Kulinarische Biografie von der Dose bis zur Kinderspeisekarte
Ich habe mich bis zu meinem fünften Lebensjahr im Wesentlichen von Leberpastetebroten (ausschließlich Inzersdorfer) und Bensdorp-Schokolade ernährt (blau, gerippt, die Ein-Schilling-Version). So weit ich mich zurückerinnern kann, ging es mir sehr gut dabei. Die Eltern hatten die Sorge, dass die Ernährung einseitig sein könnte. Unser Hausarzt Dr. S., der deswegen konsultiert wurde, führte mit mir ein langes, einfühlsames Gespräch, in dem ich ihm klar darlegte, dass ich nicht wüsste, warum ich etwas anderes essen sollte. Dr. S.' Rat an die Eltern: „Wenn Sie nicht wollen, dass er verhungert, geben Sie ihm die Leberpastetebrote und die Bensdorp-Schokolade." Sämtliche Versuche, mich zu verändern, Belohnungen, Drohungen - „Du stehst nicht auf, bevor du den Spinat/Suppe/Salat etc. gegessen hast" - waren erfolglos. Ich hätte beim besten Willen nichts runtergebracht.
Unser anno 1965 auf 14 Tage angelegter Familienurlaub in Umag musste abgebrochen werden. Die Inzersdorfer ist den Eltern nach acht Tagen ausgegangen. Sie hatten sich beim Einkauf verkalkuliert. Die jugoslawische Leberpastete, die sie mir als „Inzersdorfer" aufs jugoslawische Brot schmierten, habe ich selbstverständlich nicht gegessen.
Nach elf Tagen, ich schaute mittlerweile aus wie ein kleines Skelett, fuhren wir heim. Feindselige Stimmung im VW Käfer gegen mich. Eigentlich unverständlich, die hatten ja zu wenig Inzersdorfer eingekauft.
Küchenpsychologen interpretieren mein frühkindliches Essverhalten als Protest des braven, sonst sehr angepassten Kindes. Die älteren Brüder waren schlimm, ich musste als Musterknabe herhalten und fand, obwohl mir das so überhaupt nicht bewusst war, eine Form des Protestes in der Nahrungsaufnahme.
Mittlerweile ist alles deutlich besser geworden. Ich esse mittlerweile schon fast alles, was üblicherweise so auf Kinderspeisekarten steht. Schnitzel, Spaghetti, Fischstäbchen, Pizza und Gott sei Dank sehr viel Obst. Etwas anderes kriege ich leider nicht runter. Aber mir geht es gut damit. (Peter Resetarits, DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2011)
Peter Resetarits, geb. 1960, ist ORF-Journalist, verantwortlich für „Schauplatz Gericht" und „Bürgeranwalt" und Bruder von Lukas und Willi.