"Wer will schon irgendwie leben?"

11. März 2011, 18:04
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    foto: apa/dpa/kay nietfeld

    Eiskalter Wind bläst Alleinerzieherinnen entgegen: zu wenige Kinderbetreuungsplätze, keine Ganztagsschulen, keine soziale Aufwertung der Erziehungsarbeit, nicht genug Selbstwert.

Wie sich das ausgehen soll als alleinerziehende Mutter mit Beruf, frage ich mich - Von Sabine Scholl

Wo ich wohne, leben 40 Prozent der Alleinerziehenden von Sozialhilfe. Mit mehreren Kindern nimmt die Hilfsbedürftigkeit zu.

***

Alleinerziehung hat eine lange Tradition. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg gaben das Muster der Zerstörung vor. Einerseits sollten die Mütter dem Dritten Reich immer mehr Einwohner verschaffen, andererseits wurden die Soldatenväter dem Kampf um mehr Raum geopfert. Die Frauen blieben mit den Kindern allein, arbeiteten an den Trümmern des kaputten Systems, um ihren Nachwuchs aufzuziehen. Die Last blieb an ihnen hängen. Ihre Partner in dem gemeinsamen Projekt waren tot.

Die Töchter dieser Alleinerzieherinnen wiederum hatten gelernt, dass man sich opfern muss, um eine Familie zu erhalten. Sie konzentrierten sich darauf, alles zu können: einen Mann zu haben, der verdient, Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen, einen Halbtagsjob für gemeinsamen Wohlstand, wenn der Mann es erlaubte. Eine feste Klammer, die nicht zerbrechen durfte, um nicht zu enden wie die Frauengeneration vor ihr.

Und die 68er? Befreiung von alten Mustern? Kam in den Regionen, in denen ich aufwuchs, nicht vor. Diese Revolution vollzog sich aus Perspektive des katholischen Landlebens in Form von Jazzmessen, indischen Sandalen, Beatlesplatten und Fernsehberichten über Studenten in Tränengaswolken. Das hatte mit uns nichts zu tun. Und schon gar nicht mit der Verbesserung der Rolle der Frauen. Bruchstücke von Feminismus, die sich ins Dorf verirrten, lehrten, dass man keine Kinder haben soll, wenn man frei leben will. Mit den ungeklärten Resten nicht mehr passender alter und noch nicht passender neuer Ideologien ging man später voller Übermut daran, Kinder zu kriegen. Weil man als weibliche und männliche Individuen bewiesen hatte, dass man sich gelöst hatte von den Mustern der Eltern, nahm man an, dass auch das Vater-Mutter-Kind-Spiel kein Problem, sondern eine Fortsetzung des Projekts "Es geht alles anders auch" darstellen würde.

Und dann hing mit einem Mal ein Kind an der Mutter, hing von ihrem Busen ab. Doch der Vater wickelte auch und gab die Flasche und schlief stehend ein, wenn das Baby die Nacht durchschrie und er es durch die Wohnung trug. Aber irgendwie, nach einiger Zeit kochte er nicht mehr so gern und räumte immer weniger auf und konnte das Kind nicht mehr beruhigen und musste seine Freunde treffen und dringend aus dem Haus. Und irgendwie musste er morgens viel länger schlafen und die Mutter stand mit dem Baby um sechs Uhr auf. Und irgendwie vergaß er, einzukaufen oder kaufte das Falsche und die Mutter ging allein in den Supermarkt mit dem Kind. Und irgendwie schlief die Mutter immer schon ein, bevor der Vater nach Hause kam. Und irgendwie war dann bald doch alles so, wie in der Familie, aus der er kam, aus der sie kam.

Zu zweit. Irgendwie

Oder nicht so. Oder die Mutter wollte mit einem Mal das Kind nicht mehr aus der Hand geben, wollte die besten Sachen kaufen und kochen und nichts anderes als dem Kind das Klettern beibringen und das Schaukeln. Oder die Mutter wollte den Vater unterstützen, weil er Künstler war und seinen Raum und seine Freiheit brauchte. Und die Kinder störten ihn dabei.

Oder die Mutter behauptete, dass das Kind nur mit ihr die beste Zeit verlebte, und war froh, dass der Vater aus dem Haus war und arbeitete und das Geld heimbrachte, damit sie Wollpullover kaufen konnte für das Kind, Ökokarotten, Kügelchen gegen Zahnweh. Und irgendwie schnappte die Klammer zu.

Aber trotzdem war alles noch schön. Und manchmal nicht, aber doch immer wieder schön. Und trotzdem war man zu zweit für das Kind. Irgendwie.

Die Probleme kreisten herum, fingen sich mal da mal dort. Blieben in der Familie.

Dann aber. Stellte sich heraus, dass das Opfer nicht mehr zeitgemäß war. Das Von-sich-Absehen zugunsten der Kinder nicht mehr zeitgemäß war.

Eigentlich.

Und die Väter machten sich davon. Eröffneten sich den Freiraum, atmeten durch. Sie konnten sich entscheiden. Und ja, es gibt auch Frauen, die das tun.

Doch die Mehrheit der Alleinerziehenden ist weiblich. Mehrheitlich landen die Väter bei neuen Frauen, und die Kinder bleiben den Müttern übrig. Sie müssen sich allein mit ihnen herumschlagen. Täglich. Stündlich. Minütlich. Nicht nur wochenendlich. Die wenigsten Mütter haben das gewollt oder geplant.

Und ich frage mich erstens, ob das geht. Und frage mich zweitens nicht, ob das geht, weil es irgendwie gehen muss.

Aber wer will schon irgendwie leben? Welche Frau will sich das antun? Wer kann Mutter sein und Subjekt bleiben? Subjekt muss sie sein, um am Markt zu überleben, Mutter muss sie sein, um die Kinder durchzubringen.

Unterstützung gibt es kaum.

Die Herkunftsfamilie weit weg, unfähig oder unwillig, die Kinder zu übernehmen. Der Vater flüchtig oder unfähig, Geld zu verdienen, oder unwillig, für die Kinder zu zahlen.

Die Horte und Kindergärten überfüllt. Die privaten unbezahlbar. Die Kindermädchen, Babysitter, Aupairs unbezahlbar. Die kinderlosen Freundinnen haben keine Zeit. Das Jugendamt kennt alle Geschichten in- und auswendig. Trocknet die Tränen mit Formularen, schickt Drohbriefe an die Väter aus.

Und wer als Mutter Geld verdienen will, scheitert an der Betreuung der Kinder. Und wer als Mutter Würde wahren und arbeiten will, bekommt Halbtagsstellen, Heimarbeit, unterbezahlt, jederzeit kündbar, weil die Kinder krank werden und die Mütter der Arbeit fernbleiben.

Frauen leisten Zukunftsarbeit

Und nehmen die Mütter Geld vom Staat, sind sie Schmarotzer und selbst Schuld an der Misere. Die sind halt blöd, lassen sich Kinder anhängen, und deren Kinder sind sowieso gestört. Ja stimmt. Weil die Gesellschaft gestört ist, die so mit Kindern umgeht. Und mit Müttern, mit denen, die sich hergeben, sie auf die Welt und durchs Leben zu bringen. Die Mutter arbeitet mit den Trümmern der Familie. Muss aufkehren, putzen, die Stücke zusammenkleben, einen Ersatz basteln. Die Schäden sind ununterbrochen zu reparieren, die Kinder müssen zum Psychologen, da die Gesellschaft sie nicht will. Und die Mutter darf keine Wut haben und nicht leiden, weil das den Kindern nicht guttut. Sie muss verstehen. Sie ist eine Zahl in der Statistik, die einen Zuwachs von Trennungen zeigt.

Wann denkt man endlich darüber nach, dass diese Frauen Zukunftsarbeit leisten, dass sie nicht allein gelassen werden sollten? Wie sollen sich neue, passende Konzepte entwickeln, wenn die Kinder über die Mutter mitkriegen müssen, dass niemand sie braucht, dass sie an den Rand gedrängt sind, dass sie die Werte der Gesellschaft, die da sind Egoismus, Selbstverwirklichung, Geldverdienen, Konsum, nicht erbringen können?

Wie sollen diese Kinder das Projekt Familie fortführen können?

Deutschland schafft sich tatsächlich ab, indem es seinen Nachkommen vorführt, dass sie nicht viel wert sind. Indem es Zugezogene diffamiert und für die eigenen Kinder nichts tut. Nicht genügend Betreuung anbietet, damit die Mütter arbeiten gehen können und ihren Selbstwert wieder erlangen. Nicht genügend Ganztagsschulen. Keine kostenlosen Nachhilfeprogramme. Keine soziale Aufwertung der Erziehungsarbeit. Keine finanzielle Anreize, keine erstklassige Ausbildung für Kindererzieher und -betreuer, nicht genügend Geld für Universitäten, um durch Bildung Fortschritt zu erreichen und damit eine Werte erzeugende Mittelschicht. Wann werden endlich die geschönten Bilder verschwinden? Wann wird es wieder Männer geben, die sich einlassen wollen? Warum sollten sich Männer das antun, eine alleinerziehende Frau zu daten, wenn doch das Leben ohne Einschränkungen zu genießen viel einfacher und gesellschaftlich anerkannter ist als die Mühsal, auf Bedürfnisse von zu erziehenden Kindern einzugehen? Frage ich mich.

Und, ehrlich gesagt, ich spüre weit und breit nicht den leisesten Hauch. (Sabine Scholl, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 12./13. März 2011)

Sabine Scholl, geb. 1959 in Grieskirchen, Oberösterreich, studierte von 1978 bis 1986 Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft an der Universität Wien.

Scholl war anschließend (1988-1990) Lektorin an der Universität Aveiro in Portugal und erhielt 1991 einen Forschungsauftrag der Universität Wien über Verbindungen zwischen Film und Literatur am Beispiel des Autors Carl Mayer. Zuletzt erschien von ihr der Kriminalroman "Giftige Kleider" (2010) im Deuticke Verlag.

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14 Postings
kalivish
12
17.3.2011, 20:46
WEGSCHAUEN!

Meine Erfahrung als Alleinerzieherin - mit einem lange Zeit unbekannt (zur Freundin) verzogenen Ehemann und Vater zweier Kinder, der sich heute sporadisch um seine Kinder kümmert - bezüglich Gesellschaft, (wohlsituierter) Familie, neuer Frau und Umfeld ist: WEGSCHAUEN, WEGSCHAUEN, WEGSCHAUEN! Eine Gesellschaft, mit angeblicher Gleichberechtigung, steckt Alleinerzieherinnen in prekäre Arbeitsverhältnisse, mutet ihnen die alleinige Verantwortung (auch im Hinblick auf künftige Pensionen) zu, belangt Väter und Familien auf keinste Weise und fordert mehr Rechte für Väter, wo doch das Pflichtenheft nicht annähernd begonnen wurde. Für mich: eine Erschütterung in den Grundwerten!

feueramdbach
01
12.3.2011, 19:13
freut mich, dass so eine kritische betrachtung

mal unter kultur-literatur erscheint, hier wimmelt es wenigstens nicht fast hundertfach von unreflektierten unsinn-postings.

manus_ductus
 
11
12.3.2011, 15:07
Interessanter Artikel Wer will schon irgendwie leben? Trümmerfrauen sind passe, welche existenzielle Aufbauarbeit leisten müssen. Jedoch sollten wir künftig nicht von Frauen und Männern sprechen, sondern...

mit neuen Begriffen unabhängig des Geschlechtes umgehen lernen. Wirtschaftlich gesehen wird es die Singles als KarrieretypInnen, ohne Kinder, und Ansprüche über die Kariere bedienen. Sowohl Männlein als auch Weiblein, dazu wird es keine Quoten brauchen und ist selbstregulierend. Es wird Paare unabhängigen Geschlechtes geben, welche sich um Nachwuchs bemühen. In diesen Partnerschaften ist es auch unerheblich wer den überwiegenden finanziellen Teil der Finanzleistung einbringt. Karriere, Unabhängigkeit und Kinder wird zusammen nicht funktionieren wie es FeministInnen fordern und dem Staat aufbürden. Ziel muss Familien- sein und nur in Ausnahmen Alleinerzieherförderung. Dazu muss man auch den Vätern mehr Rechte geben und sie auch lassen.

A.B. Artig
 
01
14.3.2011, 12:58

Dazu müssten sich leider auch jene, die auf die Kinder und sogar auf die Alimentezahlungen pfeifen- und das sind jährlich Tausende- eines Besseren besinnen...

VoK
00
14.3.2011, 15:39

Zustimmung!

V.A. unter dem rechtlichen Aspekt dass die Mütter auf Kindes-Unterhalt gar nicht verzichten DÜRFEN da es sich dabei nicht um ihr Geld sondern um Geld des Kindes handelt.
Gäbe es einmal ein Zerwürfnis zwischen Kind und Mutter dann könnte das Kind mit seinem 18. Geburtstag rückwirkend bis zur Geburt alle UH-Zahlungen auf welche die Mutter "verzichtet" hat von der Mutter einklagen - und würde gewinnen.

Heinz Anderle
 
42
12.3.2011, 06:04
Da lobe ich mir mein konsequentes Junggesellendasein, um das man(n) mich inzwischen sogar beneidet.

Frauen werden über meine Kinder(wunsch)losigkeit von vornherein grundsätzlich nie im Unklaren gelassen.

Ich habe das Sklavenjoch der Evolution abgeworfen und genieße meine Ruhe und meine Freiheit. Über Fehler in der eigenen Lebensplanung zu jammern blieb mir durch solche Umsicht erspart.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

baroli
03
14.3.2011, 16:54

Spätestens mit Eintritt des ersten Zipperleins werden viele Hagestolze auf einmal erstaunlich bindungsaffin.

Die besten Häppchen sind aber dann meist schon verspeist.

A.B. Artig
 
11
14.3.2011, 12:59

Menschen wie Sie leiden dann in hohem Alter immer wieder unter heftiger Einsamkeit... Und das meine ich nicht wertend. Alles hat Vor-und Nachteile.

flauapaua
04
13.3.2011, 22:49

Ihre Mama und Ihr Papa haben diesbezüglich ganz anders gedacht (sonst nämlich hätten Sie heute im Standard keinen Punkt und keinen Beistrich gepostet).

alf binder
03
11.3.2011, 22:30
Vie mehr Alltagssolidarität zwischen den Geschlechtern notwendig

Ganz wichtig auch und in den zahllosen gegenwärtigen Jeremiaden zwischen den Geschlechtern oft vergessen, weil sich keine(r) mangelnde Selbst- und Menschenkenntnis vorwerfen lassen will: mehr Sorgfalt walten lassen bei der Partnerwahl, bei Kinderwunsch sowieso unbedingt.
Beim Kinderkriegen die finanzielle Frage nicht erst beim Sozialamt stellen.
Viele der zur Gänze von staatlicher Unterstützung lebenden, alleinerziehenden Frauen zumal in Berlin, wo die Autorin lebt, haben vor der Schwangerschaft finanziell nicht viel anders gelebt als danach - die Stadt hat eine halbe Million TransferempfängerInnen. In meinem Bekanntenkreis übrigens zahlen die meisten der geschiedenen Männer satte Unterhaltsleistungen, mitunter sogar über Jahrzehnte.

Minister der Ökomonie
01
11.3.2011, 21:40
Einfach aus sterben.

http://www.vhemt.org/dindex.htm

Vielleicht sehe ich es zu negativ, aber: Im ganz normalen Alltag sind die allerwenigsten (auch Eltern) nicht bereit, an einer Zukunft, für eine Zukunft zu arbeiten. Es wird an der Umwelt Raubbau betrieben, zerstörerische und menschenfeindliche Systeme unterstützt, solange der Einzelne damit einigermaßen über Runden kommt. Aktuell sind die Zeiten schwierig, aber das ist erst der Anfang. Für etwas kämpfen, das werden wir uns von Afrika abschauen müssen, weil hier sehen wir vom Fernsehsessel aus zu, wie alles verrottet.
Aber Kinder wollen. Kindern eine Welt überlassen, zu der man kaum stehen kann. Sie sollen fressen was wir heute schei*en.
Soviel zum Titel. Kein Kind will das von sich aus.

Aung San Suu Tschi
 
04
11.3.2011, 21:37
Sehr guter Text, jedes Wort stimmt, sprachlich und sachlich. Danke !

crème brûlée
00
12.3.2011, 14:17

dem kann ich mich vollinhaltlich anschließen

santa fe
 
18
11.3.2011, 18:37

wenn wir wieder familien sein wollen, brauchen wir das

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