Wie sich das ausgehen soll als alleinerziehende Mutter mit Beruf, frage ich mich - Von Sabine Scholl
Wo ich wohne, leben 40 Prozent der Alleinerziehenden von Sozialhilfe. Mit mehreren Kindern nimmt die Hilfsbedürftigkeit zu.
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Alleinerziehung hat eine lange Tradition. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg gaben das Muster der Zerstörung vor. Einerseits sollten die Mütter dem Dritten Reich immer mehr Einwohner verschaffen, andererseits wurden die Soldatenväter dem Kampf um mehr Raum geopfert. Die Frauen blieben mit den Kindern allein, arbeiteten an den Trümmern des kaputten Systems, um ihren Nachwuchs aufzuziehen. Die Last blieb an ihnen hängen. Ihre Partner in dem gemeinsamen Projekt waren tot.
Die Töchter dieser Alleinerzieherinnen wiederum hatten gelernt, dass man sich opfern muss, um eine Familie zu erhalten. Sie konzentrierten sich darauf, alles zu können: einen Mann zu haben, der verdient, Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen, einen Halbtagsjob für gemeinsamen Wohlstand, wenn der Mann es erlaubte. Eine feste Klammer, die nicht zerbrechen durfte, um nicht zu enden wie die Frauengeneration vor ihr.
Und die 68er? Befreiung von alten Mustern? Kam in den Regionen, in denen ich aufwuchs, nicht vor. Diese Revolution vollzog sich aus Perspektive des katholischen Landlebens in Form von Jazzmessen, indischen Sandalen, Beatlesplatten und Fernsehberichten über Studenten in Tränengaswolken. Das hatte mit uns nichts zu tun. Und schon gar nicht mit der Verbesserung der Rolle der Frauen. Bruchstücke von Feminismus, die sich ins Dorf verirrten, lehrten, dass man keine Kinder haben soll, wenn man frei leben will. Mit den ungeklärten Resten nicht mehr passender alter und noch nicht passender neuer Ideologien ging man später voller Übermut daran, Kinder zu kriegen. Weil man als weibliche und männliche Individuen bewiesen hatte, dass man sich gelöst hatte von den Mustern der Eltern, nahm man an, dass auch das Vater-Mutter-Kind-Spiel kein Problem, sondern eine Fortsetzung des Projekts "Es geht alles anders auch" darstellen würde.
Und dann hing mit einem Mal ein Kind an der Mutter, hing von ihrem Busen ab. Doch der Vater wickelte auch und gab die Flasche und schlief stehend ein, wenn das Baby die Nacht durchschrie und er es durch die Wohnung trug. Aber irgendwie, nach einiger Zeit kochte er nicht mehr so gern und räumte immer weniger auf und konnte das Kind nicht mehr beruhigen und musste seine Freunde treffen und dringend aus dem Haus. Und irgendwie musste er morgens viel länger schlafen und die Mutter stand mit dem Baby um sechs Uhr auf. Und irgendwie vergaß er, einzukaufen oder kaufte das Falsche und die Mutter ging allein in den Supermarkt mit dem Kind. Und irgendwie schlief die Mutter immer schon ein, bevor der Vater nach Hause kam. Und irgendwie war dann bald doch alles so, wie in der Familie, aus der er kam, aus der sie kam.
Zu zweit. Irgendwie
Oder nicht so. Oder die Mutter wollte mit einem Mal das Kind nicht mehr aus der Hand geben, wollte die besten Sachen kaufen und kochen und nichts anderes als dem Kind das Klettern beibringen und das Schaukeln. Oder die Mutter wollte den Vater unterstützen, weil er Künstler war und seinen Raum und seine Freiheit brauchte. Und die Kinder störten ihn dabei.
Oder die Mutter behauptete, dass das Kind nur mit ihr die beste Zeit verlebte, und war froh, dass der Vater aus dem Haus war und arbeitete und das Geld heimbrachte, damit sie Wollpullover kaufen konnte für das Kind, Ökokarotten, Kügelchen gegen Zahnweh. Und irgendwie schnappte die Klammer zu.
Aber trotzdem war alles noch schön. Und manchmal nicht, aber doch immer wieder schön. Und trotzdem war man zu zweit für das Kind. Irgendwie.
Die Probleme kreisten herum, fingen sich mal da mal dort. Blieben in der Familie.
Dann aber. Stellte sich heraus, dass das Opfer nicht mehr zeitgemäß war. Das Von-sich-Absehen zugunsten der Kinder nicht mehr zeitgemäß war.
Eigentlich.
Und die Väter machten sich davon. Eröffneten sich den Freiraum, atmeten durch. Sie konnten sich entscheiden. Und ja, es gibt auch Frauen, die das tun.
Doch die Mehrheit der Alleinerziehenden ist weiblich. Mehrheitlich landen die Väter bei neuen Frauen, und die Kinder bleiben den Müttern übrig. Sie müssen sich allein mit ihnen herumschlagen. Täglich. Stündlich. Minütlich. Nicht nur wochenendlich. Die wenigsten Mütter haben das gewollt oder geplant.
Und ich frage mich erstens, ob das geht. Und frage mich zweitens nicht, ob das geht, weil es irgendwie gehen muss.
Aber wer will schon irgendwie leben? Welche Frau will sich das antun? Wer kann Mutter sein und Subjekt bleiben? Subjekt muss sie sein, um am Markt zu überleben, Mutter muss sie sein, um die Kinder durchzubringen.
Unterstützung gibt es kaum.
Die Herkunftsfamilie weit weg, unfähig oder unwillig, die Kinder zu übernehmen. Der Vater flüchtig oder unfähig, Geld zu verdienen, oder unwillig, für die Kinder zu zahlen.
Die Horte und Kindergärten überfüllt. Die privaten unbezahlbar. Die Kindermädchen, Babysitter, Aupairs unbezahlbar. Die kinderlosen Freundinnen haben keine Zeit. Das Jugendamt kennt alle Geschichten in- und auswendig. Trocknet die Tränen mit Formularen, schickt Drohbriefe an die Väter aus.
Und wer als Mutter Geld verdienen will, scheitert an der Betreuung der Kinder. Und wer als Mutter Würde wahren und arbeiten will, bekommt Halbtagsstellen, Heimarbeit, unterbezahlt, jederzeit kündbar, weil die Kinder krank werden und die Mütter der Arbeit fernbleiben.
Frauen leisten Zukunftsarbeit
Und nehmen die Mütter Geld vom Staat, sind sie Schmarotzer und selbst Schuld an der Misere. Die sind halt blöd, lassen sich Kinder anhängen, und deren Kinder sind sowieso gestört. Ja stimmt. Weil die Gesellschaft gestört ist, die so mit Kindern umgeht. Und mit Müttern, mit denen, die sich hergeben, sie auf die Welt und durchs Leben zu bringen. Die Mutter arbeitet mit den Trümmern der Familie. Muss aufkehren, putzen, die Stücke zusammenkleben, einen Ersatz basteln. Die Schäden sind ununterbrochen zu reparieren, die Kinder müssen zum Psychologen, da die Gesellschaft sie nicht will. Und die Mutter darf keine Wut haben und nicht leiden, weil das den Kindern nicht guttut. Sie muss verstehen. Sie ist eine Zahl in der Statistik, die einen Zuwachs von Trennungen zeigt.
Wann denkt man endlich darüber nach, dass diese Frauen Zukunftsarbeit leisten, dass sie nicht allein gelassen werden sollten? Wie sollen sich neue, passende Konzepte entwickeln, wenn die Kinder über die Mutter mitkriegen müssen, dass niemand sie braucht, dass sie an den Rand gedrängt sind, dass sie die Werte der Gesellschaft, die da sind Egoismus, Selbstverwirklichung, Geldverdienen, Konsum, nicht erbringen können?
Wie sollen diese Kinder das Projekt Familie fortführen können?
Deutschland schafft sich tatsächlich ab, indem es seinen Nachkommen vorführt, dass sie nicht viel wert sind. Indem es Zugezogene diffamiert und für die eigenen Kinder nichts tut. Nicht genügend Betreuung anbietet, damit die Mütter arbeiten gehen können und ihren Selbstwert wieder erlangen. Nicht genügend Ganztagsschulen. Keine kostenlosen Nachhilfeprogramme. Keine soziale Aufwertung der Erziehungsarbeit. Keine finanzielle Anreize, keine erstklassige Ausbildung für Kindererzieher und -betreuer, nicht genügend Geld für Universitäten, um durch Bildung Fortschritt zu erreichen und damit eine Werte erzeugende Mittelschicht. Wann werden endlich die geschönten Bilder verschwinden? Wann wird es wieder Männer geben, die sich einlassen wollen? Warum sollten sich Männer das antun, eine alleinerziehende Frau zu daten, wenn doch das Leben ohne Einschränkungen zu genießen viel einfacher und gesellschaftlich anerkannter ist als die Mühsal, auf Bedürfnisse von zu erziehenden Kindern einzugehen? Frage ich mich.
Und, ehrlich gesagt, ich spüre weit und breit nicht den leisesten Hauch. (Sabine Scholl, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 12./13. März 2011)
Sabine Scholl, geb. 1959 in Grieskirchen, Oberösterreich, studierte
von 1978 bis 1986 Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft an der
Universität Wien.
Scholl war anschließend (1988-1990) Lektorin an der Universität
Aveiro in Portugal und erhielt 1991 einen Forschungsauftrag der
Universität Wien über Verbindungen zwischen Film und Literatur am
Beispiel des Autors Carl Mayer. Zuletzt erschien von ihr der
Kriminalroman "Giftige Kleider" (2010) im Deuticke Verlag.