Florian Scheuba & Thomas Maurer

Die Karotte ist das neue Fleisch

11. März 2011, 18:04
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    foto: standard/heribert corn

    Florian Scheuba, geb. 1965, Gründungsmitglied der "Hektiker", Autor und Kabarettist, oft gemeinsam mit

    Thomas Maurer, geb. 1967, aktuelles Programm: "Out of the Dark"

Die Gemüse-Bobos liefern guten Stoff für die große Küche und für großes Kabarett

Florian Scheuba Thomas Maurer

Das Profil rief jüngst einen regelrechten Megatrend aus: Kommt die fleischlose Gesellschaft?

Ein glückliches Geschick hat es uns zwar vergönnt, diesen Artikel erstmals in einem Straßenbahnwagon zu lesen, in dem zeitgleich zwei Leberkäsesemmeln, ein Döner und eine Salamipizza verzehrt wurden, aber man weiß ja nie. Immerhin hat niemand an einer Stelze oder einem rohen Filet genagt, und woraus genau Leberkäse, Döner und Salami bestehen, ist nochmal eine andere Frage.

Es steht ja außer Streit, dass exzessiver Verzehr von industriell erzeugtem Fleisch für die Tiere, die Ökologie und die Konsumenten schlecht ist. Allerdings steht auch außer Streit, dass Autofahren aus vielen Gründen eine problematische Idee ist, und die autolose Gesellschaft wurde bisher eigentlich nur in angstgebeutelten Anti-Rot-Grün-Leserbriefen an die Kronen Zeitung ausgerufen. Im Profil aber ist die Utopie der Fleischlosigkeit schon Gegenwart: In den Top-Küchen Europas avanciert die Karotte gerade zum Filetstück.

Nun haben wir zwar bemerkt, dass es mittlerweile kein einziges Lebensmittel mehr gibt, aus dem man auf Speisekartendeutsch kein Carpaccio machen kann, und, vermutlich weil Carpaccio früher nur aus Filet gemacht wurde, kaum noch eines, das kein Filet abwirft ("Filet von der Kletzenbirne mit Glühweinespuma"). Die Karotte aber hätten wir in diesem Zusammenhang als bisher noch nicht aktenkundig betrachtet. Schnee von gestern.

Die Karotte kann, zumindest im Profil, noch mehr, Sinn stiften nämlich: die erfrischend analoge Karotte als Gegenpol zur digitalen Verwirrung. Ganz im Gegensatz etwa zum schwerverdaulichen Digitalschweinsbraten, den man sich allenfalls farbig ausdrucken und als Papierknöderl runterpampfen kann, was natürlich verwirrt.

Zwar stellt auch Profil fest, dass der Pro-Kopf-Fleischkonsum im Lande von beachtlichen 98,4 Kilo 2008 auf noch beachtlichere glatte 100 im Jahr 2009 gestiegen ist, aber die Gemüse-Bobos sind in der Offensive: Als Vordenker und Leitidealisten der Bewegung fungieren TV-Köche wie Jamie Oliver. Offenbar haben Sie die klassische Rolle der Intellektuellen übernommen. Ja, wer will sich schließlich schon von Peter Sloterdijk die Karotte filetieren oder von Noam Chomsky den Knollenziest raspeln lassen?

Diese atmosphärische Großwetterlage trieb nun offenbar die Fleischfraktion zunächst in Panik und dann in eine Inseratenoffensive. In Auftrag gegeben und bezahlt von der AMA, jener Organisation, deren berühmtes Gütesiegel einem ja bekanntlich garantiert, dass auf dem betreffenden Produkt tatsächlich das AMA-Gütesiegel klebt.

In Großinseraten wird unter der Überschrift Brauchen wir Fleisch? argumentativ an die Grenzen gegangen. Über Homo erectus, Homo heidelbergensis und Neandertaler sowie das menschliche Darmlänge/Körperlänge-Verhältnis mäandert der entgeltlich geschaltete Fleischgutfinde-Aufsatz dahin. Als verblüffendes rhetorisches Glanzlicht erstrahlt darin der Einfall, zum Kronzeugen für die Segnungen des Tierverzehrs ein Tier zu machen. Allerdings keinen der üblichen Verdächtigen von Angusrind bis Zackenbarsch, sondern - Ta-Daaa!: den Rinderbandwurm und seinen alten Kumpel, den Schweinebandwurm. Diese beiden Parasiten, weiß die AMA zu berichten, haben sich evolutionär auf den Menschen als einzig möglichen Endwirt spezialisiert. Sie sind auf ihn zur Fortpflanzung angewiesen und können ihn nur durch den Konsum von Fleisch befallen.

Als Argument für den Fleischverzehr mag das etwas zweischneidig wirken. Aber man weiß ja nie, aus welchen Gründen die Leute tun, was sie halt tun. Vielleicht wird ja auch der Playboy tatsächlich wegen und nicht trotz der Interviews gekauft.

Durchaus möglich also, dass Greenpeace, Peta und die Demeter-Gruppe auch schon am ultimativen Gegenschlag arbeiten: dem Karottenbandwurm. (Florian Scheuba Thomas Maurer; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.03.2011)

 

 

Kommentar posten
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jumpingjack flash
01
17.3.2011, 01:01

köstlicher artikel - wie immer - danke!

song
00
14.3.2011, 17:52

ich habe keineswegs etwas gegen scheuba und maurer, im gegenteil, ich halte sie eigentlich für die lustigsten der heimischen kabarettisten. vielleicht wäre es aber schon eine gute idee, wenn man die artikel leuten zum schreiben gäbe, die vom thema wenigstens eine gewisse ahnung haben.
mit diesem artikel kann ich eher wenig anfangen...

song
00
14.3.2011, 18:02

ich seh grad, tablespace hat eh schon so was ähnliches geschrieben.

tablespace65
05
12.3.2011, 15:50
Es sit schon sehr bedauerlich, dass zwei so großartige Künstle und beachtenswerte Menschen die vegetarische/vegane Ernährungsweise ein bisserl ins Lächerliche ziehen!

Ich schätze T. MAUERER und F. SCHEUBA sehr! Sie zählen mE mit Sicherheit zu den besten Kabarettisten, die wir zur Zeit haben. Außerdem stellen sie auch den Prototyp des "homo politicus", wie man sich ihn in einer modernen demokratischen Gesellschaft nur wünschen kann.

Dass sich die beiden aber ein wenig über den Vegetarismus/Veganismus lustig machen, finde ich sehr schade und verstehe ich auch nicht ganz.

Und zum Schluss, wie ich gestern schon anderer Stelle bemerkte: Das Fleischessen ist für mich u.a. deswegen ethisch inakzeptabel, weil der Mensch sich auch ohne Fleisch und Fisch ausreichend und gesund ernähren kann!

Poldi Fesch
00
22.9.2011, 17:55
da muessens

aber nicht sehr ziehen

florian holzer2
00
23.3.2011, 11:20

ruhig atmen, btte. wenn sie den profil-artikel lesen, wissen sie, dass es da um etwas anderes geht. außerdem: wieso sollen vegetarismus und veganismus eine ausnahme vor satire erfahren?

Poldi Fesch
00
22.9.2011, 17:56
naja, weil es

Satire ueber Satire ist

Fantastic Fox
00
15.3.2011, 20:38
Scheuba ist super.

Maurer sollte aufhören und etwas anderes machen. Er ist überhaupt nicht unterhaltsam und kauft sich in letzter Zeit - seine Mutter hat im Lotto gewonnen - andauernd positive Presse.

Einer wie ich wird hier dringend gebraucht
 
12
14.3.2011, 09:08

Ich bin sicher, Thomas Maurer und Florian Scheuba haben auch Schuhe aus echtem Leder. Irre, oder?

Vielen Veganern und Vegetariern scheint es weniger um die Tiere zu gehen als darum, sich als ethisch überlegene Wesen zu profilieren. Man soll durchaus darüber reden, ob Massentierhaltung und vor allem Massen grausames Abschlachten von Tieren nicht wirksam verhindert werden könnte (und man soll nicht nur darüber reden!), man soll aber anderen nicht die eigene Lebensweise aufzwingen auch nicht Menschen, die sich für eine andere Lebens- und Ernährungsweise entschieden haben, quasi zum Abschuss freigeben.

Kinkidra
00
16.9.2011, 12:02

Ich stimme Ihnen zu, was die Missionierung angeht, allerdings lese ich an dieser Stelle immer nur Hasstirade von Fleischessern gegen die perversen Veganger und ihre kranke Lebensweise, selten umgekehrt. Als Vegetarierin habe ich persönlich noch nie jemandem sein Schnitzel ausreden wollen, umgekehrt werde ich aber ständig angefeindet, was ich doch für einem blöden Verein angehöre, weil Tiere doch zum Essen da sind. Wer behauptet, Vegetarier und Veganer seien die einzigen, von deren Seite Intoleranz versprüht wird, der irrt wirklich gewaltig. Tatsächlich habe ich noch nie einen Vegetarier so aggressiv auf Fleischessen losgehen sehen, wie manchen Schnitzelfetischisten auf mich, nur weil ich ein Sojaprodukt in seiner Gegenwart bestellt habe...

jumpingjack flash
00
22.9.2011, 16:47

im standardforum ist es umgekehrt - aber natürlich ist beides richtig und legitim. jeder soll essen können was er will und was ihm schmeckt.
der fall von agression gegen sie ist bedauerlich - leider auch jede menge agression von der veganer/vegetarier seite. da wird laut "mörder" gerufen wenn man sich ein schnitzerl bestellt.
wir müssen soweit kommen dass ein vegetarier, ein fleischesser und ein veganer im wirtshaus nebeneinander sitzen und gemütlich essen.

Steak vom Milchlamm
40
12.3.2011, 08:50
Hab mich hinraffen lassen und den Aufsatz gelesen!

Ja, wie mein Nick verrät bin ich nicht unbedingt ein Veganer, nicht einmal bedingt, was ich anbieten könnte: Ich könnte einmal einen Veganer in die Sur hauen, was aber aus rechtlichen Gründen in Österreich nicht erlaubt ist, und ich daher tunlichst unterlassen werde.

Zur Abschreckung könnte ich einen Fuchsbandwurm beitragen, der sich in der gemeinen Heidelbeere versteckt und seinem Verzehrer heimtückisch das Leben aushauchen lässt.

Leute passts bei Heidelbeeren bitte auf, zuerst herausbraten und dann erst genießen, sonst ruft das Jenseits!

Dr. Affe
01
12.3.2011, 20:20

uiii hahah,
total originelles posting -

und vor allem so unsagbar witzig im zusammenhang mit tierleid um das es ja vielen vegetariern u veganern geht.

ziemlich primitiv

Kinkidra
00
16.9.2011, 12:05

Was genau hat das damit zu tun, wenn Schweine in Kastenstände gepfercht oder Schafe bei endlosen Tiertransporten gequält werden? Gar nix. Der Mensch ist intelligenter als das Tier, und er sollte seine Überlegenheit nicht dazu missbrauchen, die unterlegenen zu quälen. Dass Tiere in der freien Wildbahn ihren teils auch brutalen Instinkten folgen, hat nichts damit zu tun, dass der Mensch aus reinem profitwirtschaftlichem Kalkül Tieren Leid zufügt.

jumpingjack flash
00
22.9.2011, 16:34

soll ich zustimmen dass der mensch nichts mit tieren zu tun hat - oder doch?

die diskussion ob und inwieweit kastenstände quälerei bedeuten wird gerade intensivst geführt. ich warte ab.

Lectrice
00
22.9.2011, 18:01

Zum Wohlgefühl für die Sau trägt es nicht bei - ich habe als Kind bei den benachbarten Bauern noch die "freien Ställe" erlebt.

Allerdings kann man dem entgegenwirken indem man Fleisch entweder ab Hof kauft oder eben mehr dafür bezahlt - das wollen viele aber auch eben nicht.

jumpingjack flash
00
22.9.2011, 18:36

aber angeblich zu dem der ferkel und der baueren (weil sie sich nicht einer eventuell agressiven muttersau aussetzen müssen und mehr ertrag haben) sagen zumindest die bauern.
ich hab dem vgt eh schon vorgeschlagen einen betrieb mit stall und freien schweinederln und rundumdieuhr internetüberwachung zu führen/zu zeigen.
dan könnt man im laufe der jahre sehen ob nun ferkel erdrückt werden oder nicht.

Poldi Fesch
00
22.9.2011, 21:51
ja, aber da

muesstens arbeiten :)
Ich hab das hier schon oefters von mir gegeben, das Grundproblem, mit ausnahme der Weinbauern, koennen die kein high end Produkt vermarkten.

jumpingjack flash
00
23.9.2011, 09:59

naja, jein - es müssten mehr arbeiten für weniger geld und eventuell mehr risiko/weniger absicherung. die frage ist wer das will bzw. bei uns machen will.
in GR herrliche gärten und eigene hendln - aber halt niemals urlaub weil man jeden tag giessen und füttern muss, nach der arbeit. schon im eigenbedarf schwierig - auch noch die ganze existenz dran hängen?
daher kommen viele gute erschwingliche sachen ja aus ländern mit billiglohn - nur dort wird auch rationalisiert.
auto handgespenglert versus vom fliessband - was können wir zahlen?

Poldi Fesch
00
23.9.2011, 10:30
:) Auto mag ich

als Beispiel nicht so rasend, da mir die pers. Verbindung fehlt

Lectrice
00
22.9.2011, 21:41

Hmmm - Aggressiv werden Tiere meist durch schlechte Haltung oder wenn sie überzüchtet werden.

Ich habe als Kind die Schweindln vom Nachbarn noch in die Suhle getrieben - die waren auch im Stall nicht in "Zwingern" und e. Muttersau passt auf ihre Jungen sehr gut auf und verteidigt sie auch.

Ich habe noch kein Tier, das artgerecht gehalten wird und genug Platz hat (bis auf Ausnahmen) als aggressiv erlebt. Ich habe in der Normandie erlebt wie Kühe auf der Weide alleine kalben - da stehen die anderen im Kreis herum und "betreuen".

Ich glaube es ist der Stress, der sie so werden lässt. Ist ja beim Menschen nicht viel anders.

jumpingjack flash
00
23.9.2011, 17:12

ich hab als kind in nö öfter in schweineställe geschaut -- nur wenige tiere - aber dort war auch nicht alles super - wenn ich kurz nach einem "agressiven" verhalten geknipst hätte wär das heute der aufreger.
ich kenn die dimension nicht - haben alle 1400 abgebissen schwänze oder nur ein paar?
ich damals auch einmal ein totes ferkel liegen sehen - schockierend für ein kind - trotz auslauf, schlamm und stroh im stall und ohne kastenstand.
wobei da wurde täglich zumindest einem gefüttert und nachgeschaut - mit dem zwang der baueren immer anwesend zu sein (deshalb ja auch wenig hofübernahmen) - keine ahnung wie das im riesenbetrieb abläuft.

Poldi Fesch
00
22.9.2011, 18:00
ich glaube, das

bestreitet keiner ernsthaft

jumpingjack flash
00
22.9.2011, 18:38

nojo, da wär ich mir nicht so sicher - einige sehen sich als tiere und behandeln tiere so als ob sie menschen wären :-)

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