Bio mio - und sonst nix

11. März 2011, 19:11
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Einen Monat lang nur biologische Lebensmittel essen und trinken. Geht das? Kann man sich das überhaupt leisten? Ein Testbericht von Roman David-Freihsl

Der schönste Moment kam dann ganz am Schluss. Nicht ganz unerwartet und doch wunderbar: der Schritt auf die Waage. Ein Minus von dreieinhalb Kilos in einem Monat. Das könnte wirklich nachhaltig sein. Das war keine Crash-Diät mit unweigerlich drohendem Jo-Jo-Effekt, sondern schlicht der Umstieg - auf Bioessen.

Dabei hat das Abnehmen im Grunde nicht ursächlich etwas mit Bioessen zu tun. Auch mit Produkten aus biologischer Landwirtschaft kann man sich bis zum klassischen Birnenleib mästen. Indirekt hat der Kiloschwund aber sehr wohl mit der selbst auferlegten ausschließlichen Bioernährung zu tun, weil man im Büroalltag unweigerlich seine Ernährungsgewohnheiten umstellen muss - und damit den Fleischkonsum reduziert und gleichzeitig auf kleinere Portionen kommt.

Begonnen hatte es Ende Jänner mit einer Redaktionssitzung, der ersten Besprechung für diese Schwerpunktausgabe. Die Idee eines Tests steht im Raum: Ist es möglich, sich ausschließlich mit Biolebensmitteln zu ernähren und auch nichts als Biogetränke zu trinken?

Schon davor 80 Prozent Bioanteil

Ich sagte sofort zu und dachte zunächst, dass ich dabei ein vergleichsweise leichtes Spiel hätte. Seit der Geburt unserer Kinder hatten sich unsere privaten Einkaufszettel ohnehin schon radikal in Richtung gesunder Ernährung geändert. Den Kleinen will man keinesfalls irgendeinen Schrott reinstopfen; nicht ein Fertigbrei aus dem Glas kam in den Fütternapf - alles wurde frisch zubereitet, in Bioqualität.

Kurz: Der Bioanteil unserer Ernährung betrug bereits vor dem Test rund 80 Prozent - auf die paar Junkfood-"Sünden", die paar Tiefkühlpizzen und Fertig-Empanadas aus der Plastikhülle als kulinarische Garnitur der Fernsehabende würde man doch locker verzichten können. Eh nur für einen Monat.

Tatsächlich stellte sich schnell heraus: Die Umstellung daheim ist wirklich kein Problem - die große Herausforderung war hingegen die "saubere" Bewältigung des Büroalltags. Die Fertiggerichte von Radatz oder Billa - gestrichen. Genauso wie die praktischen Bestellungen bei der Pizzeria, beim Wienerwald, die raschen Nudelgerichte von der U-Bahn-Station.

Stattdessen stauben die ewiggleichen Tortelloni-, Ravioli- und Spätzle-Variationen schon bald bei den Ohren heraus. Denn andere Fertiggerichte mit dem Biopickerl drauf gibt es im Supermarkt nicht - sofern man vom Grundsatz, nur Warmes zu essen, nicht abrücken will und es im Büro lediglich eine Mikrowelle für die mittägliche Zubereitung gibt.

Vorurteil zu teuer stimmt nicht

Gleichzeitig löste sich aber auch ein gängiges Vorurteil rasch in Luft auf: "Bio ist halt zu teuer." Das Gegenteil war der Fall: Betrachtet man alleine die Mittagessen während der Arbeitstage Montag bis Freitag, lagen die Wochenausgaben - mit Schwerpunkt auf Fertiggerichten - vorher bei 35 bis 40 Euro. Ohne Restaurant-besuche wohlgemerkt, denn die gehen wirklich ins Geld. Mit selbst zubereiteten Bioprodukten kommt man hingegen mit weniger als 25 Euro die Woche aus.

Wobei es aber gerade bei diesem Thema mehrere Wahrheiten gibt. Denn natürlich sind die Waren mit Biopickerl teurer als konventionell hergestellte Bioprodukte. Eine Zahl, die beim direkten Vergleich immer wieder auftaucht, ist übrigens die magische 40: Gleiches Produkt, bio oder nicht bio - das hat erstaunlich oft einen Preisunterschied von exakt 40 Cent zur Folge. Etwa bei den ewiggleichen Tortelloni.

Klar ist auch: Der Umstieg auf Bio bringt nicht nur eine deutliche Mengenreduktion, sondern auch einen weitgehenden Verzicht auf Fleischkonsum mit sich. Die Portionen sind kleiner - und all die Schnitzerln, Cordon bleus, Æevapèiæi, Hendlteile oder faschierten Braten, die sonst auf den Mittagstisch kamen, fallen jetzt unter den Tisch. Bildlich gesprochen.

Die große Beicht-Klammer

(Hier gilt es nun, eine große Beicht-Klammer zu eröffnen: Die Kolleginnen in unserer Abteilung bestellten natürlich wie immer weiter - und aßen auch wie gewohnt weiter wie die Spatzen nur einen Teil der gelieferten Speisen. Über die Resteln fiel der Biotester nicht nur einmal her und betonte dabei: "Bevor das weggeworfen wird, ess ich's auf. Das ist auch nachhaltig." Ende der großen Geständnisklammer.)

Eine weitere Wahrheit bei diesem Mittagsthema ist: Das Biogelöbnis wurde bei den Fertiggerichten aus dem Supermarkt zwar eingehalten - aber letztlich ist auch das natürlich Ware aus der Massenproduktion. Premiumqualität ist etwas anderes. Die findet man beispielsweise bei Esche Schörghofer und seinem Bioladen "Aus gutem Grund" in Mauer - der mich im Zuge dieses Selbsttestes endgültig als treuen Stammkunden gewonnen hat. Aber selbst der ist nicht päpstlicher als der Papst und betont: "Massenware haben wir in bestimmten Bereichen auch." In Produktgruppen, bei denen es bei bestem Willen nicht anders geht: "Bei Bananen, Orangen, Salaten im Winter", zählt Schörghofer auf.

Das liegt daran, dass Schörghofer mit dem Angebot in seinem Bioladen ein Vollsortiment anbietet: kein Biogreißler, bei dem man ein paar Schmankerln ersteht, um sein Gewissen zu beruhigen, sondern wo man sich - wenn man will - komplett mit Bioqualität versorgen kann. Die Folge ist nicht nur einer der besten Quadratmeter-Umsätze unter seinesgleichen, sondern auch ein entsprechender Ruf in der Branche. "Wenn der Esche etwas sagt, hören alle am Tisch zu", weiß etwa Sonnentor-Geschäftsführer Johannes Gutmann.

Der "Sonntagsbraten"

In diesem Bioladen wurde der sprichwörtliche "Sonntagsbraten" gekauft. Diese Qualitäts- und Geschmacksliga muss einem etwas wert sein. Aber gemeinsam mit den Ersparnissen unter der Woche ergibt das wieder ein erstaunliches Nullsummenspiel.

Trotzdem heißt das auch hier nicht, dass Bioqualität eine Lawine kosten muss. In manchen Bereichen sogar das Gegenteil. "Bioeier sind beispielsweise überall teurer als bei uns", betont Schörghofer. "Unsere kosten 38 Cent das Stück - sonst bekommt man Bio-"L"-Eier nicht unter 40 Cent."

Und es gibt hier auch Besonderheiten - zum gleichen Preis. Die Demeter-Rohmilch in der Flasche etwa. Milch aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft, nicht pasteurisiert, nicht homogenisiert, mit natürlichem und nichtnivelliertem Fettanteil. Milch, die noch so schmeckt wie früher frisch von der Alm, mit Rahm obendrauf und allem, was dazugehört. Um 1,39 Euro pro Liter. Genauso viel, wie sonst die Biopackerlmilch kostet. Aber das ist ein regelrechter Kampfpreis, weil es Schörghofer um die Sache geht: "Von diesen 1,39 Euro zahlen wir dem Bauern 1,10 Euro. Liefert ein Bauer an einen Großabnehmer, bekommt er nur 35 Cent für einen Liter Biomilch."

Hier bekommt man übrigens auch die flüssigen Bestandteile für den Bioselbsttest: das Biobier von Hirter, wenn's sein muss auch das "Meinklang"-Bier in Demeter-Qualität und Bioweine mit erstaunlichem Preis-Leistungs-Verhältnis. Aber das war ohnehin die leichteste Übung in diesem Monat. Gute Weine, die nach biologisch-dynamischen Prinzipien hergestellt werden, bekommt man inzwischen ohne Probleme. Beim Wieninger oder Hajszan in Wien oder beim Weninger in Horitschon, um nur drei der vielen Winzer zu nennen, die ihre Produktion umgestellt haben.

Kaffee als Knackpunkt

Wirklich scheitert man hingegen in anderen Bereichen des beruflichen Alltags. Ein Termin im Kaffeehaus? Da ist entweder Askese oder Umfallen angesagt. Denn in traditionellen Wiener Kaffeehäusern hat sich der Bio- oder Fairtrade-Gedanke noch kaum herumgesprochen. Eine rühmliche Ausnahme ist da das Café Ritter in der Mariahilfer Straße. Ketten wie Starbucks oder Ströck haben ihre Kaffeeausschank übrigens längst auf Bio-Fairtrade umgestellt. Aber selbst hier lauert der Teufel im Detail. Die Milch zum Biokaffee beim Ströck - ist auch konventionell hergestellt.

Das Gleiche gilt etwa, wenn es bei Pressekonferenzen ans Buffet geht. Da kann man sich ja zur Not noch zurückhalten. Aber Abendtermine mit kulinarischer Begleitung? Da hat man dann endgültig keine Chance mehr. Drei, vier derartige "Sündenfälle" waren das in diesem Monat. Ansonsten konnte das Biogebot zu rund 98 Prozent relativ friktionsfrei eingehalten werden.

Und dann kam der 1. März. Der Tag, an dem der Testmonat offiziell vorbei war. Endlich die große Tortelloni-Spätzle-Ravioli-Freiheit! Auf der Radatz-Homepage lockte faschierter Braten mit Erdäpfelpüree und Röstzwiebeln, was prompt auf den (Schreib-) Tisch wanderte. Herrlich - und gleich darauf schrecklich. Nicht das Gewissen, sondern das Gedärm grummelte den Rest des Tages. So schnell stellt sich der Organismus also auf die neue Nahrungszufuhr um. Selbsttest oder nicht - ab morgen ist wieder Schmalhans Bioküchenmeister. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.3.2010)

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    Nur noch biologisch durch den Supermarkt: "Die Umstellung daheim ist wirklich kein Problem - die große Herausforderung war hingegen die 'saubere' Bewältigung des Büroalltags."

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