Bei der Frage nach der Bedeutung des Islam für die deutsche Kultur geht es um mehr, als nur eine Frage der Integrationsfähigkeit
Im Gegensatz zu unserer Familienministerin Kristina Schröder bin ich kein Islam-Experte. Dies führt mich gleichsam dazu, Sascha Lobo in seiner Ratlosigkeit beizupflichten. Dennoch soll es heute, in diesen Worten zum Sonntag, um den Islam gehen.
"(Hans-Peter Friedrich) hat gesagt, dass der Islam kein prägender Teil der deutschen Geschichte ist - und das ist natürlich völlig richtig. Unser Kulturkreis ist geprägt vom christlich-abendländischen Humanismus. Als Tradition spielt der Islam bei uns keine Rolle und kann deswegen auch nicht zur Leitkultur werden", so Günter Krings.
Zumindest stellt sich nach Marc Röhlig die Frage, die Hans-Peter Friedrich aufwarf, ob der Islam historisch gesehen zu Deutschland gehöre, gar nicht, da unsere Verfassung Glaubensfreiheit vorsieht.
Hätte das Mittelalter ohne Islam länger bestanden?
Doch sollte man sich als Europäer fragen, welche Rolle die arabische Okkupation Spaniens ab dem 8. Jahrhundert spielte. Als jene Hochkultur islamischen Ursprungs entstand, die Wissen und Wissenschaft in Europa aufrecht erhielt, während auch gerade Deutschland in der tiefsten Finsternis des Mittelalters versank. So wurde nicht nur in über Europa verteilten Klöstern, sondern auch in Andalusien das Wissen über Mathematik und Medizin bewahrt, das in der Renaissance wieder vermehrt Verbreitung fand. Und ist Mathematik und Medizin nicht Teil unserer Tradition, Teil unseres Kulturkreises, als das wir uns in intoleranter Weise davon abgrenzen müssen?
Anders gefragt: Hätte das Mittelalter ohne den Islam in Europa länger bestanden?
Das heißt nun andererseits nicht, dass in Deutschland kein Interesse vorherrschte, gerade eine fanatische Ausprägung des Islams zu fördern. Folgt man den Ausführungen von Ian Johnson, so gibt es in Freimann bei München eine Moschee, die von Muammar al-Gaddafi finanziert wurde und zu einem fundamentalen Zentrum avancierte. So existierte im Nationalsozialismus die Idee, man könne den Islam gegen den Kommunismus ausspielen, die prompt von der CIA aufgegriffen wurde. Was wohl schlussendlich zur Stärkung der im Zusammenhang mit Ägypten fast schon verteufelten Moslembruderschaft, nach dem Willen westlicher Geheimdienste, führte.
Jemand, der sich wie Horst Seehofer "gegen die Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen" wendet und ankündigt, die Berliner Koalition werde sich "bis zur letzten Patrone" dagegen sträuben, dass "wir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen", braucht sich nicht über eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung wundern. Obgleich sich Europa zunehmend abschottet und gegen die Flüchtlingsströme "Migrationskooperationen" und Frontex in Stellung bringt. Da wurden auch schon längst humanistische Ideale für Stabilität an Europas Außengrenzen über Bord geworfen.
Leitkultur im Wandel
Dabei sollten Horst Seehofer, Hans-Peter Friedrich und Günter Krings vorsichtig sein, wenn sie sich auf den Humanismus berufen. Oder wenn Kristina Schröder das uneingeschränkte Gelten von Menschenrechten fordert. Dem Anschein nach ist die Leitkultur einem Wandel unterworfen und die Bevölkerung wendet sich vom Humanismus hab - hin zu Fremdenfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit und Rassismus in Deutschland und in Europa.
Aber der Westen hat Muammar al-Gaddafi Patronen und sonstiges Kriegsgerät, das er jetzt gegen die eigene Bevölkerung richtet, erst in die Hand gedrückt - genau wie bei den anderen nordafrikanischen Despoten. Europa und die USA tragen Mitschuld an der Unterdrückung, die sich über Jahrzehnte vollzog und die nicht nur geduldet sondern gefördert wurde. Man kann von Glück reden, dass der politische Wandel in Tunesien und Ägypten so unblutig verlief.
Wer meint mit dumpfer Parole die "Lufthoheit über die Stammtische" zu erringen, stellt im Wesentlichen die eigene Einfältigkeit und Verantwortungslosigkeit zur Schau. Aber Hauptsache es fließt weiter libysche Öl zu uns, damit unsere Wirtschaft bloß keinen Schaden nimmt. Was wiederum zu dieser Ratlosigkeit über das durch unseren Lebensstandard geförderte Leid in anderen Teilen der Welt führt. Leid das Menschen von Afrika nach Europa treibt. Doch können wir uns wirklich hinstellen und die von uns verursachten Probleme auf eine Integrationsdebatte reduzieren? (derStandard.at, 13.3.2011)
Autor
Der Presseschauer, The European, befasst sich seit 2008 mit aktuellen Themen und Themen, die ihm persönlich relevant erscheinen. Die Beteiligung am politischen Diskurs sieht er als demokratische Bürgerpflicht