Erdbeben in Japan

"Gott sei Dank auf Facebook durchgekommen"

12. März 2011, 22:35
  • Artikelbild
    montage: beigelbeck

    Umschlagplatz für Videos von der Katastrophe: der Kanal Citizentube auf dem Videoportal Youtube.

Soziale Netze in der Stunde der Not Drehscheibe für Kontakt und Hilfe

Tokio/Wien - "Kam um 8 am Morgen nach deprimierender Nacht nach Hause .. . Jetzt ist das Kernkraftwerk explodiert, und wir sind vielleicht alle schon verstrahlt. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Werde ich morgen noch leben?" Wie in diesem von Reuters übersetzten Update einer 23-jährigen Sekretärin aus Tokio spiegeln die Online-Netzwerke seit Beginn der Katastrophe Ungewissheit und Verzweiflung in Japan, aber auch Momente der Hoffnung.

Wie bei Katastrophen zuvor, in Haiti 2010 oder nach dem Tsunami 2004, gingen Menschen online, um Information über vermisste Personen zu finden, ob es wieder Zugsverbindungen gibt oder um Kommentare, Videos und Fotos hochzuladen.

"Bin am Telefon nicht durchgekommen, aber Gott sei Dank auf Facebook", informierte ein Status-Update über den endlich gelungenen Kontakt zur Familie. Dazu ein Kommentar: "Facebook stürzt Diktaturen und bringt Familien zusammen."

Und während in der offiziellen Berichterstattung immer wieder von der Disziplin und Ruhe der Bevölkerung die Rede ist, zeigte sich online auch verbreitetes Misstrauen gegenüber offiziellen Stellen. "Ich traue Tepco nicht", kommentierte Tanuki Atsushi auf einer Seite des japanischen Netzwerks Mixi: Hinweis auf frühere Vertuschungen von AKW-Störfällen des Energieversorgers.

Auch für das Ausland war das Internet der Hauptkanal für Familien, Freunde und Arbeitskollegen, um Kontakt nach Japan herzustellen. Twitter, Facebook, Youtube und Skype waren dabei einmal mehr die am meisten benutzten Medien.

Mia T., eine in Wien lebende Studentin aus österreichisch-japanischer Familie, berichtet im Gespräch mit dem Standard von der Sorge um eine Tante und deren Familie, die in einem Tsunami-gefährdeten Gebiet an der Ostküste lebt. "Dann haben wir endlich über Twitter die Nachricht erhalten, dass alle in eine höher gelegene Region evakuiert und dort untergebracht wurden".

Das soziale Medium sei derzeitig die einzige Kommunikationsschiene zu den Verwandten, beschreibt die 25-jährige Studentin. "So haben wir erfahren, dass sie mit Turnschuhen an den Füßen schlafen - damit sie schneller ins Freie rennen können, wenn ein weiteres starkes Erdbeben stattfindet."

Dass die Atomgefahr von Stunde zu Stunde größer wurde, hätten die Verwandten wiederum erst auf dem Umweg über Österreich getwittert bekommen. Die Meldungslage in Japan sei diesbezüglich weniger ausführlich als hier, sagt Mia T. "Die Mehrheit der Japaner ist eindeutig pro AKW."

Wie groß die Suche nach objektiver Information war, zeigte die Website der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien: Deren Homepage www.iaea.org brach unter dem Ansturm der Besucher vorübergehend zusammen - die Facebook-Seite www.facebook.com/iaeaorg half der Atombehörde, die technische Überlastung zu kompen- sieren.

Wie bei früheren Gelegenheiten richtete Google die Suchseite "Person Finder" ein, die Suche und Angaben zu gesuchten Per-sonen zusammenbringt. Ein eigenes Portal, www.google.com/crisis response, sammelt Warnungen, Nachrichten, Verkehrsinformation und andere essenzielle Links.

Auf Youtube häufen sich inzwischen die Videos von der Katastrophe, sowohl Ausschnitte aus den Nachrichtensendungen japanischer wie internationaler Sender als auch von Betroffenen meist am Handy gedrehte und hochgeladene Videos. Youtube.com/Citizen tube sammelt diese Beiträge. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2011)

Kommentar posten
18 Postings
Arno Nymisiert
00
14.3.2011, 04:14

eigentlich erschreckend wie leichtfertig man facebook verherrlicht. "...stürzt diktaturen und bringt familien zusammen"

Umsatzsteigerung
01
13.3.2011, 10:28
Bin am Telefon nicht durchgekommen

aber über Facebook.

Toll. Und zu Facebook, also ins Internet, komme ich? Na, na? Richtig, über die gleiche Leitung in meinem Haus, die auch zum telefonieren benutzt wird.

Gut, das wir mal darüber gesprochen haben.

hitower
00
13.3.2011, 11:20

Ich glaub eher, dass es daran liegt, dass viele Sendemasten kaputt sind/die vorhandenen Sendemasten hoffnungslos überlastet sind. Zum telefonieren brauchen beide zur selben Zeit eine Verbindung, für Facebook/Twitter, braucht immer nur einer eine Verbindung. Facebook ist sowas wie ein Anrufbeantworter...

Umsatzsteigerung
00
13.3.2011, 11:37

Irrtum. Sie brauchen für fast jede Art der Kommunikation eine unmittelbare Antwort der Gegenstelle. Egal, ob Sie jetzt Facebook ansteuern oder ein simples Telefon, Daten müssen in beide Richtungen fliessen und zwar innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens. Gibt es innerhalb dessen keine Antwort, wird die Verbindung wegen Zeitüberschreitung nicht hergestellt.

hitower
00
13.3.2011, 11:48
ACH NEIN

Es macht aber sehr wohl einen Unterschied ob die Verbindung Ich-Sendemast-alles dazwischen-Sendemast-Freund(alles im Krisengebiet) aussieht, oder ob es Ich-Sendemast-alles dazwischen-Facebook(alles bis auf Facebook im Krisengebiet) aussieht....

Umsatzsteigerung
00
13.3.2011, 12:03

Haben Sie die obige Meldung überhaupt durchgelesen? Hier war der Empfänger der Nachricht in Mitteleuropa und nicht ebenfalls im Krisengebiet. Und für diesen Fall ist meine Aussage zutreffend.

hitower
00
13.3.2011, 12:06
OK ich hab doch glatt den wahrscheinlichsten Fall vergessen...

Japaner aus dem Katastrophengebiet ruft Freund im Ausland an.... Ob der Nachbar noch lebt geht denen sicher am Arsch vorbei

Umsatzsteigerung
00
13.3.2011, 12:16

Wenn hier der Staudamm bricht und ich überlebe das, rufe ich wahrscheinlich erst mal meinen 400 km entfernt lebenden Bruder an und sage, dass ich noch lebe. Den Nachbarn rufe ich erst mal nicht an. Nennen Sie mich herzlos, ist aber so.

hitower
00
13.3.2011, 12:40

Trotzdem hat facebook noch den vorteil, dass es jeder auf einmal lesen kann. also nach dem anruf beim bruder kannst es vielleicht doch auf facebook posten^^

Deci
00
13.3.2011, 10:32

Im Jahre 2011 gibts mehr Möglichkeiten als über die Telefonleitung Online zu gehen... und viele nutzen das, ehrlich!

Umsatzsteigerung
00
13.3.2011, 10:54
Ja, wissen wir.

Ich steh da also in den Trümmern rum, mein Handy/Smartphone in der Hand. Oh, super - den Mobilfunkturm hats nicht erwischt. Ich hab ein Netz. Aber statt einfach die Nummer der Eltern zu wählen und zu sagen: Hallo, macht euch keine Sorgen, ich lebe noch... gehe ich erstmal ins Internet, logge mich bei Facebook und Co ein und tippe auf der winzigen Tastatur rum, um aller Welt mein Überleben kund zu tun. Klingt irgendwie logisch? Vielleicht werde ich einfach nur alt?

Herzerzog Johann
00
13.3.2011, 08:22
Jede Menge Psychopathen ...

... scheinen auf Facebook & Twitter unterwegs zu sein.

aenema_lateralis
 
00
13.3.2011, 07:08
"Bin am Telefon nicht durchgekommen, aber Gott sei Dank auf Facebook"

e-mail?

Dorian Gray1990
00
13.3.2011, 10:52

facebook ist da besser, man sieht wer vor seinen Pc sitzt, man kann chatten und es funktioniert viel flüssiger als die"Steinzeit" Mail....

Hey da geht es Menschen echt schlecht, sie wollen nur wissen ob es ihren Lieben auch gut geht, ich denke nicht dass diese Menschen ein Medium nutzen würde das für ihre Zwecke nicht den höchstmöglichen Erfolg bringen würde.

Außerdem ist es kostenlos.

jerry springer
01
13.3.2011, 03:18
trotzdem kommt mir...

...eher ein telex als facebook ins haus.

no_milk_today
00
13.3.2011, 11:47

viel zu modern. ein telegraf reicht vollkommen

Everythingsgonnabealright
00
13.3.2011, 00:31

Hätte man natürlich auch so schreiben können: "Facebook stützt Diktaturen und bringt Familien..."

Lorf
 
33
12.3.2011, 22:56

"Dank Facebook wurde der Supergau verhindert"
...fehlt grad noch. -.-

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.