Ostwind, Regen und eine Explosion in Mochovce - das ist der Albtraum der Katastrophenschützer in Österreich. Obwohl eine ernsthafte nukleare Bedrohung als unwahrscheinlich gilt, haben die Behörden genaue Pläne.
Durch den Unfall in Japan ist Österreich nicht in Gefahr, das Schreckenszenario sieht anders aus: Samstagnachmittag, 300.000 Menschen vergnügen sich beim Donauinselfest. Es ist schwül, starker Westwind treibt Regenwolken über die Stadt - und dann explodiert etwa Mochovce. In diesem Fall wäre es höchste Zeit für den Katastrophenschutz.
Vier bis sechs Stunden dauert es mindestens, bis eine radio- aktive Wolke Österreich erreichen kann. Spätestens an der Grenze wird sie von einer der 336 Messstationen des Strahlenwarn- systems registriert. Im Einsatz- und Krisenkoordinationszentrum (EKC) im Innenministerium läutet der Alarm.
Hier sitzen rund um die Uhr Beamte, die im Ernstfall den Katastrophenschutz koordinieren. Bei einem Atomunfall leiten sie die Daten an das Lebensministerium weiter, Experten berechnen, wann es zu welcher Strahlenbelastung kommen kann. Wenige Minuten später informieren sie das EKC, dieses die Katastrophendienste der einzelnen Länder - per Mail. Sollte das Internet versagen, steht eine eigene Telefonleitung bereit.
Fenster schließen und abdichten
Evakuierungspläne gibt es nicht - weil es bei einer Stadt wie Wien kaum möglich ist und weil Österreich nicht in der Kerngefahrenzone von 20 bis 30 Kilometern im Umkreis eines Atomkraftwerks liegt. Über Radio und Fernsehen werden die Menschen aufgefordert, ruhig zu bleiben und ihre Häuser nicht zu verlassen, in sehr ernsten Fällen heulen die Sirenen. Ruhe zu bewahren ist das Wichtigste: Fenster schließen und abdichten, sofort Klimaanlagen abschalten.
Bunker gibt es keine, dort wäre es schwerer, Menschen mit Informationen und Essen zu versorgen, außerdem wäre der Weg dorthin mitunter gefährlich. In Wien sind viele Hauswände dick genug.
Die Schulen werden angewiesen, Kindern Jodtabletten auszugeben. In Apotheken, Spitälern oder bei Betriebsärzten lagern mehr als fünf Millionen Packerln mit je zehn Tabletten, dezentral über ganz Österreich verteilt - ein großer Vorteil gegenüber Systemen in anderen Ländern. 400.000 Packungen behält das Innenministerium als Reserve.
Wer Jodtabletten isst, muss trotzdem im Haus bleiben - sie schützen nicht vor radioaktiver Strahlung, sondern verhindern nur, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse einlagert.
Wien: Grundwasser statt Hochquellwasser
Derweil machen sich die 120 Strahlenspürtrupps der Polizei auf den Weg in jene Regionen, die betroffen sein könnten, um dort die Strahlenwerte zu messen. Auch das Trinkwasser wird regelmäßig überprüft. Wird eine Belastung festgestellt, kann Wien beispielsweise von Hochquellwasser auf Grundwasser wechseln.
Wer Kühe hat, muss sie von der Weide holen, damit sie kein verseuchtes Futter fressen. An der Grenze werden Lieferungen aus den betroffenen Regionen abgefangen. Lebensmittellager gibt es keine - weil im Notfall immer aus anderen Gegenden etwa frische Milch gebracht werden kann.
Fängt es an zu regnen, freuen sich die Wiener, und die Oberösterreicher zittern: Mit dem Wasser kommt der radioaktive Staub auf den Boden - in der Stadt rinnt er in die Kanäle, am Land in den Boden. Sobald die radioaktive Wolke abgezogen ist, wird Entwarnung gegeben. Jetzt beginnt das große Messen: Können wir die Milch noch trinken? Muss die gesamte Getreideernte vernichtet werden? Passiert ist das bisher noch nicht. (red, DER STANDARD, 13.3.2011)