"Hallo, ich bin ess-brech-magersüchtig"

Overeaters Anonymous bieten ein Forum für alle Formen der Essstörung

Wien - Magersucht gilt als Krankheit, Bulimie, die Ess-Brechsucht, ebenfalls, die Esssucht hingegen als Charakterschwäche. Die ersten beiden Zustände bekommen Therapieangebote, Model-Verträge oder einfach Mitleid, der letztere den Spott und die Zurückweisung der Umwelt. Tatsächlich liegen die drei Erscheinungsformen eng beisammen und sind unter "Essstörung" richtig subsumiert. In der Praxis treten alle oder zumindest die Mager- und die Ess-Brechsucht im Leben einer Person auf und wechseln sich phasenweise ab.

Seit rund 20 Jahren gibt es die Organisation Overeaters Anonymous (OA), die all jenen ein Forum bietet, die unter ihrem Essverhalten, wie immer es sich auch konkret darstellt, leiden.

Man trifft sich in der Gruppe. Man liest Texte über Genesung, Verantwortung, Rücksicht, Hoffnung, Gelassenheit und über die Möglichkeit eines jeden, zu beeinflussen, was man kann, und hinzunehmen, was man nicht beeinflussen kann. OA bieten keine Therapie im engeren Sinn. Es sind auch keine Therapeuten anwesend. Betroffene unterstützen sich gegenseitig, etwa in einem Mentorenverhältnis, bei dem ein Mentor gewählt wird, der auch außerhalb der wöchentlichen Gruppenstunde ansprechbar ist. In Theorie und Praxis funktioniert OA analog zu den Anonymen Alkoholikern. Ein 12-Schritte-Programm fungiert als Skript für die Sitzungen. Wer spricht, wendet sich immer mit "Hallo. Ich bin (Name) und esssüchtig" an die Gruppe. Das Erzählte wird weder kommentiert noch beurteilt, und es hagelt weder Tipps noch Diätpläne. (bs, DER STANDARD Printausgabe, 14.03.2011)

Overeaters Anonymous in Wien: Jeden 1. Montag im Monat, 19 Uhr, offene Gruppe, 1020, Nepomukgasse 1

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