In der Berliner "Arche" lernen vernachlässigte Kinder und Jugendliche, dass Essen mehr ist als Pizza, Chips und Pommes.
Hühnerfrikassee, Reis und grüner Salat verschwinden in nahezu beängstigender Geschwindigkeit im Mund von Pascal. Dem 15-Jährigen schmeckt es ganz offensichtlich, seinen Freunden ebenfalls. Am Tisch, wo sie dicht gedrängt sitzen, wird getratscht und gelacht. Ganz normale Jugendliche bei einem ganz normalen Mittagessen, könnte man meinen.
Doch der Schein trügt. Für jene Kinder und Jugendlichen, die täglich in die Berliner "Arche" kommen, um hier mittags zu essen, ist es nicht selbstverständlich, eine warme, gesunde Mahlzeit zu bekommen. "38 Prozent aller Berlin Kinder bis 15 Jahre leben von Hartz IV (Sozialhilfe, Anm.). Für ein so reiches Land wie Deutschland ist das eine Katastrophe", sagt Wolfgang Büscher, Sprecher des Kinderhilfsprojekts Arche. Denn in diesen Familien fehlt nicht nur das Geld für den Sportverein oder den Kinobesuch. Auch für gesunde Nahrung bleibt nichts übrig. "Nicht weil es gar keine finanziellen Mittel gibt", erklärt Büscher, "sondern weil die Mütter und Väter mit Planung, Einkauf und Zubereitung von Essen völlig überfordert sind."
Einseitige Ernährung
Und so schaut für unzählige Kinder in den Plattenbauten von Berlin-Hellersdorf der "Speiseplan" aus: Es gibt wahlweise Pizza, Chips, Pommes frites oder Schokolade, dazu süße Limonaden - alles, was man fix und fertig, auch an Tankstellen, kaufen kann. Ab dem 20. des Monats, wenn kein Geld mehr übrig ist, kommen jeden Tag Nudeln mit Ketchup auf den Couch-Tisch vor dem Fernseher.
Erst wenn die Kinder in die Arche kommen, lernen sie, dass Essen abwechslungsreicher Genuss sein kann - und dass man dabei auf Stühlen an einem Tisch sitzt. Die Arche bietet rund 800 hungrigen Mäulern in der Woche nicht nur ein gesundes, kostenloses Mittagessen. In Kursen wird auch versucht, Eltern wie Kindern richtiges Essen beizubringen. Büscher erinnert sich an eine Mutter, die nach einem Kochnachmittag ganz verblüfft fragte: "Hast du gewusst, dass Pommes frites aus Kartoffeln sind?" Sie dachte, die wachsen auf Bäumen.
Bunte Vitaminteller
Büscher erzählt auch von 17-Jährigen, die noch nie in ihrem Leben eine Tomate oder ein Radieschen gegessen haben. Deren Zähne von den vielen Limonaden verfault sind, die zu klein für ihr Alter sind, weil sie Vitamine nur in Spurenelementen zu sich nehmen. Auf den Mittagstischen in der Arche stehen appetitliche Teller mit Karotten- und gelben wie grünen Paprikastreifen. Daneben sind kleine Schüsseln mit frisch gemachter Joghurtsoße zum Dippen. Manchmal bleibt jemand stehen und nimmt sich einen Happen. Aber es ist nicht so, dass die bunten Vitamin-Teller ruck, zuck leergegessen werden.
"Es dauert einige Zeit, bis sich die Kinder umgestellt haben - sie sind die gesunde Kost ja nicht gewohnt", sagt Büscher. Noch mühsamer ist es, die Eltern vorsichtig auf neue Pfade zu leiten. In Seminaren wird ihnen zunächst Grundsätzliches beigebracht. Welche Lebensmittel man salzen kann, wie lange sich Karotten halten. Meist aber sind es dann die Kinder, die irgendwann das Zepter in die Hand nehmen und den Arche-Mitarbeitern Erfolgserlebnisse bescheren. Schön ist für Büscher eines: "Wenn eine Mutter wieder einmal Fertigpizza auf den Tisch stellen will und die Tochter sagt: Lass das, Mama, wir können selber besser und gesünder kochen." (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD Printausgabe, 12.3.2011)