Wolfram Siebeck isst unterwegs - Dass es in den Geschichten des neuen Buchs nicht nur ums Essen geht, ist klar
Wer unterwegs isst, den kann man nur bedauern: Nicht einmal für das Intimste (Speisen zu einem Teil seiner selbst werden zu lassen) nimmt er sich Zeit.
In der U-Bahn mit Pizzaschnitte, Leberkässemmel und ähnlichem Selbstgeißelungs-Werkzeug erwischt zu werden ist außerdem grob unhöflich. Zwar müssen die Mitreisenden nicht mitessen, mitriechen ist aber schlimm genug. Vom Mangel an Selbstachtung, der damit zur Schau gestellt wird, gar nicht zu reden.
Bei Wolfram Siebeck ist das doch ein bisschen anders, obwohl auch er unterwegs isst. Sein neues Buch heißt zumindest so: Wolfram Siebeck isst unterwegs. Dass der Mann, der den Deutschen die Freude am Geschmack gab, sich für sein Essen keine Zeit nähme, kann aber ausgeschlossen werden. Er ist bloß viel auf Reisen, weil er dann etwas zu erzählen hat.
Dass es dabei immer ums Essen geht, ist unvermeidlich: Schon im Vorwort stellt Siebeck klar, dass er nur einmal aus anderen Gründen verreist sei. Dass es in den Geschichten des neuen Buchs, die in Berlin und Wien spielen, in Tokio und Istanbul, in Prag und Livorno (wo er als notorischer Skeptiker der italienischen Küche doch noch von ihrer überirdischen Köstlichkeit überzeugt wird!), nicht nur ums Essen geht, ist auch klar: Wäre ja sonst fad. Und das kann bei Siebeck ausgeschlossen werden. (Severin Corti/DER STANDARD/Print-Ausgabe, 12.03.2011)
Wolfram Siebeck isst unterwegs
134 S., € 19,90
Residenz Verlag 2011