Die Gemüse-Bobos liefern guten Stoff für die große Küche und für großes Kabarett
Florian Scheuba Thomas Maurer
Das Profil rief jüngst einen regelrechten Megatrend aus: Kommt die fleischlose Gesellschaft?
Ein glückliches Geschick hat es uns zwar vergönnt, diesen Artikel erstmals in einem Straßenbahnwagon zu lesen, in dem zeitgleich zwei Leberkäsesemmeln, ein Döner und eine Salamipizza verzehrt wurden, aber man weiß ja nie. Immerhin hat niemand an einer Stelze oder einem rohen Filet genagt, und woraus genau Leberkäse, Döner und Salami bestehen, ist nochmal eine andere Frage.
Es steht ja außer Streit, dass exzessiver Verzehr von industriell erzeugtem Fleisch für die Tiere, die Ökologie und die Konsumenten schlecht ist. Allerdings steht auch außer Streit, dass Autofahren aus vielen Gründen eine problematische Idee ist, und die autolose Gesellschaft wurde bisher eigentlich nur in angstgebeutelten Anti-Rot-Grün-Leserbriefen an die Kronen Zeitung ausgerufen. Im Profil aber ist die Utopie der Fleischlosigkeit schon Gegenwart: In den Top-Küchen Europas avanciert die Karotte gerade zum Filetstück.
Nun haben wir zwar bemerkt, dass es mittlerweile kein einziges Lebensmittel mehr gibt, aus dem man auf Speisekartendeutsch kein Carpaccio machen kann, und, vermutlich weil Carpaccio früher nur aus Filet gemacht wurde, kaum noch eines, das kein Filet abwirft ("Filet von der Kletzenbirne mit Glühweinespuma"). Die Karotte aber hätten wir in diesem Zusammenhang als bisher noch nicht aktenkundig betrachtet. Schnee von gestern.
Die Karotte kann, zumindest im Profil, noch mehr, Sinn stiften nämlich: die erfrischend analoge Karotte als Gegenpol zur digitalen Verwirrung. Ganz im Gegensatz etwa zum schwerverdaulichen Digitalschweinsbraten, den man sich allenfalls farbig ausdrucken und als Papierknöderl runterpampfen kann, was natürlich verwirrt.
Zwar stellt auch Profil fest, dass der Pro-Kopf-Fleischkonsum im Lande von beachtlichen 98,4 Kilo 2008 auf noch beachtlichere glatte 100 im Jahr 2009 gestiegen ist, aber die Gemüse-Bobos sind in der Offensive: Als Vordenker und Leitidealisten der Bewegung fungieren TV-Köche wie Jamie Oliver. Offenbar haben Sie die klassische Rolle der Intellektuellen übernommen. Ja, wer will sich schließlich schon von Peter Sloterdijk die Karotte filetieren oder von Noam Chomsky den Knollenziest raspeln lassen?
Diese atmosphärische Großwetterlage trieb nun offenbar die Fleischfraktion zunächst in Panik und dann in eine Inseratenoffensive. In Auftrag gegeben und bezahlt von der AMA, jener Organisation, deren berühmtes Gütesiegel einem ja bekanntlich garantiert, dass auf dem betreffenden Produkt tatsächlich das AMA-Gütesiegel klebt.
In Großinseraten wird unter der Überschrift Brauchen wir Fleisch? argumentativ an die Grenzen gegangen. Über Homo erectus, Homo heidelbergensis und Neandertaler sowie das menschliche Darmlänge/Körperlänge-Verhältnis mäandert der entgeltlich geschaltete Fleischgutfinde-Aufsatz dahin. Als verblüffendes rhetorisches Glanzlicht erstrahlt darin der Einfall, zum Kronzeugen für die Segnungen des Tierverzehrs ein Tier zu machen. Allerdings keinen der üblichen Verdächtigen von Angusrind bis Zackenbarsch, sondern - Ta-Daaa!: den Rinderbandwurm und seinen alten Kumpel, den Schweinebandwurm. Diese beiden Parasiten, weiß die AMA zu berichten, haben sich evolutionär auf den Menschen als einzig möglichen Endwirt spezialisiert. Sie sind auf ihn zur Fortpflanzung angewiesen und können ihn nur durch den Konsum von Fleisch befallen.
Als Argument für den Fleischverzehr mag das etwas zweischneidig wirken. Aber man weiß ja nie, aus welchen Gründen die Leute tun, was sie halt tun. Vielleicht wird ja auch der Playboy tatsächlich wegen und nicht trotz der Interviews gekauft.
Durchaus möglich also, dass Greenpeace, Peta und die Demeter-Gruppe auch schon am ultimativen Gegenschlag arbeiten: dem Karottenbandwurm. (Florian Scheuba Thomas Maurer; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.03.2011)