Kopf oder Bauch

Die Eckpunkte für Bauchgefühl

13. März 2011, 17:03
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    foto: sigrid rossmann/www.pixelio.de

    Nicht im Kopf, sondern aus dem Bauch heraus werden Entscheidungen getroffen. Auf den Verstand sollte man sich trotzdem immer verlasen - aber eben erst in zweiter Linie.

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Gerd Gigerenzer hat nachgewiesen, dass bei schwierigen Entscheidungen Intuition oft mehr bringt als analytisches Denken

Professor Gigerenzer bietet Guetzli zum Kaffee an. "Greifen Sie zu", sagt er, der Mensch lebe schließlich nicht vom Denken allein. "Die Logik", sagt der Psychologe und beißt in ein Nussstängeli. "Die Logik ist in der westlichen Welt viel zu lange als einzig selig machende Methode betrachtet worden."

"Erst denken, dann handeln!", wird bereits Primarschülern eingebläut: in aller Ruhe die Vor- und Nachteile der einzelnen Möglichkeiten abwägen und erst dann eine Entscheidung treffen. Doch egal, ob bei der Berufswahl, in einer Ehekrise oder an der Börse, sagt Gigerenzer: "Langes Nachdenken bringt oft wenig."

"Nehmen wir an, Sie suchen eine Frau", sagt er. Der amerikanische Staatsmann Benjamin Franklin habe vorgeschlagen, in solchen Fällen alle Vor- und Nachteile der einzelnen "Optionen" aufzulisten, mit Punkten zu versehen - und sich für die Kandidatin mit der höchsten Gesamtpunktezahl zu entscheiden. Ein sorgfältiges, reflektiertes Vorgehen. "Ich kenne aber nur einen einzigen Menschen, der seine Frau tatsächlich so ausgesucht hat", sagt Gigerenzer, "ein erfolgreicher Wirtschaftswissenschafter - mittlerweile geschieden."

Gigerenzer lehnt Franklins Vorschlag nicht nur ab, weil es sehr schwer sei, Charme, Intelligenz, Humor, Aussehen, sozialen Status einer Person gegeneinander aufzurechnen. Er behauptet vielmehr, dass Entscheidungen, die auf Berechnung beruhen, generell oft schlechter seien als intuitiv getroffene.

Gerd Gigerenzer, 63 Jahre alt, markanter Schnauz, Brille auf der Nase, leitet das Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Als junger Mensch war er Psychologe, Jazzgitarrist, Judoka und Tiefseetaucher. Heute hat die Wissenschaft Priorität. Er untersucht, wie Menschen Entscheidungen treffen und wie sie Risiken einschätzen. Sein Bestseller Bauchentscheidungen wurde in 18 Sprachen übersetzt.

"Welche Aktien kennen Sie?", fragte er in Berlin beispielsweise hundert zufällig gewählte Passanten. Aus den am häufigsten genannten Papieren stellte er ein Paket zusammen, reichte es bei einem Börsenspiel ein - und schnitt damit besser ab als 88 Prozent von tausenden Portfolios, die Fachleute ausgearbeitet hatten. Weitere Studien bestätigen dieses Resultat. "Börsenkurse lassen sich so schwer vorhersagen, dass Prognosen von Experten im Schnitt keine besseren Resultate ergeben als der Zufall", sagt Gigerenzer.

Die Macht des Besten

In einem anderen Experiment ließ er Studenten für Spiele der US-Basketball-Liga NBA tippen, welche Mannschaft gewinnen werde. Die Testpersonen bekamen nur zwei Informationen: Die Anzahl der Matches, die die beiden Teams jeweils in der bisherigen Saison gewonnen hatten, und den Halbzeitstand.

Die meisten Probanden gingen intuitiv nach folgendem Schema vor: War eine Mannschaft über die gesamte Saison deutlich besser als die andere, tippten sie auf diese. Nur bei Begegnungen zwischen Teams mit ähnlicher Bilanz tippten sie auf diejenige Mannschaft, die zur Halbzeit führte. Diese Methode, bei der nach einer hierarchischen Reihenfolge Kriterien abgeklopft werden, nennen Fachleute "Take-the-best": Nimm das beste Kriterium und entscheide danach. Nur falls sich kein klarer Unterschied ergibt, nimm das zweitbeste. 78 Prozent der Tipps der Studenten waren richtig. Ein Computerprogramm, das zahlreiche statistische Daten zu den Teams nach komplizierten Algorithmen verrechnete, gab ebenfalls 78 Prozent korrekte Tipps: unentschieden. Und in den Fachgebieten Psychologie, Wirtschaft und Biologie schnitt die Take-the-Best-Methode bei ähnlichen Prognose-Experimenten mit 71 Prozent richtigen Tipps sogar besser ab als das ausgefeilte Computerprogramm (68 Prozent).

Doch man dürfe sich keine Illusionen machen, sagt Gigerenzer und schenkt Kaffee nach: "Auch das Bauchgefühl kann trügen." Gerade wenn es darum geht, Risiken einzuschätzen: Bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 etwa starben in New York mehr als 3000 Menschen. Allein in den USA kommen nach Hochrechnungen jedes Jahr aber rund 28.000 Menschen durch mangelnde Hygiene in Krankenhäusern um. Warum fürchten sich dennoch die meisten Leute viel stärker vor Terror als vor Infektionen im Spital? "Wir kriegen schnell Angst, wenn viele Menschen auf einmal sterben könnten", erklärt Gigerenzer. "Sind hingegen über einen längeren Zeitraum viel mehr Menschen in Lebensgefahr, scheint das weniger bedrohlich."

Horden-Denken

Einen Grund dafür vermutet er in der Evolutionsgeschichte: In der Frühzeit lebten Menschen in kleinen Horden - und wenn ein Teil dieses Verbandes starb, war schnell das Überleben der gesamten Gruppe in Gefahr.

Er fordert eine verbindliche Checkliste für Krankenhäuser. Denn auch in Deutschland und der Schweiz werde in vielen Spitälern bisher nicht einmal kontrolliert, ob sich ein Chirurg die Hände gewaschen hat, bevor er zum Skalpell greift. Sein Hauptanliegen ist die Aufklärung der Bürger, damit sie Risiken realistischer einschätzen und mündige Entscheidungen treffen lernen. Denn nicht nur viele Politiker und die Werbewirtschaft seien Meister der Manipulation. Auch auf die Empfehlungen von Medizinern könne man sich häufig nicht verlassen: Nur etwa die Hälfte der Schweizer Ärzte, die er kürzlich im Rahmen einer Studie befragte, glauben, dass Reihenuntersuchungen zur Früherkennung von Prostatakrebs sinnvoll seien. Drei Viertel geben jedoch an, ihren Patienten solche Tests zu empfehlen. Gigerenzer nennt dieses Phänomen "defensive Medizin". Auch Therapien und Operationen, die man selbst nie in Anspruch nehmen würde, werden aus Angst, wegen Nachlässigkeit verklagt zu werden, durchgeführt. In den USA gaben in einer Umfrage von 800 Ärzten 93 Prozent an, sie würden defensive Medizin betreiben.

"Fragen Sie einen Arzt daher nie, was er empfiehlt", sagt Gigerenzer, und greift nach einem letzten Guetzli. "Fragen Sie ihn, was er tun würde, wenn er an Ihrer Stelle wäre." (Till Hein, DER STANDARD Printausgabe, 14.3.2011)

Bücher von Gerd Gigerenzer:

"Bauchentscheidungen - Die Intelligenz des Unbewussten"(Bertelsmann), "Das Einmaleins der Skepsis" (bvt)

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23 Postings
das kleine Massnahmenpaket
01
20.3.2011, 13:36

Die Wahrnehmungspsychologie besagt, dass wir mehr Eindrücke empfangen, als wir bewußt verarbeiten können. Das Bauchgefühl ist nichts anderes als Signale aus dem Unterbewußtsein, würde ich meinen. Es vermittelt Botschaften, die wir im Bewußtseinszustand "übersehen" haben - und kann damit zu einer richtigeren Einschätzung der Dinge beitragen. Es kann aber auch daneben liegen, keine Frage.

gesund leben
00
16.3.2011, 13:25

es gibt definitv kein bauchhirn, aber bauchentscheidungen, was einem gefühlsmäßigem entscheid entspricht. eine studie, anfangs nicht so ernst gemeint, hat zum beispiel erbracht, dass aktienkäuferInnen ohne ahnung vom aktienmarkt intuitiv die besseren entscheidungen beim ankauf getroffen haben. vor allem frauen.

das kleine Massnahmenpaket
00
20.3.2011, 13:41

erinnert mich an eine Geschichte von Ephraim Kishon. Dabei geht es darum, dass diejenigen am zuverlässigsten das Ergebnis im Toto voraussagen, die keine Ahnung von Fußball haben. Die beste Trefferquote erzielt schließlich der Hund der Familie, aber nicht lange, denn sogar er wird schließlich zum Fußballexperten :-)

presumption of innocence
20
14.3.2011, 20:56
Im Darm sitzen Zellen wie im Gehirn

die Bauchentscheidung ist immer die richtige, wird aber meist von der "Logik" des Gehirns überlagert.

Birgit 68
01
15.3.2011, 14:11

Nicht der Bauch, sondern das Limbische System im Gehirn ist für die Intuition zuständig.

der gärtner
00
14.3.2011, 14:04
ein paar anekdoten aus denen dann unzulässig verallgemeinert wird

und der einzig sinnvolle satz, der im prinzip sein werk zusammenfasst:

"Langes Nachdenken bringt oft wenig."

ist so banal, banaler gehts gar nicht.

und sowas wird dann ein bestseller.

gesund leben
00
16.3.2011, 13:30

ich finde auch, dass die intuitive entscheidung aus dem bauch heraus vielleicht in einigen bereichen gut ist, vor allem wenn gefahr droht, aber im großen und ganzen zeichnet uns menschen doch die möglichkeit, dinge zu überdenken, zu bewerten und danach zu handeln aus. das nennt man dann rationale vernunft, oder so...

das kleine Massnahmenpaket
00
20.3.2011, 13:28
Rational ist gut, aber

Rational können wir nur das abwägen, was wir sicher wissen. In einer schwierigen Situation gibt es aber oftmals unbekannte Faktoren und Risiken. Und was tun, wenn eine Entscheidung schnell getroffen werden muss und zum langen Analysieren einfach die Zeit fehlt?

Ich bin auch nicht dafür, wichtige Dinge einfach so aus dem Bauch heraus zu entscheiden, aber manchmal ist es die einzige Möglichkeit, das kann man nicht einfach wegleugnen.

Birgit 68
00
17.3.2011, 08:43

Die Bewertung sollte der intuitiven Entscheidung folgen und letztere überprüfen.
Ist doch klar, denn der Intellekt ist nicht imstande, soviele Details gleichzeitig gegeneinander abzuwegen, wie die Intuition ("der Bauch", das limbische System, das Gefühl, oder wie sie sich alle nennen) es unbewußt macht.

gesund leben
00
17.3.2011, 08:51

ich möchte nicht wissen, wie viele bauchentscheidungen in der geschichte zu katasthrophalen ergebnissen geführt haben. ja, zum bauch mit schmetterlingen, nein zum bauch als ersatz für rationales denken!

Birgit 68
00
17.3.2011, 08:58

Um alle Details rational gegeneinander abwägen zu können, muss man sie aber erst einmal alle kennen und sich dann noch ihrer bewußt sein.
Details, die man nicht kennt, kann man auch nicht berücksichtigen.
Es ist sowieso immer ein Risiko dabei.
Tatsache ist, dass das Fällen von Entscheidungen ohne ein funktionierendes Limbisches System, das mit der Großhirnrinde verschaltet ist, unmöglich ist.
Dafür gibt es Belege.
Sonst noch Fragen?

gesund leben
00
17.3.2011, 09:17

ich stelle keine fragen sondern tue meine meinung kund

Birgit 68
00
17.3.2011, 09:38

Ja richtig, Entschuldigung!

Birgit 68
01
15.3.2011, 14:12

Ich finde, er hat Recht. Er verwechselt nur den Bauch mit dem Limbischen System im Gehirn, das außer für die Intuition noch für die Emotionen zuständig ist.

gastrosoph
30
14.3.2011, 06:04
Im Bauch

befindet sich das, was später als Sch... und P... herauskommt, mehr nicht. Warum immer mehr an esoterischem Müll unter dem Begriff Wissenschaft verbreitet wird, versteht mein Bauch nicht.

Birgit 68
00
14.3.2011, 13:56

"Bauch" ist ja wohl auch der Falsche Begriff, für das limbische System im Gehirn, das für die intuition zuständig ist.
Neulich habe ich von einem recht etablierten und glücklich verheirateten Unternehmer mit einem IQ von 130, in den USA gelesen, dem man aus ges. Gründen das limbische System vom übrigen Gehirn abgetrennt hatte. ich brauche Ihnen jetzt nicht zu erklären, wofür das limbische System zuständig ist? Ihm werden die Emotionen zugeordnet.
Na jedenfalls konnte der besagte Unternehmer danach keine Entscheidungen mehr treffen, hat seine Firma verloren und seine Familie, obwohl er jetzt immer noch den hohen IQ von 130 hat!
Diese Geschichte sprichrt sehr dafür, dass Entscheidungen nicht mit dem Intellekt gefällt werden, sondern mit dem

menschxy
03
14.3.2011, 08:39
wahrscheinlich

noch nie was von Gigerenzer gelesen...
Der Mann ist eindeutig Wissenschaftler und nicht Esoteriker.
Aber es ist anscheinend nicht so einfach zu begreifen, dass es neben der Rationalität auch noch andere Faktoren gibt die zu richtigen Entscheidungen führen können.

gastrosoph
11
14.3.2011, 10:21
Ja und?

Sind wir bei der Seele, bei Gott, Geist...? Wo sitzt Vernunft? Im Gehirn. Intuition ist unbewusstes Wissen, wie wenn ich etwa Fahrrad fahre, ohne mir ständig bewusst zu machen, wie das funktioniert.

Birgit 68
01
14.3.2011, 16:14

Jetzt haben'S aber gerade noch die Kurve gekratzt, gell? Zumal soetwas wie Intuition doch hauptsächlich den Alternativen zugesprochen wird (sind das überhaupt Esotheriker?). Die Evidenzbasierten vertrauen mehr auf (externe) Statistiken als ihrer eigenen Intuition, die auf ihrer internen Erfahrung beruht.

werwolfi
05
14.3.2011, 02:44

dass der gewalttsame tod von 3000 menschen bei einem terroranschlag mehr angst auslöst als 28.000 tote jährlich durch mangelnde krnakenhaushygiene, hat natürlich auch noch einen anderen grund:

von ersterem haben *weitaus* mehr menschen überhaupt erfahren!

wer kennt schon die statistiken für ärztepfusch? und wäre es für die medien auflagensteigernd, darüber -zig stunden nonstop live zu berichten? und dienen diese zahlen der politik dazu, beschränkungen der freiheiten des einzelnen durchzusetzen und zusätzliches geld lockerzumachen?

astemp79
05
13.3.2011, 21:17
Fragen Sie einen Arzt daher nie, was er empfiehlt"...

... sagt Gigerenzer, … "Fragen Sie ihn, was er tun würde, wenn er an Ihrer Stelle wäre."
Das ist eine altbekannte psychotherapeutische Methode, die nicht nur im Zusammenspiel mit Medizinern wirkt, sondern generell im zwischenmenschlichen Bereich. Diese Methode wird im spirituell-geistigen Bereich oft angewandt, wobei es die verschiedensten Bezeichnungen gibt. Die häufigste ist "Spiegelgesetz-Methode". Die Hawaiianer nennen sie "Ho'oponopono" - und sie diente dazu, Unstimmigkeiten innerhalb des Stammes und der Familien zu beseitigen.

Standardabweichung
04
13.3.2011, 17:28

Der letzte Satz gefällt mir: 'Fragen Sie den Arzt, was er tun würde, wenn er an Ihrer Stelle wäre'. Werde ich in Zukunft so machen.

Birgit 68
00
14.3.2011, 16:19

Dazu muss er sich dessen aber erst bewußt sein, dass das, was er mir rät, etwas Anderes ist als das, was er an meiner Stelle tun würde.

Vielleicht hat er sich darüber noch keine Gedanken machen müssen?

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