Berliner "Arche"

Pommes wachsen nicht auf Bäumen

11. März 2011, 17:03

In der Berliner "Arche" lernen vernachlässigte Kinder und Jugendliche, dass Essen mehr ist als Pizza, Chips und Pommes.

Hühnerfrikassee, Reis und grüner Salat verschwinden in nahezu beängstigender Geschwindigkeit im Mund von Pascal. Dem 15-Jährigen schmeckt es ganz offensichtlich, seinen Freunden ebenfalls. Am Tisch, wo sie dicht gedrängt sitzen, wird getratscht und gelacht. Ganz normale Jugendliche bei einem ganz normalen Mittagessen, könnte man meinen.

Doch der Schein trügt. Für jene Kinder und Jugendlichen, die täglich in die Berliner "Arche" kommen, um hier mittags zu essen, ist es nicht selbstverständlich, eine warme, gesunde Mahlzeit zu bekommen. "38 Prozent aller Berlin Kinder bis 15 Jahre leben von Hartz IV (Sozialhilfe, Anm.). Für ein so reiches Land wie Deutschland ist das eine Katastrophe", sagt Wolfgang Büscher, Sprecher des Kinderhilfsprojekts Arche. Denn in diesen Familien fehlt nicht nur das Geld für den Sportverein oder den Kinobesuch. Auch für gesunde Nahrung bleibt nichts übrig. "Nicht weil es gar keine finanziellen Mittel gibt", erklärt Büscher, "sondern weil die Mütter und Väter mit Planung, Einkauf und Zubereitung von Essen völlig überfordert sind."

Einseitige Ernährung

Und so schaut für unzählige Kinder in den Plattenbauten von Berlin-Hellersdorf der "Speiseplan" aus: Es gibt wahlweise Pizza, Chips, Pommes frites oder Schokolade, dazu süße Limonaden - alles, was man fix und fertig, auch an Tankstellen, kaufen kann. Ab dem 20. des Monats, wenn kein Geld mehr übrig ist, kommen jeden Tag Nudeln mit Ketchup auf den Couch-Tisch vor dem Fernseher.

Erst wenn die Kinder in die Arche kommen, lernen sie, dass Essen abwechslungsreicher Genuss sein kann - und dass man dabei auf Stühlen an einem Tisch sitzt. Die Arche bietet rund 800 hungrigen Mäulern in der Woche nicht nur ein gesundes, kostenloses Mittagessen. In Kursen wird auch versucht, Eltern wie Kindern richtiges Essen beizubringen. Büscher erinnert sich an eine Mutter, die nach einem Kochnachmittag ganz verblüfft fragte: "Hast du gewusst, dass Pommes frites aus Kartoffeln sind?" Sie dachte, die wachsen auf Bäumen.

Bunte Vitaminteller

Büscher erzählt auch von 17-Jährigen, die noch nie in ihrem Leben eine Tomate oder ein Radieschen gegessen haben. Deren Zähne von den vielen Limonaden verfault sind, die zu klein für ihr Alter sind, weil sie Vitamine nur in Spurenelementen zu sich nehmen. Auf den Mittagstischen in der Arche stehen appetitliche Teller mit Karotten- und gelben wie grünen Paprikastreifen. Daneben sind kleine Schüsseln mit frisch gemachter Joghurtsoße zum Dippen. Manchmal bleibt jemand stehen und nimmt sich einen Happen. Aber es ist nicht so, dass die bunten Vitamin-Teller ruck, zuck leergegessen werden.

"Es dauert einige Zeit, bis sich die Kinder umgestellt haben - sie sind die gesunde Kost ja nicht gewohnt", sagt Büscher. Noch mühsamer ist es, die Eltern vorsichtig auf neue Pfade zu leiten. In Seminaren wird ihnen zunächst Grundsätzliches beigebracht. Welche Lebensmittel man salzen kann, wie lange sich Karotten halten. Meist aber sind es dann die Kinder, die irgendwann das Zepter in die Hand nehmen und den Arche-Mitarbeitern Erfolgserlebnisse bescheren. Schön ist für Büscher eines: "Wenn eine Mutter wieder einmal Fertigpizza auf den Tisch stellen will und die Tochter sagt: Lass das, Mama, wir können selber besser und gesünder kochen." (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD Printausgabe, 12.3.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2
Ulrike Reiter
00
12.3.2011, 17:35
Schön und gut, aber ...

Schon in meinen Kindertagen (geb. 1961) wurde von Erwachsenen die Mär verbreitet, Kinder glaubten, die Milch käme aus der Fabrik. Allerdings habe ich im Laufe meines Lebens deutschsprachige Menschen kennengelernt, die es auf den Erkenntnisstand eines Analphabeten eines beliebigen Entwicklungslandes bringen und demnach auch ihren Kindern nicht viel zu vermitteln haben. Dieses Defizit bezieht nicht nur auf Nahrung sondern auf alle Lebensbereiche (die praktischen und erkenntnistheoretischen). Vielleicht sollte das Konzept der Schulbildung überdacht werden. Kinder von total verunsicherten Eltern entwickeln sich zu eben solchen Erwachsenen. Es dürfte nicht unmöglich sein, diese Scharte auszuwetzen.

h 90
02
13.3.2011, 06:13

Ich bin Baujahr 1971 aus NOE und die Maer wurde verbreitet das Wiener Kinder glauben Kuehe sind lila (Milka Werbung).

Jane Lane
 
00
13.3.2011, 11:14

Ich bin ein ~10 Jahre jüngers Modell/auch NOE und genau diesselbe Geschichte wurde mir als Kind auch erzählt: und zwar vom Lehrer damals! :D

h 90
00
13.3.2011, 16:34

Ich weiss nicht mehr wann und von wem es mir erzaehlt wurde (ist ja auch 10 Jahre laenger her) Aber offensichtlich gabs schon Farbfernseher.

dafa
00
14.3.2011, 18:58
auch in der steiermark...

... wurde diese mär verbreitet...

Dagmar Rehak Wien
 
15
12.3.2011, 23:20

Solche Gschichtln werden immer wieder verbreitet, vor allem, wenn es einer notwendig hat, andere verächtlich zu machen.
Es hat noch nie jemandem gegeben, der geglaubt hat, dass Milch aus de Fabrik kommt oder dass Pommes frites auf den Bäumen wachsen.
Stimmtschon, es gibt Dumpf*acken, und die sind oft auch Sozialhilfeempfänger, machen aber insgesamt nur einen winzigen Teil der Bevölkerung aus. Deshalb gleich die Eltern von 38% der Kinder in D verächtlich zu machen, ist einfach nur bösartig.

Hans Krankls Frisör
10
12.3.2011, 23:19

Das Problem an der Sache ist wohl, dass man die Kinder dann vermehrt, und für mehr Zeit pro Woche, in öffentlichen Einrichtungen (Schulen, Kindergärten, Horte) unterbringen müsse. Eltern die ihr Leben und das ihrer Kinder im Griff haben werden diese Bevormundung nicht sonderlich schätzen. Man denke nur an die Kindergartenpflicht,...

h 90
52
13.3.2011, 06:15

Vor allem erinnerts an DDR/Sowjet wo man die Kinder auch moeglichst jung ideologisch geformt hat.

Dagmar Rehak Wien
 
52
12.3.2011, 13:55

Das ist aber ein bisschen sehr vorurteilsbehaftet.

Jo eh...
16
12.3.2011, 16:31

Ich habe drei Jahre lang in einem Sozialhilfeviertel gelebt und kann Ihnen versichern dass die Realität noch weit schlimmer als alle Vorurteile ist.

Dagmar Rehak Wien
 
32
12.3.2011, 17:36

Wo denn?
Hier werden Dinge behauptet, die der Chronist nicht wissen kann. Und ich nehme an, du hast auch nicht die Leute in der Nachbarschaft zuhause besucht.

h 90
00
13.3.2011, 13:39

ich glaub die riechen einfach zu streng um sie zuhause zu besuchen.

h 90
126
12.3.2011, 04:18

Mit Hartz IV hat man nicht zuwenig Geld um gesund zu kochen, sondern die Leute sind zu faul.

derbrain
07
12.3.2011, 19:36

"Nicht weil es gar keine finanziellen Mittel gibt", erklärt Büscher, "sondern weil die Mütter und Väter mit Planung, Einkauf und Zubereitung von Essen völlig überfordert sind."

Das zeigt, dass die Leute die Fähigkeit zu leben an sich verlernt haben. Das ist ja das Fatale an der ganzen Arbeitslosen-Misere. Viele Leute geben sich auf, haben keinen Anspruch mehr an sich selbst und ans Leben. Das kann man mit Geld nicht wett machen. Leidtragende sind einmal mehr die Kinder.

h 90
11
13.3.2011, 05:11

Die Kinder lernen dann auch nichts anders als faul rumzusitzen. Denke die wenigsten schaffen es dann aus der Unterschicht raus.

A Voice
00
17.3.2011, 13:37
Und da läßt man sie am besten drin ersaufen

oder wie darf ich die Gesamtheit Ihrer Postings bis hier verstehen?
Kindergarten ist ideologischer Formungsdrill und Eltern soundso zu blöd um sich aus ihrem eigenen Versagen zu befreien.
Keine sehr konstruktive Weltsicht.

Dagmar Rehak Wien
 
31
12.3.2011, 23:03

"Nicht weil es gar keine finanziellen Mittel gibt", erklärt Büscher, "sondern weil die Mütter und Väter mit Planung, Einkauf und Zubereitung von Essen völlig überfordert sind."

Das zeigt gar nix, weil's nämlich gar nicht wahr ist.
Wer wenig Geld hat, muss billig einkaufen und kann sich sicher keine Pizza leisten. Dieser Büscher wiederkäut einfach nur die üblichen dummen Vorurteile.
Mir kommt vor, Hartz-4-Empfänger sind bezüglich solcher Beleidigungen schon vogelfrei, und jeder, der auf sich hält, erzählt uns, was er sich zu ihnen ausgedacht hat, um damit sein Wissen über gesunde Ernährung zur Schau zu stellen.

Rene Stangeler
00
15.3.2011, 13:45
Bitte nicht Tiefkühlpizza (ab 1,50 Euro)

mit einer Pizza aus der Pizzeria verwechseln. Von wegen, können sich Pizza nicht leisten. So ein 2kg Sack Pommes vom Diskonter kostet auch nicht mehr als 2 Euro, dazu die grosse 2 kg Flasche Ketchup und die Familie ist versorgt, Zeit um Kartoffeln zu kochen bleibt ja keine zwischen dem Gang zur Eckkneipe und dem Konsum von Soaps.
Dass ein Grossteil der Hartz IV Kinder ohne Frühstück in die Schule geschickt wird ist wohl auch nur ein Hirngespinst von Fachleuten?

nam eda
01
17.3.2011, 08:27

was ist an dem ohne frühstück so schlimm?

ich gestehe: mein kind mit seinen zwei akademisch gebildeten, gut verdienenden eltern geht auch ohne frühstück in den kindergarten, weil er vor 9 uhr früh nichts essen will.

A Voice
01
17.3.2011, 13:38
Meine essen zwar Frühstück

aber wenn nicht, so what - dafür gibt's ja die Jause mit.

bouncing
11
11.3.2011, 20:26

als würden sich nur sozialhilfe-empfänger ungesund ernähren... anyway, super projekt!

Jo eh...
03
12.3.2011, 13:53

NUR natürlich nicht. Aber dass Arme sich am ungesündesten ernähren ist vielfach ergewiesen. Schauen Sie mal in einen McDonald's Ihrer Wahl, egal ob in Österreich oder den USA: dort sehen Sie weit mehr Sozialhilfeempfänger als Geschäftsleute. Und das hat nichts mit dem Geld zu tun (selbst kann man billiger gesund kochen als bei McDonald's zu essen) sondern mit schlechten Angewohnheiten und Familien in denen gutes Essen nicht geschätzt wird, in denen praktisch nie wirklich gekocht wird. Und da hilft dann eben die Arche.

Dagmar Rehak Wien
 
22
12.3.2011, 23:10

Du warst noch nie in deinem Leben in einem McDonald's, oder? Da sind definitiv mehr Geschäftsleute als Sozialhilfeempfänger, außer vielleicht am Praterstern, aber sonst nicht.

Aber stimmt schon: Arme ernähren sich am Ungesündesten. Aber nicht, weil sie das so toll finden oder zu dumm für etwas anderes sind, sondern aus finanzieller Not heraus. Und sie gehen nicht zum McDonald's.

h 90
01
13.3.2011, 06:17

Selber kochen kann man aber schon super billig und sehr gesund, noch mehr wenn man viel Zeit hat.

Dagmar Rehak Wien
 
00
13.3.2011, 16:16

Die billigsten Lebensmitteln bestehen aus Stärke und Zucker. Das ist auf Dauer nicht gesund.

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