Wie weit ist Fukushima von Österreich entfernt?

12. März 2011, 21:09

Die Reaktorkatastrophe in Japan und die Frage nach der Zukunft der Atomkraft in unseren Nachbarländern - von Peter Weish

Das Volksbegehren "Raus aus Euratom" ist zwar gescheitert, seine Forderung aber beängstigend aktuell.

*****

Die Welt steht im Banne der schrecklichen Erdbebenkatastrophe in Japan. Die Bilder der gigantischen Schäden sind per TV leicht zu vermitteln, das Leid der Betroffenen ist für uns Zuschauer bei allem Mitgefühl nicht annähernd nachvollziehbar.

Nun droht nach den schweren Schäden im Atomkraftwerk Fukushima aber noch eine zusätzliche nukleare Katastrophe. - Was ist geschehen, was kann noch geschehen?

Wenn man den verschiedenen Lageberichten im ORF zuhört, fällt auf, dass viele der Angaben, zum Beispiel über den Strahlenpegel oder den vermuteten Unfallverlauf so laienhaft formuliert (oder auch übersetzt) sind, dass man damit nicht viel anfangen kann. Jedenfalls ist das geschehen, was bei jedem Atomkraftwerk eintreten kann: Netzausfall und Versagen der Notstromversorgung. Dann kommt es zu unzureichender Kühlung des Reaktorkerns, der nach bisherigen Meldungen bereits teilweise geschmolzen ist. Ein Zustand, wie er in ähnlicher Weise, aber mit einer anderen Vorgeschichte, 1979 in Three Mile Island, USA, geherrscht hat. Damals ist man haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.

Mittlerweile werden in Japan bereits Evakuierungen durchgeführt. Was das bedeutet, inmitten des Erdbebenchaos, ist für uns unvorstellbar. Kommt es zu massiver Freisetzung radioaktiver Spaltprodukte, tritt eine Potenzierung des Schadens ein: Die für nukleare Katastrophen vorgesehenen Notfallmaßnahmen, die schon bei funktionierender Infrastruktur kaum umsetzbar sind, müssen nach den massiven Erdbebenschäden fast zwangsläufig scheitern: Kommunikation, Verkehrssysteme, Energieversorgung sind zusammengebrochen, Katastrophenhelfer werden radioaktiv kontaminiert, müssen medizinisch ganz speziell versorgt werden. Wie soll das geschehen, wenn das medizinische System nicht mehr funktioniert?

"Beruhigend" wirken die Aussagen der Meteorologen: Eine radioaktive Wolke, wenn sie höhere Luftschichten erreicht, würde nach Osten, über den Pazifik ziehen und über dem Meer von Niederschlägen ausgewaschen. Wenn man aber an frühe Erfahrungen der Japaner mit den A-Bombertests im Pazifik denkt, wird die Radioaktivität vermutlich über die Fischmärkte wieder zurückkehren - direkt in der Nahrungskette.

Jedenfalls ist heute schon abzusehen, dass dieser Unfall gigantische Kosten nach sich ziehen wird, selbst wenn eine nukleare Katastrophe, wie wir alle hoffen, ausbleiben sollte.

Zugleich stellt sich natürlich generell die Frage nach den Folgen von "Fukushima" für die Zukunft der Atomkraft. 25 Jahre nach Tschernobyl steht zu befürchten, dass der Lernerfolg gering sein wird. Zu sehr ist die militärische und die zivile Atomindustrie mit der Politik vernetzt, zu viel Geld, auf dessen Rendite man nicht verzichten will, wurde in diesen Sektor investiert.

"Wichtig ist: Österreich ist nicht betroffen" , meinte unser Umweltminister, der ja für die Vertretung der atomkritischen Haltung Österreichs gegenüber unseren Nachbarstaaten zuständig ist. Eine bemerkenswerte Aussage. Falls, was nicht auszuschließen ist, eine radioaktive Wolke aus Temelín, Mochowce oder einem deutschen AKW, deren Laufzeitverlängerung unsere Regierung nach zaghafter Kritik hingenommen hat, Österreich heimsuchen sollte, so kann man dazu beruhigend anmerken: "Wichtig ist, dass Australien nicht betroffen ist!"

Wichtig für verantwortungsbewusste Menschen ist hingegen, an das unermessliche Leid der Betroffenen, auch der bisherigen nuklearen Unfälle zu denken und alles daranzusetzen, dass dieses unverantwortliche Katastrophenpotenzial in Gestalt von Atomkraftwerken aus der Welt geschafft wird.

Einen international wirksamen Anstoß dazu kann Österreich mit einem Austritt aus Euratom leisten, einem Vertrag, in dessen Präambel bereits zu lesen ist, dass sein Ziel darin besteht, eine mächtige Atomindustrie zu schaffen.

Unsere Volksvertreter haben ja viel dazu beigetragen, dem Volksbegehren "Raus als Euratom!" den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nach dem von ihnen erwünschten und mitverursachten "Flop" des Volksbegehrens sollten sie angesichts der japanischen Katastrophe nicht wieder in der bequemen Tatenlosigkeit in Atomfragen verharren, sondern entschieden gegen die Bedrohung Österreichs durch benachbarte Atomanlagen auftreten. Ein Austritt Österreichs aus Euratom würde klare Verhältnisse schaffen und wäre die Basis einer glaubwürdigen atomkritischen Energie- und Außenpolitik. Als dezidiertes Euratom-Nichtmitglied könnte Österreich leichter konsequent gegen die nukleare Bedrohung seitens seiner Nachbarstaaten auftreten, statt wie heute diese Bedrohung sogar noch mit zu finanzieren. Kurzum: Ein Austritt Österreichs aus Euratom wäre ein deutliches Signal für die EU, einen Wandel in Richtung Zukunftsfähigkeit und Lebensfreundlichkeit einzuleiten. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2011)

Peter Weish (74) ist Biologe, zählt seit den späten 60er-Jahren zu den führenden Köpfen der Österreichischen Ökologie- und Anti-AKW-Bewegung und engagierte sich zuletzt im Personenkomitee "Raus aus Euratom".

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Posting 1 bis 25 von 56
1 2
doomwatcher
00
18.3.2011, 17:05
2,8% Atomstrom

Im österreichischen Stromnetz fließen 2,8% Atomstrom (28% von den 10% Strom, den wir importieren. Das hat unlängst ein Vertreter der E-Control im Fernsehen klargestellt. Das ist immer noch zuviel, aber es rechtfertigt nicht die ewigen zynischen Seitenhiebe aus dem In- und Ausland. Und wenn wir auf die 2,8% Atomstrom oder sogar auf die gesamten 10% Importstrom verzichten müssten, würde uns das auch nicht ins finstere Mittelalter zurückwerfen, sondern höchstens vielleicht auf das Verbrauchsniveau der Neunzigerjahre, wo wir keineswegs bei Fackel und Kienspan gefroren haben.

/. nerd
 
01
18.3.2011, 19:25
"Fackel und Kienspan" vielleicht nicht, aber iPhone und der stan.ard .at auch nicht

Und den halbwegs umwelt- und anrainerverträglichen Individualverkehr können S' bei einem Verbrauchsniveau von 1990 schon ganz vergessen.

Nicht dass gar kein IV nicht sowieso die beste Lösung wäre, aber dann schauen Sie mal, wie Sie 2 Millionen in einer frühkindlichen Trotzphase steckengebliebenen Menschen ihr Spielzeug wegnehmen.

Christine Berndl
00
15.3.2011, 18:41
Wie kann unsere Konsequenz aussehen???

Ich finde gegen Atomenergie ALLEIN zu sein ist zu wenig.
Im österreichischen Stromnetz fließen ca.20% Atomstrom(und fossiler Strom).
Greenpeace hat die Händlermixe der österr. Landesversorger untersucht und auch einen Kommentar zum Verbund abgegeben.
http://marktcheck.greenpeace.at/atomstrom.html
Es sind auch die 2 Ökostromanbieter Österreichs angeführt.
Ich vertraue seit 6 Jahren auf das Familienunternehmen Alpen Adria Energie www.aae.at
jährlich kontrolliert vom Umweltzeichen Grüner Strom, dadurch wird der Zukauf von Atomstrom unmöglich, was auch nicht mit der Firmenphilosophie vereinbar wäre.
AAE Ökostrom ist meist sogar preisgünstiger als beim ortsüblichen Stromanbieter.

hlg
01
15.3.2011, 07:21
herr weihs...

war damals bei uns in der schule...

um uns über die gefahren von atomkraftwerken zu informieren...

schon damals hat er gesagt, dass die umgebungsbedingungen zu wenig beachtet werden.

es wird im störfall nicht immer möglich sein von aussen einzugreifen...

wie recht er hatte ist erschreckend.

Josef Lueger
01
14.3.2011, 12:10
Versichern beruhigt

Jeder Autofahrer muss eine Haftpflichtversicherung haben, um Unfallschäden abzudecken.

Genau das Gleiche wäre von der Atomindustrie zu verlangen. Leider ist es bisher nicht dazu gekommen, weil keine Versicherung derart unkalkulierbar gefährliche Anlagen versichern will und natürlich weil unsere politischen Machthaber im Sold der Atomlobby stehen.

Wenn eine Haftpflichtversicherung für Atomkraftwerke gesetzlich vorgeschrieben würde, müssten die Kraftwerksbetreiber dermaßen hohe Prämien zahlen, dass die Stromproduktion aus Kernkraftwerken mit einem Schlag unwirtschaftlich wäre.

Das ist der beste Beweis, dass Atomkraftwerke volkswirtschaftlich unrentabel sind und ihr gesamtes Risiko schamlos auf die Menschheit abgewälzt wird.

Anhänger der direkten Demokratie
01
14.3.2011, 14:30

Sie sprechen (nicht nur) mir aus der Seele. Niemals würde sich das rechnen! Es würde sich schon jetzt nicht rechnen, wenn man die Endlagerfrage in die Kalkulation hineinnähme...

Anhänger der direkten Demokratie
00
14.3.2011, 09:44
An die Wichtigtuer

Während es für die Mehrheit der Standard Poster aus humanökologischen Gründem sonnenklar ist, sich gegen die Kernkraft auszusprechen, sehen einige Kleingeister hier die Möglichkeit, sich wichtig zu machen.

Bitte richtet einen Facebook Account ein und feierts Euch selber, aber erspart uns euren geistigen Müll...

Mary Nosch
00
14.3.2011, 08:19
zu bescheiden

boris2
00
14.3.2011, 08:14
Übrigens Als der Krakatau 1816 explodierte,

hatte Europa einige Jahre Hungersnot

selbst-denker
02
13.3.2011, 17:58
das kann ich nur unterschreiben!

"Als dezidiertes Euratom-Nichtmitglied könnte Österreich leichter konsequent gegen die nukleare Bedrohung seitens seiner Nachbarstaaten auftreten, statt wie heute diese Bedrohung sogar noch mit zu finanzieren. Kurzum: Ein Austritt Österreichs aus Euratom wäre ein deutliches Signal für die EU, einen Wandel in Richtung Zukunftsfähigkeit und Lebensfreundlichkeit einzuleiten." Klare Worte zu einer klaren Angelegenheit. Wir sollten uns nicht mehr von Renditen, verblendeten Ökonomen und Geldhaien knebeln lassen. Letztlich bekommen wir Steuer Zahlenden und unsere Kinder die Rechnung dafür.

Europa geht pleite, wer geht mit?
 
01
13.3.2011, 15:34
Japans Problem: Kaum eigene Energiereserven.

Russland hat Gas, Deutschland hat Kohle, Amerika hat (fast) alles, Kanada hat Holz, Island hat Geothermie.
Japan hat eine große Bevölkerungsdichte, eine riesige Industrie und damit einen hohen Verbrauch, aber keine natürlichen Ressourcen. Das müsste alles importiert werden, daher die intensive Kernkraftnutzung.

Hofrat Geiger
00
14.3.2011, 11:38
Wie wäre es mit ...

# Gezeitenkraftwerken in den tausenden Buchten der japanischen Inseln ??
# Windparks vor den Küsten und auf den Berge ??
# Energiesparen im Land der beheizten Klobrillen ??

suboptimal
 
28
13.3.2011, 14:34
"Das kann bei uns niemals passieren" …

Als Three Mile Island explodierte, sagtest Du, das sei ja nur Wasserstoff gewesen, kein Uran, das könne bei uns nicht passieren.

Als Tschernobyl explodierte, sagtest Du, das seien ja nur russische Sicherheitsstandards gewesen, keine deutschen, das könne bei uns nicht passieren.

Als Fukushima explodierte, sagtest Du, in Deutschland gäbe es keine solchen Erdbeben, das könne bei uns nicht passieren.

Als Grohnde explodierte, konntest Du nach ein paar Stunden nichts mehr sagen. Du warst ja nur 80 km entfernt.
.

Lilly Rush
 
02
13.3.2011, 23:56

Genau!

Egal ob sie jetzt explodiert sind oder nicht:

Solche Unfälle/Naturkatastrophen sind einfach nicht beherrschbar und werden wieder passieren.

Würden die Kosten der Schadensbeseitigung (inkl. Langzeitbehandlungen für Erkrankte) für diese "Unfälle" miteinberechnet werden, wäre Atomstrom nicht rentabel.

aha15
23
13.3.2011, 16:08

wirklich explodiert ist bis jetzt "nur" tschernobyl.

ihr text ist - bei aller sympatie - purer populismus

thomazz
01
13.3.2011, 18:04

auch wenn es sich 'nur' bei tschernobyl um eine explosion gehandelt hat, zeigen die zwischenfälle in vermeintlich sicheren kernkraftwerken auf, dass doch nicht alles ganz so sicher ist, wie es lobbyisten den politikern, und politiker anschließend dem volk verkaufen.
wieviele tschernobyls wären nach deinem maßstab notwendig, um zu beginnen, über den ausstieg aus der energiegewinnung durch atomkraft nachzudenken?

aha15
10
13.3.2011, 20:27

haben sie gelesen, was ich schrieb?
nachdenken: ja!
polemik? nein!
und was oben steht, stimmt einfach hinten und vorne nicht. nochmals: explodiert ist "nur" (in anführungszeichen, "nur") tschernobyl. die anderen akw sind NICHT explodiert.
und das ist purer populismus!

suboptimal
 
14
14.3.2011, 18:23
in vier Wochen

reden wir weiter.
Niemand lügt so viel wie die Atomlobby.

/. nerd
 
00
18.3.2011, 19:26
Doch - die Antiatomlobby

Hält sich mindestens die Waage, wenn ihr nicht eher schon auf der Überholspur seit.

aha15
00
16.3.2011, 08:15

auch in 3 wochen bleibt es dabei, dass harrisburgh nicht explodiert ist.

beim rest haben wir keine differenz. mir geht es um redlichkeit.

verleih nix
20
13.3.2011, 16:34

high-noon für die anti-atom-lobbyisten

klagwerk
01
13.3.2011, 14:23
danke an die Redaktion !

sehr guter Artikel

tante_jolesch
01
13.3.2011, 14:18
Wieder einmal hat uns die Natur gezeigt...

wie falsch unsere Selbsteinschätzung ist.
Wir haben wesentlich weniger im Griff, als wir denken - gerade angesichts der aktuellen Katastrophe: Beben - Tsunami - AKW-Störfall, haben wir erneut den unwiderlegbaren Beweis bekommen.

trotzdem ...
"Atomstrom, der billige, reine, sichere Strom" lautet die unermüdliche Parole der Atomlobby. AKWs als Lösung der Energiekrise, ohne "böse Folgen" - wir haben Alles im Griff. Wen die Atomlobby im Griff hat, zeigt sich klar.
Bezüglich Risikobewertung von AKWs, kommt zu den bekannten Fakten (grenzüberschreitende & generationswirksame Folgen, ungelöste Frage der Brennstäbelagerung) der Schwachpunkt Mensch hinzu (Vertuschung, Desinformation)

Zu den Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Tscharli Tschepplin
02
13.3.2011, 13:16
Glaubwürdigkeit

Also mich beruhigt es, wenn Niki Berlakovic sagt: Es passiert nix! Er ist ja so glaubwürdig und kompetent!

presumption of innocence
11
13.3.2011, 13:02
Unsere Politiker

rückgratlose Weichtiere, die auf das Anfüttern der Lobbyisten trainiert sind.

Wo sind Persönlichkeiten wie Meissner-Blau oder der DrDrDr.?

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