Wiglaf Droste

Der Schinken, der Anstand und die Heuchelei

11. März 2011, 18:25
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    Wiglaf Droste kämpft gegen gepantschtes Hau-Ruck-Essen

    Foto: Nikolaus Geyer

Warum das echte Essen nicht im echten Leben, sondern in der medialen Rhetorik existiert

Es ist paradox: Je unappetitlicher die Details über Nahrungsmittel und ihre Herstellung werden, desto mehr stürzen sich die Deutschen aufs Essen. Seit Jahren sehen sie sich Fernsehkochshows, "Kochduelle" und "Promi-Dinner" an, bei denen sie außer Gaffen und Hören keine Sinneswahrnehmung haben: Das fürs Kochen und Essen entscheidende Riechen, Schmecken und Anfassen findet vor dem Fernsehkasten nicht statt. Im ICE der Deutschen Bahn präsentieren diese Fernsehköche - selbstverständlich mit einem 50-Cent-Obolus für die Afrika-Hungerhilfe, denn ohne Schmiermittel geht es nicht - Mahlzeiten, die zuvor chemisch geimpft, stabilisiert, konserviert, in Plastik verschweißt und in der Mikrowelle erhitzt wurden. Manche dieser mausetoten Denaturalien werden sogar mit einem "Bio"-Siegel verkauft. Kein ungarischer oder tschechischer Speisewagenkellner würde so etwas anbieten, aber der deutsche Bahnkunde mampft das Formalinfood brav auf und grunzt anschließend das Zauberwort: "Llläcker!". Dass "Bio" im Fall solcher Lebensmittelmisshandlung eine Farce ist, ignoriert er oder weiß es nicht.

Das Bedürfnis nach gutem Essen aus gesunden Lebensmitteln ist kein künstlich erzeugtes, sondern entspringt der klugen und richtigen Haltung: Tu dir Gutes, wer sonst tut es? Seltsam wird der Ton allerdings, wenn die eigene ökobiologisch und oft fleischfrei orientierte Ernährung ethisch aufgeladen und zum Gradmesser für den moralischen Taug aufgeblasen wird. Da tobt sich das grundöde Bedürfnis aus, ein besserer Mensch zu sein.

Karen Duves Buch "Anständig essen" ist in aller Munde. BSE-Rinderwahn, Schweinegrippe, eine angebliche Vogelgrippe, bei der aber vor allem pharmazeutische Restbestände wegverbraucht werden mussten, Gammelfleisch, Dioxin in Futtermitteln und damit auch im "Endverbraucher" genannten Menschen, die Grausamkeit der Massentierhaltung, bei der Lebewesen für die Erzeugung vergifteter Nahrung gequält werden: Das alles wurde und wird medial mit großem Bohei skandalisiert - und ist zuverlässig jeweils zwei oder drei Wochen später öffentlich wieder vergessen, wenn eben eine andere Sau durchs Dorf getrieben werden muss und wird.

Es gibt aber Menschen, die gewohnheitsmäßig länger denken als von zwölf bis Mittag; sie investieren einen Teil ihrer Lebenszeit in den Versuch, sich möglichst wenig Dreck in den Kopf zu stecken und in den Mund zu nehmen. Sie essen also, allein schon um des Geschmacks und des Genusses willen, keine gespritzte, getunte Hauruck-Ware. Mit der Selbstverständlichkeit, Tierquälerei abscheulich zu finden, gehen sie nicht hausieren; man brüstet sich nicht ohne die Strafe der Peinlichkeit mit Dingen, die man nicht tut.

Die Antwort auf die Frage, warum der Mensch Tiere züchtet, sie in Gefangenschaft hält, sie mästet und sich von ihrem Fleisch nährt, ist identisch mit der auf die Frage, warum sich der Hund die Eier leckt: Weil er es kann. Konsumismus - der ja in größtem Maße auch den Verkauf von Lebensmitteln bestimmt - ist das System von Marketing und anderer Simulation. Es geht nicht darum, was eine Ware ist, sondern als was und zu welchem Preis man sie verkaufen kann. Für die prekäre Patchwork-Familie wird Patchwork-Schinken zusammengeklebt; für gehobenere Ansprüche müssen der Jahrgangs-Serrano und der Prosciutto di Parma schon aufwändiger gepanscht werden. Wie viele Millionen Schweine laufen frei um Parma herum - das Reiseziel so vieler deutscher Lkws, randvoll mit frischen Schinken? Im Konsumismus ist alles dem Prinzip des Profits unterworfen. Das ist die Geschäftsordnung eines korrupten Systems, das alle demokratischen Kontrollinstanzen abschüttelt. Um es zu verändern, müsste man es stürzen. Doch was 85 Millionen Ägypter mit Mubarak schafften, kriegen 80 Millionen Deutsche mit Merkel, der FDJ-Sekretärin für Propaganda, nicht hin. Die Deutschen glauben nämlich ganz fest daran, dass sie 1989 schon eine Revolution gemacht hätten. Warum sollten sie auf die Barrikaden gehen oder etwas ändern? Sie maulmoralisieren doch lieber nur herum. (Wiglaf Droste, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.03.2011)

 

Wiglaf Droste gibt seit 2001 mit dem Stuttgarter Star-Koch Vincent Klink die werbefreie kulinarische Kampfschrift "Häuptling Eigener Herd" heraus. Aktuell: Heft 46 "Resterampe". www.haeupt ling-eigener-herd.de. Von W. D. zuletzt erschienen "Auf sie mit Idyll", Edition Tiamat, Berlin 2011

Chukche
00
17.3.2011, 09:38

In Deutschland kenne ich neben Harry Rowohlt und Wiglaf Droste keinen, der eigene Texte so virtuos vorzutragen vermag. Ich rate jedem, sich das einmal vor Ort anzuhören.

song
01
14.3.2011, 17:58

"für gehobenere Ansprüche müssen der Jahrgangs-Serrano und der Prosciutto di Parma schon aufwändiger gepanscht werden. Wie viele Millionen Schweine laufen frei um Parma herum - das Reiseziel so vieler deutscher Lkws, randvoll mit frischen Schinken?"
meines wissens ist die praxis sogar etwas grausamer. um das gütesiegel zu bekommen, müssen die tiere nämlich in der region von parma geschlachtet werden. das führt dazu, dass die schlachtreifen schweine aus ganz europa in tagelangen fahrten in tiertransportern nach parma gebracht werden. ich mag den geschmack von prosciutto und gewiss gibt es in der gegend um parma auch regionale produkte auf die dies nicht zutrifft, aber beim spar um eur 2,99 kriegt man die halt nicht...

fuerTiere
01
14.3.2011, 14:06
Ein Deutscher isst ungefähr

200 Gramm Fleisch pro Tag. Macht jährlich etwa 80 Kilo Fleisch pro Kopf und rund 6,5 Milliarden Kilo Fleisch für das ganze Land. Eine solche Masse an Fleisch kann man aber nur bereit stellen, wenn man die Tiere in Massen züchtet und im Akkord tötet. Diese Massentierhaltung ist nicht nur furchtbar für die Tiere, sie ist auch schlimm für unsere Umwelt, für das Klima und für die Gerechtigkeit auf der Welt. Es gibt viele gute Gründe, nie mehr Fleisch zu essen. Aber eigentlich reicht schon einer...!

Die Wiedergeburt des Melchior Dronte
00
12.3.2011, 21:12

die linke kann dem volk nicht verzeihen, dass das volk sich '89 gegen eine linke diktatur erhoben hat.

oder, wie wir hier lesen können: das war keine revolution, sondern.. was? eine konterrevolution?

uund was möchte droste beseitigen? die demokratie? den kapitalismus? wegen schummelschinken?

Franz Klug
00
11.3.2011, 22:24
Bravo und Danke: Wiglaf!

postingname aenderung
00
11.3.2011, 19:18
Droste! Wiglaf Droste!

Seit ich vor bald 30 Jahren meine erste Titanic gekauft hab, mag ich ihn, er kann wirklich gut schreiben und wenn er einmal in der Argumentation nicht recht hat, so ist es immer noch ein Vergnügen, ihr zu folgen.
Freu mich wie ein Schneekönig, ihn einmal in Ö zu lesen.

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