Ein Neustart für den Verwalter des Niedergangs

11. März 2011, 22:12
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    foto: apa/epa/robichon

Japans Premier Naoto Kan kann sich in der Krise beweisen

Der Freitag begann für den japanischen Premierminister Naoto Kan mit Business as usual: Er musste nach nur neun Monaten im Amt wieder einmal öffentlich klarstellen, dass er nicht einen Augenblick daran denke zurückzutreten.

Kans Lager, die Demokratische Partei Japans (DPJ), und er persönlich haben seit Monaten mit einem Korruptionsskandal in den eigenen Reihen zu kämpfen. In den Umfragen liegen der Premier und die DPJ beinahe schon so tief wie zuletzt die jahrzehntelang regierenden japanischen Liberaldemokraten vor deren sensationeller Wahlniederlage im Jahr 2009.

Aus den damals großen Hoffnungen auf echte Veränderungen in Japan ist bisher allerdings nichts geworden. Auch Kan, der wechselweise als jähzorniges Häferl, als wilder Hund und vor allem als Outsider im sonst dynastisch organisierten Politbetrieb Japans gilt, konnte daran nichts ändern. Auguren prognostizierten bereits den baldigen Abgang der Demokraten und ihres Spitzenmannes.

Der Tsunami ändert nun alles. Die Welle schwemmte nicht nur große Teile der Region Tohoku weg, sondern auch die innenpolitischen Kabalen in Tokio. Die Zeichen stehen nun auf nationalem Schulterschluss statt auf Streit. Und damit könnte es dem Premier durchaus gelingen, jenen schleichenden japanischen Niedergang zu stoppen, den er seit seinem Amtsantritt im Juni 2010 zu verwalten hat.

Seine politische Karriere hat der studierte Physiker und Anwalt als Abgeordneter der Sozialdemokraten begonnen. Mitte der 1990er-Jahre wurde er Gesundheitsminister und deckte einen vor allem in seinem Ministerium vertuschten Skandal mit HIV-infizierten Blutkonserven auf, was ihn zu einem der beliebtesten Politiker seines Landes aufsteigen ließ.

Danach ging es Schlag auf Schlag: Kan wurde Oppositionschef, ging wegen versäumter Pensionszahlungen kahlrasiert auf Pilgerfahrt, gehörte zu den Architekten des Wahlsiegs der DPJ 2009, wurde Vizepremier und schließlich Regierungschef.

Die härteste Opposition, sagt Kan gelegentlich, habe er zu Hause: Er ist mit seiner Cousine Nobuku verheiratet, das Paar hat zwei Kinder. Zuletzt machte die so bissige wie beliebte Frau Kan Anfang des Jahres von sich reden, als sie vor der internationalen Presse erklärte, sie würde ihren Angetrauten nicht noch einmal heiraten wollen: "Ich habe dieses Leben schon einmal gelebt und kein Interesse, es zu wiederholen." (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2011)

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