Die ÖVP legt binnen zweier Monate zwei Schulkonzepte vor - diesmal vom Vorstand abgesegnet - Das Gymnasium bleibt unangetastet - Schulabbrecher dürfen die Erfüllung der Schulpflicht mit der "Mittleren Reife" dokumentieren
Wien - Exakt neun Wochen Nachdenkzeit liegen zwischen der Jänner-Version des ÖVP-Bildungskonzepts und der März-Ausgabe, die von Parteichef und Vizekanzler Josef Pröll präsentiert wurde. Verändert hat sich inhaltlich nicht sehr viel. Personell schon. Denn zwischenzeitlich kam Pröll Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, die im Jänner noch mit ihm und Generalsekretär Fritz Kaltenegger vorne stand, als Verhandlerin für Schulfragen abhanden - auch weil Pröll das so wollte.
Unter der Patronanz von Bildungssprecher Werner Amon entstand nun ein neues Papier, das der Vorstand der Volkspartei am Freitag einstimmig absegnete.
Nach knapp zwei Stunden trat Pröll mit Kaltenegger vor die Presse und legte ein 25-Seiten-Papier mit dem Titel "Perspektive Bildung. Vielfalt. Leistung. Sprache." vor, das "ein Schritt in Richtung Reform, ein Schritt Richtung Koalitionspartner" sein solle. Im Zentrum stehe "das Kind", und die ÖVP werde weiterhin "Wahlfreiheit" sicherstellen.
Diese "Wahlfreiheit" lässt sich auch umlegen auf den einzigen Punkt, in dem sich das Papier maßgeblich verändert hat gegenüber der Jänner-Version, aber auch einer, die noch in der vergangenen Woche durchgesickert war.
Die "Mittlere Reife" habe man "neu definiert" , sagte Pröll. Demnach soll sie künftig nicht nach der achten Schulstufe für alle Kinder gelten - also für Haupt- bzw. Mittelschüler (bis 2016 sollen ja alle Hauptschulen in Neue Mittelschulen umgewandelt werden) und AHS-Unterstufenschüler - und bei positiver Absolvierung zum Aufstieg in eine höhere Schule (AHS oder BHS) berechtigen, sondern nach der 9. Schulstufe am Ende der Schulpflicht für alle Schüler - außer jene in der AHS. "Nicht gilt das für das Gymnasium", betonte Pröll. Alle anderen können, wenn sie wollen, freiwillig - "optional" (Pröll) - die Mittlere Reife erwerben, die sich "ableitet aus dem Schulergebnis und einem Abtesten der Allgemeinbildung". Im Papier ist von den Bildungsstandards in Deutsch, Englisch und Mathematik in der 8. Schulstufe und "einem definierten Maß an Allgemeinbildung" die Rede, das "standardisiert" überprüft wird.
"Wer die Schule abbricht, soll die Möglichkeit bekommen, die Mittlere Reife zu machen" und so "den Abschluss der Schulpflicht zu dokumentieren", erklärte Pröll. Dieses "Angebot" werde "den Schwerpunkt sicher in den Polytechnischen Schulen" haben.
Im ÖVP-Programm steht dazu: "Die Polytechnische Schule führt zur Mittleren Reife", die die "Verknüpfung des Endes der Schulpflicht mit einem Bildungsziel" bedeute und zudem für die "ausbildenden Betriebe eine gezielte Orientierung" bieten solle.
"Wiege des Bildungserfolgs"
Unverändert blieb der hohe Stellenwert, den die ÖVP dem Kindergarten "als Wiege des Bildungserfolgs" zuschreibt. Dort müsse die Sprache stärker berücksichtigt werden, damit alle Kinder bei Schuleintritt "dem Unterricht folgen können". Pröll sprach von "integrativer Sprachschule" .
In der Volksschule müsse "das Üben der Kulturtechniken im Zentrum" und am Ende eine "Bildungsempfehlung" stehen, die Kindern und Eltern "einen Weg aufzeigt, der nicht zwingend ist".
Die nächste Bildungsempfehlung samt "Talentecheck" steht nach der 8. Schulstufe an. Dabei will die ÖVP nicht nur die duale Ausbildung (auch Lehre mit Matura) stärken, sondern auch ein "Bekenntnis zur Elite" ablegen und "High Potential Groups" für Hochbegabte schaffen. Kernaussage: "Das Gymnasium bleibt." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.3.2011)