Warum das echte Essen nicht im echten Leben, sondern in der medialen Rhetorik existiert
Es ist paradox: Je unappetitlicher die Details über Nahrungsmittel und ihre Herstellung werden, desto mehr stürzen sich die Deutschen aufs Essen. Seit Jahren sehen sie sich Fernsehkochshows, "Kochduelle" und "Promi-Dinner" an, bei denen sie außer Gaffen und Hören keine Sinneswahrnehmung haben: Das fürs Kochen und Essen entscheidende Riechen, Schmecken und Anfassen findet vor dem Fernsehkasten nicht statt. Im ICE der Deutschen Bahn präsentieren diese Fernsehköche - selbstverständlich mit einem 50-Cent-Obolus für die Afrika-Hungerhilfe, denn ohne Schmiermittel geht es nicht - Mahlzeiten, die zuvor chemisch geimpft, stabilisiert, konserviert, in Plastik verschweißt und in der Mikrowelle erhitzt wurden. Manche dieser mausetoten Denaturalien werden sogar mit einem "Bio"-Siegel verkauft. Kein ungarischer oder tschechischer Speisewagenkellner würde so etwas anbieten, aber der deutsche Bahnkunde mampft das Formalinfood brav auf und grunzt anschließend das Zauberwort: "Llläcker!". Dass "Bio" im Fall solcher Lebensmittelmisshandlung eine Farce ist, ignoriert er oder weiß es nicht.
Das Bedürfnis nach gutem Essen aus gesunden Lebensmitteln ist kein künstlich erzeugtes, sondern entspringt der klugen und richtigen Haltung: Tu dir Gutes, wer sonst tut es? Seltsam wird der Ton allerdings, wenn die eigene ökobiologisch und oft fleischfrei orientierte Ernährung ethisch aufgeladen und zum Gradmesser für den moralischen Taug aufgeblasen wird. Da tobt sich das grundöde Bedürfnis aus, ein besserer Mensch zu sein.
Karen Duves Buch "Anständig essen" ist in aller Munde. BSE-Rinderwahn, Schweinegrippe, eine angebliche Vogelgrippe, bei der aber vor allem pharmazeutische Restbestände wegverbraucht werden mussten, Gammelfleisch, Dioxin in Futtermitteln und damit auch im "Endverbraucher" genannten Menschen, die Grausamkeit der Massentierhaltung, bei der Lebewesen für die Erzeugung vergifteter Nahrung gequält werden: Das alles wurde und wird medial mit großem Bohei skandalisiert - und ist zuverlässig jeweils zwei oder drei Wochen später öffentlich wieder vergessen, wenn eben eine andere Sau durchs Dorf getrieben werden muss und wird.
Es gibt aber Menschen, die gewohnheitsmäßig länger denken als von zwölf bis Mittag; sie investieren einen Teil ihrer Lebenszeit in den Versuch, sich möglichst wenig Dreck in den Kopf zu stecken und in den Mund zu nehmen. Sie essen also, allein schon um des Geschmacks und des Genusses willen, keine gespritzte, getunte Hauruck-Ware. Mit der Selbstverständlichkeit, Tierquälerei abscheulich zu finden, gehen sie nicht hausieren; man brüstet sich nicht ohne die Strafe der Peinlichkeit mit Dingen, die man nicht tut.
Die Antwort auf die Frage, warum der Mensch Tiere züchtet, sie in Gefangenschaft hält, sie mästet und sich von ihrem Fleisch nährt, ist identisch mit der auf die Frage, warum sich der Hund die Eier leckt: Weil er es kann. Konsumismus - der ja in größtem Maße auch den Verkauf von Lebensmitteln bestimmt - ist das System von Marketing und anderer Simulation. Es geht nicht darum, was eine Ware ist, sondern als was und zu welchem Preis man sie verkaufen kann. Für die prekäre Patchwork-Familie wird Patchwork-Schinken zusammengeklebt; für gehobenere Ansprüche müssen der Jahrgangs-Serrano und der Prosciutto di Parma schon aufwändiger gepanscht werden. Wie viele Millionen Schweine laufen frei um Parma herum - das Reiseziel so vieler deutscher Lkws, randvoll mit frischen Schinken? Im Konsumismus ist alles dem Prinzip des Profits unterworfen. Das ist die Geschäftsordnung eines korrupten Systems, das alle demokratischen Kontrollinstanzen abschüttelt. Um es zu verändern, müsste man es stürzen. Doch was 85 Millionen Ägypter mit Mubarak schafften, kriegen 80 Millionen Deutsche mit Merkel, der FDJ-Sekretärin für Propaganda, nicht hin. Die Deutschen glauben nämlich ganz fest daran, dass sie 1989 schon eine Revolution gemacht hätten. Warum sollten sie auf die Barrikaden gehen oder etwas ändern? Sie maulmoralisieren doch lieber nur herum. (Wiglaf Droste, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.03.2011)
Wiglaf Droste gibt seit 2001 mit dem Stuttgarter Star-Koch Vincent Klink
die werbefreie kulinarische Kampfschrift "Häuptling Eigener Herd"
heraus. Aktuell: Heft 46 "Resterampe". www.haeupt ling-eigener-herd.de.
Von W. D. zuletzt erschienen "Auf sie mit Idyll", Edition Tiamat, Berlin
2011