurde Reaktor Nr. 3 mit dem Plutonium-Spezial-Gemisch versorgt, wie Japan Today im August 2010 berichtete:
MOX fuel loaded into Tokyo Electric's old Fukushima reactor

Tokyo Electric Power Co loaded plutonium-uranium mixed oxide fuel into a reactor at its nuclear power plant in Fukushima Prefecture in preparation for the largest Japanese utility’s first plutonium-thermal power generation. The No. 3 reactor at the Fukushima No. 1

MOX-Brennelemente in Atomreaktoren Reaktor 3

http://www.mmnews.de/index.php... -reaktor-3

Cuchullain
00
15.3.2011, 19:23
"Das könnte die Katastrophe ins schier Unermessliche befördern ...."

"Nur 2 Dinge sind unendlich: Das Weltall und die menschliche Dummheit, wobei ich beim Weltall noch meine Zweifel habe"
A.E.

Nashwin_Fuller
 
00
15.3.2011, 16:44

Warum soll diese Tatsache "die Katastrophe ins schier Unermessliche befördern"?

Haben Sie irgendeine faktische Grundlage für die Behauptung?
In jedem Reaktorkern befindet sich ein Anteil von Plutonium.

schwarzesschaf
01
14.3.2011, 19:42
Eine Frage an die Experten...

Wie lange kann es eigentlich dauern so einen Reaktorkern wieder unter Kontrolle zu bekommen?

Ich hätte eigentlich angenommen dass - wenn man sich im absoluten Grenzbereich bewegt - entweder bald die Kühlung Wirkung zeigt oder das Ding völlig entgleitet.

Weiß hier jemand eine fundierte Antwort??

Martin Rosenkranz
01
14.3.2011, 21:53
Ohne jetzt spekulieren zu wollen

In einem funktionierende Kraftwerk läuft das so, dass die Stäbe auf rd. 100°C heruntergekühlt werden - das dauert (bei intakter Kühlung) ca 2. Wochen - und dann ins "Abklingbecken" kommen bis sie transportfähig sind - das dauert Jahre.

Problem derzeit - der "Energieerhaltungssatz" - kennen wir aus Physik. "In einem energetisch abgeschlossenen System ist die Gesamtenergie konstant." Es entsteht aber noch über Jahre Wärme. Somit sollte jedem klar sein - die Wärme, die da drinnen entsteht muss auf jeden Fall abgeführt werden. Die letzte Option ist das brechen des Containment - dann wird an die Umgebung abgegeben - und solange das noch nicht geschehen ist - kühlen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln....wird locker noch Monate dauern.

EauRouge
00
14.3.2011, 19:37
Frage an die Experten

Gibt es nicht sowas wie einen Mega-Inhibitor mit dem man im Notfall einfach alles flutet damit mal ruhe ist oder ist Wasser immer das beste Mittel?

Martin Rosenkranz
01
14.3.2011, 22:00
damit mal ruhe ist

:-)
Im Normalbetrieb werdne die mal 1-2 Wochen runtergekühlt auf ca. 100°, dann kommen sie ein paar Jahre ins Abklingbecken.
Und am Schluss landen sie in diesen berühmtberüchtigten Castoren - und die rauchen immer noch....

So einmal Wasser drauf -fertig ist nicht. Die Brennelemente sind selbst mit perfekt funktionierender Kühlung noch viele Jahre heiß.

Und bei nicht wirklich funktionierender Kühlung....???

(°)(°)
02
14.3.2011, 20:45
HC-Man

könnte hin fliegen, den Reaktor in sein cape wickeln und ausserhalb der Atmosphäre ins Weltall schleudern...

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