Soziale Netze in der Stunde der Not Drehscheibe für Kontakt und Hilfe
Tokio/Wien - "Kam um 8 am Morgen nach deprimierender Nacht nach Hause .. .
Jetzt ist das Kernkraftwerk explodiert, und wir sind vielleicht alle schon
verstrahlt. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Werde ich morgen noch
leben?" Wie in diesem von Reuters übersetzten Update einer 23-jährigen
Sekretärin aus Tokio spiegeln die Online-Netzwerke seit Beginn der Katastrophe
Ungewissheit und Verzweiflung in Japan, aber auch Momente der Hoffnung.
Wie bei Katastrophen zuvor, in Haiti 2010 oder nach dem Tsunami 2004, gingen
Menschen online, um Information über vermisste Personen zu finden, ob es wieder
Zugsverbindungen gibt oder um Kommentare, Videos und Fotos hochzuladen.
"Bin am Telefon nicht durchgekommen, aber Gott sei Dank auf Facebook", informierte ein Status-Update über den
endlich gelungenen Kontakt zur Familie. Dazu ein Kommentar: "Facebook stürzt Diktaturen und bringt Familien
zusammen."
Und während in der offiziellen Berichterstattung immer wieder von der
Disziplin und Ruhe der Bevölkerung die Rede ist, zeigte sich online auch
verbreitetes Misstrauen gegenüber offiziellen Stellen. "Ich traue Tepco nicht",
kommentierte Tanuki Atsushi auf einer Seite des japanischen Netzwerks Mixi:
Hinweis auf frühere Vertuschungen von AKW-Störfällen des Energieversorgers.
Auch für das Ausland war das Internet der Hauptkanal für Familien, Freunde
und Arbeitskollegen, um Kontakt nach Japan herzustellen. Twitter, Facebook, Youtube und Skype waren dabei einmal mehr die
am meisten benutzten Medien.
Mia T., eine in Wien lebende Studentin aus österreichisch-japanischer
Familie, berichtet im Gespräch mit dem Standard von der Sorge um eine Tante und
deren Familie, die in einem Tsunami-gefährdeten Gebiet an der Ostküste lebt.
"Dann haben wir endlich über Twitter die Nachricht erhalten, dass alle in eine
höher gelegene Region evakuiert und dort untergebracht wurden".
Das soziale Medium sei derzeitig die einzige Kommunikationsschiene zu den
Verwandten, beschreibt die 25-jährige Studentin. "So haben wir erfahren, dass
sie mit Turnschuhen an den Füßen schlafen - damit sie schneller ins Freie rennen
können, wenn ein weiteres starkes Erdbeben stattfindet."
Dass die Atomgefahr von Stunde zu Stunde größer wurde, hätten die Verwandten
wiederum erst auf dem Umweg über Österreich getwittert bekommen. Die
Meldungslage in Japan sei diesbezüglich weniger ausführlich als hier, sagt Mia
T. "Die Mehrheit der Japaner ist eindeutig pro AKW."
Wie groß die Suche nach objektiver Information war, zeigte die Website der
Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien: Deren Homepage
www.iaea.org brach unter dem Ansturm der Besucher vorübergehend zusammen
- die Facebook-Seite www.facebook.com/iaeaorg half der Atombehörde, die
technische Überlastung zu kompen- sieren.
Wie bei früheren Gelegenheiten richtete Google die Suchseite "Person Finder"
ein, die Suche und Angaben zu gesuchten Per-sonen zusammenbringt. Ein eigenes
Portal, www.google.com/crisis response, sammelt Warnungen, Nachrichten,
Verkehrsinformation und andere essenzielle Links.
Auf Youtube häufen sich inzwischen die Videos von der Katastrophe, sowohl
Ausschnitte aus den Nachrichtensendungen japanischer wie internationaler Sender
als auch von Betroffenen meist am Handy gedrehte und hochgeladene Videos.
Youtube.com/Citizen tube sammelt diese Beiträge. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2011)