Liessmann im STANDARD-Interview

"Energiehunger der Welt hat fast pathologische Züge"

12. März 2011, 20:58
  • Artikelbild
    foto: standard/heribert corn

    "Um uns selbst für wenige Jahrzehnte eine vermeintlich billige Energie zu verschaffen, belasten wird zigtausende nachfolgende Generationen", sagt Konrad Paul Liessmann über die "Sackgasse" Atomkraft.

Philosoph Liessmann über Atomkraft als "Sonderfall von Technik"

Philosoph Konrad Paul Liessmann über Atomkraft als "Sonderfall von Technik", Verantwortungslosigkeit als Prinzip und wie aus 24 hellen Stunden 24.000 dunkle Jahre werden können. Mit ihm sprach Lisa Nimmervoll.

*****

STANDARD: Wie ist das zu erklären, dass ein Land wie Japan, das über dem "Pazifischen Feuerring" liegt - wenn es irgendwo auf der Welt bebt, dann ist das Epizentrum zu 90 Prozent dort -, seit mehr als einem halben Jahrhundert die Atomkraft ausbaut. Tollkühn?

Liessmann: Man darf nicht vergessen, Japan war das erste und einzige Land, das Opfer der militärischen Nutzung der Atomkraft geworden ist. Zwei Städte, Hiroshima und Nagasaki, wurden durch Atombomben zerstört. Es mag von daher eine bestimmte Form der Verarbeitung oder auch Verdrängung dieser Zerstörung sein, zu zeigen, dass man Atomkraft nicht nur für die Bombe, sondern auch für friedliche Energiegewinnung verwenden kann. Und Japan gehört zu den westlichen Ländern, die ein hohes Maß an Vertrauen in Technologie haben, während kontinentaleuropäische Gesellschaften manchmal im Verdacht stehen, technikfeindlich zu sein. Aber unter bestimmten Bedingungen zeigt sich, dass eine gewisse Form von Technikfeindlichkeit dann doch auch eine Form der Klugheit sein kann.

STANDARD: Japan sichert 30 Prozent seines Energiebedarfs mit AKW.

Liessmann: Kernkraftwerke, nicht nur in Japan, sondern weltweit, funktionieren nur unter der Prämisse, dass diejenigen, die davon den Nutzen und den Gewinn haben, für etwaige katastrophale Folgen nicht einstehen müssen, weil diese Folgen zu groß sind. Statistisch gesehen mögen diese Katastrophen nur extrem selten eintreten, aber wenn sie eintreten, sind die Konsequenzen so verheerend, dass nicht nur ganze Länder oder Kontinente betroffen sind, sondern auch künftige Generationen. Die radioaktiven Zerfallsprodukte des Reaktors von Tschernobyl sind noch immer vorhanden, das darin vorkommende Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren. Was war vor 24.000 Jahren? Das Neolithikum. Wir rechnen also damit, dass Menschen in 24.000 Jahren noch das Wissen, die Technologien, die Ressourcen haben werden, um mit diesen noch immer vor sich hin strahlenden Objekt fertigzuwerden.

STANDARD: Ist die Atomkraft also eine Zauberlehrlings-Technologie?

Liessmann: Der Philosoph Günter Anders hat das schon vor einem halben Jahrhundert exakt beschrieben: Wir haben eine Technik entwickelt, deren Dimensionen wir uns nicht mehr vorstellen können. Wenn ich jemandem sage, was du jetzt machst, wird Folgen haben, und deine Kinder werden daran sterben, dann kapiert man das. Wenn ich jemandem sage, was du jetzt machst, wird Folgen haben, und in einer Million Jahre werden die Menschen noch Probleme damit haben, zucken wir mit den Achseln. Das ist eine grundsätzliche Diskrepanz, die paradoxerweise den Einsatz solcher Technologien erleichtert. Wenn die Katastrophe so groß ist, dass ohnehin die ganze Menschheit auf Jahrtausende davon betroffen ist, dann ist es auch schon egal. Anders sprach von der "Überschwelligkeit" dieser Technologie. Diese Technologie ist schädlich, weil sie eine Logik hat, die es unmöglich macht, die Verantwortung für ihre Folgen individuell oder als Konsortium von Kernkraftbetreibern oder, wie im Fall der ehemaligen Sowjetunion, als Staat zu übernehmen.

STANDARD: Welche Konsequenzen müssten gezogen werden?

Liessmann: Die philosophische Konsequenz wäre, nur Dinge herzustellen, die wir uns noch vorstellen können. Die Atomkraft ist ein Sonderfall von Technik, die, wenn etwas passiert, nicht nur unsere Vorstellung, sondern auch unsere Möglichkeiten, damit umzugehen, über alle Maßen und über unvorstellbare Zeiträume beansprucht. Es ist völlig klar, dass das jetzt nicht mehr nur eine Sache der Japaner ist und nicht nur der jetzt lebenden Menschen. Man könnte natürlich sagen: Das Allereinfachste wäre, dass man die Sicherheits- und Folgekosten der Atomkraft in den Energiepreis einrechnet. Dann wäre klar, dass sich dies schon ökonomisch nicht rechnet. Energie aus Atomkraft funktioniert nur deshalb, weil die Folgekosten nicht von den Nutznießern getragen werden, sondern von allen.

STANDARD: Müssen wir lernen, die Katastrophe auszuhalten, mit ihr zu kalkulieren und trotzdem einfach so gut wie möglich leben?

Liessmann: Die Menschen haben immer mit Katastrophen kalkulieren müssen und weitergelebt. Es hat ja auch niemand die Schifffahrt eingestellt, nur weil die Titanic, die als unsinkbar galt, gesunken ist. Wir sollen jetzt auch nicht die Abkehr von der Technik fordern. Man muss nur sehen, dass mit der Atomkraft eine singuläre Technologie entwickelt wurde, die ich für eine Sackgasse halte. Wie auch immer das in Japan ausgeht, man muss sehen, dass schon aufgrund der Begrenztheit der Uranvorräte Atomkraft vielleicht nur noch einige Jahrzehnte einsetzbar ist. Man hat dann vielleicht insgesamt 100 oder 150 Jahre Energie bekommen, aber man braucht Endlagerstätten, die eine Million Jahre halten müssen. Das ist die eigentliche Hybris dahinter: Um uns selbst für wenige Jahrzehnte eine vermeintlich billige Energie zu verschaffen, belasten wir zigtausende nachfolgende Generationen. Die Alternative muss sein, andere Energien und Verfahren zu entwickeln, die vorstellbare und begrenzte Auswirkungen haben. Der Energiehunger der Welt hat ja fast pathologische Züge angenommen. Man könnte den Verbrauch schon auch reduzieren. Es müssen nicht alle Städte 24 Stunden beleuchtet sein auf dieser Erde. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2011)

Konrad Paul LIESSMANN (57) ist Professor für Philosophie und seit 2008 Vizedekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften der Uni Wien.

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 284
1 2 3 4 5 6 7
ddsg-kapitän nemo
01
15.12.2011, 13:38
liessmanns attitüde ist "ich weiß, dass ich alles weiß"

und diese ganz besondere philosophische haltung möchte er bitte in allen medien unter beweis stellen.

dabei verbreitet kaum jemand so viel unsinn wie er. keine seiner tatsachenbehauptungen kann man ungeprüft glauben, als beispiel sei hier nur seine angabe über das neolithikum angeführt.

naomi stein
00
20.3.2011, 19:37
Ich geb dem Herrn recht:

unser Energiehunger muss reduziert werden. Ich bin auch davon ueberzeugt, dass Atomenergie MADNESS ist, auch da sie im Notfall eine totalitaere Gesellschaftsform benoetigt um "behandelt" zu werden! Siehe Chernobyl's Liquidatoren: Russland haette die Katastrophe nie so schnell in den Griff gebracht ohne 1000e Menschen in den Strahlenstod zu kommandieren...wollma des?

Karl Joda
00
21.3.2011, 00:59
dass Atomenergie MADNESS ist,

Stimmt. Die angebliche Ökonoie der Kernenergie geht ja sowieso nicht auf.
1.) Man Muss Uran aufwendig fördern
2.) Man muss Uran aufwendig gewinnen
3.) Mann muss Uran zu Brennstäben aufwendig und riskant erzeugen unter zuhilfenahme sehr toxischer Substanzen.
4.) Man muss Atomkraftwerke planen und sicher bauen,
möglichst ohne Restrisiko. ???? .-////
5. Man betreibt atomkraftwerke mit hohem aufwand an Expertise und alles andere als routiniert. -
6.) Im Störfall gibt es immer riesige Troebles. Materialfehler sind vorprogrammiert, da die Materialien die Strahlenbelastung nicht so aushalten wie berechnet. (Learning by doing ?)
7.) Endlagerung der Plutonium angereicherten ausgebrannten Brennstäbe. Plutonium ist saugiftig und hält mehrere tausend J

NK12
52
15.3.2011, 17:27
Liessmann ist wie die Kirche ...

sagt zu allem fast alles und hat zu allem fast keine ahnung

ChesneyB
21
17.5.2011, 13:18

Ah, ein Experte! Können Sie auch eine der Aussagen aus dem Interview widerlegen?

InSearchForI
215
14.3.2011, 06:06
Kann man einen "Philosophen" im Standard eigentlich zu einem aktuellen Thema auch interviewen, ohne dass sich die Postings immer derart gleichen müssen?

Jedes Mal kommen (Pseudo-) Intellektuelle daher, hauen ihre unnötigen Fremdwörter in die Runde, die Postings zwar unlesbar machen und nicht zwingend richtig angewandt werden, aber gscheit ausschauen lassen.

Dann regt man sich noch drüber auf, dass das Interview zu verständlich wäre und die österreichischen Philosophen zu viele "Banalitäten" kommentieren. Als ob es sinnvoll wäre, in dieser Zeitung Gespräche zu veröffentlichen, deren Verständnis ein Philosophiestudium erfordert.

Die nächste Gruppe stößt sich an seiner Person und spricht ihm kommentarlos jegliche Kompetenz ab. Schon ein bissl billig und ein Armutszeugnis der eigenen Argumentationskapazität, oder? Und ich bin jetzt auch kein bsonderer Freund des Herrn, ganz im Gegenteil.

x aeins
27
14.3.2011, 09:43

:-) so isses
gute Leute wie der Liessmann, die den Spagat zwischen Wissenschaft und allgemeiner Verständlichkeit schaffen, werden von jedem Gartenzaun aus sinnlos angebellt

gianni speranza1
00
14.3.2011, 01:05

folge der demokratie? herrschaft der uninformierten, verantwortung übernehmen heisst zurückzutreten...

letztlich färben deren prinzipien (wenn man damit einen Staat lenken kann, warum dann nicht auch mein leben?) auch auf die lebensweise der Bürger ab: ich lebe nur einmal und im grunde ist alles nur eine frage der kommunikation und des netzwerks, es gewinnt das Spektakuläre und Laute, selten das Richtige...

Ann Ecker
121
13.3.2011, 20:45
.. schon wieder: der Experte für Alles ...

Wieviel fasst ein Nilpferdmagen?
Dürfen Männer Strapse tragen?
Soll man sich in Aktien wagen?
Was passiert beim Schäume schlagen?
Haben T-shirts einen Kragen?
Wenn dich solche Fragen plagen:
Antwort naht schon, nicht verzagen,
du brauchst nur den Liessmann fragen ….
....oder einen anderen Ö., der auch für alles zuständig ist, den H. A. >> siehe Zeichnung http://zeichenblogger.blogspot.com/search?up... results=12

Karl Joda
00
21.3.2011, 01:02

Schreibst Du aus einem Nilpferdmagen ?

Loonquawl
15
14.3.2011, 14:08

Viel wichtiger: Tut denken weh? Ja, möchte man meinen, wenn man dein posting liest.

Kakanien lebt!
13
14.3.2011, 13:53

was soll der schwachsinn? warum müssen sie liessmann anpinkeln? haben sie selber etwa irgendwas zu sagen?

Ann Ecker
01
14.3.2011, 21:00
es liegt auch an den Journalisten: egal welchesThema,

sie zerren immer die gleichen paar Köpfe vor das Mikrophon, egal zu welchem Thema - man kann sie halt mit der Zeit nicht mehr hören, diese Hans Dampf in allen Gassen-Gscheithaferln, nicht einmal dann, wenn sie, wie in diesem Fall, gar nicht mal so völlig daneben liegen mit ihren Aussagen.
ich will ihn aber nicht beleidigen, den Professsor, er hat gewiß seine Verdienste - es liegt wie gesagt auch an der sogenannten Qualitäts-Tagespresse, die zwar auf die Kronenzeitung etc. schimpft, aber es sich selber oft genau so einfach macht: manche sind "Experten für alles", bevor man lang recherchiert, sucht man halt so einen - und schwupps, fertig ist der Artikel ....

Christopher Hähnchen
22
16.3.2011, 10:26

Beiträge von Leuten wie Liessmann sind berechtigt, sinnvoll und notwendig. Dann wer sich mit den grundlegenden Aspekten der Dinge befasst, kommt in die Lage, von einer allgemeineren Warte zur Diskussion beizutragen, von wo man zwar keine konkreten Handlungsanweisungen erwarten kann, aber dafür elementare Denkansätze. Abgesehen davon sind Liessmanns Äußerungen sehr klar und auf den Punkt gebracht; mindestens so klar wie die - zwangsläufig - vagen Kommentare von technischen Experten, die ohne Details nichts sicher sagen können (und auch sollten).

Ann Ecker
11
16.3.2011, 21:17
Is ja gut, Herr Professor!

x aeins
11
17.3.2011, 09:44

bist ein gutes Beispiel für den heutigen Zustand in Ö: intellektuelle Ansätze sind überflüssig - wir vom Frisierstudio wissen genug von der Praxis!

Ann Ecker
01
17.3.2011, 12:58
Ansätze ist gut gesagt - mehr ist es in der Tat nicht

Sie müssen übrigens die Friseure nicht beleidigen. Unter denen ist vielleicht manch klügerer Kopf als Sie (denken), vor allem wohltuend weniger überheblich ,,, dies sei Ihnen gesagt, wenn Sie schon unbedingt anfangen wollen mit beleidigenden Untergriffen.
Angesichts des Leidens in Japan möchte ich aber nichts mehr dazu sagen - es ist zum Schämen, hier die Zeit zu vergeuden mit theoretischen Streitereien auf seichtestem Niveau, während andere ihr Leben opfern im Dienst an ihren Mitmenschen. Hut ab und Ehrfurcht vor dieser Einstellung!

x aeins
10
17.3.2011, 13:21

liegt an dir, das Niveau zu verbessern - bisher hab ich dich nur aus deiner Ecke bellen hören, wie sehr nicht alle anderen viel zu seicht sind, und wo sie ´s nicht sind, wie überflüssig
wenn du drüber hinaus was zu sagen hast, dann tu´s, ich werd dich nicht diskriminieren (auch wenn du Friseur sein solltest). Deine bisherigen Inhalte sind eher verzichtbar

Vayav indrasca
63
13.3.2011, 18:03

Welches Geschichtswissen hat der Herr Professor? Vor 24000 Jahren war das Paläolithikum.

heliopolis
212
13.3.2011, 20:04

Meine Güte, haben Sie jetzt halt gegoogelt. Er nicht, und?

Vayav indrasca
20
13.3.2011, 20:16

sorry, hab ich nicht, weiß ich einfach. großes Ehrenwort!

Kakanien lebt!
25
14.3.2011, 13:55

und welche rolle spielt dieses detail. ist für sie ja nur ein billiger anlass, um jemanden anzugreifen, der ihnen geistig um lichtjahre voraus ist.

I Need Space
02
13.3.2011, 22:15
Wie oft denn noch? Steht schon zig mal da weiter unten.

und hat dennoch wenig mit seinen Kernaussagen zu tun.

Vayav indrasca
51
13.3.2011, 22:28

1.
nochmal sorry, hab mich nicht durch die ganzen Postings durchgekämpft

2.
keine Kernaussage, aber ein echtes Armutszeugnis für die Bildung des Profesors

Kakanien lebt!
13
14.3.2011, 16:53

eher ein armutszeugnis für sie, wenn sie sich über ein solches detail so aufregen, dafür aber die zusammenhänge nicht verstehen.
ich beschwere mich jetzt nicht darüber, dass sie "profesor" mit einem s schreiben.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 284
1 2 3 4 5 6 7

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.