Der 14. Dalai Lama will seine politische Macht abgeben
Das freundliche Lächeln, das wie die aus der Mode gekommene Brille und die rote Mönchskutte zu Tendzin Gyatsho gehört, war Donnerstag kaum zu sehen. Der 14. Dalai Lama nahm mit ernster Miene an der Gedenkfeier zum Tibet-Aufstand von 1959 teil. Kurz zuvor hatte er in Dharamsala angekündigt, er wolle seine politische Rolle als Anführer der Exil-Tibeter aufgeben. Die Nachricht gilt nicht nur im nordindischen Unterschlupf des Dalai Lama als Zäsur in dem seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt mit der Volksrepublik China.
Vor 52 Jahren floh das geistliche und politische Oberhaupt der Tibeter aus dem von den Chinesen besetzten - laut Peking "befreiten" - Tibet. 1965 entstand eine autonome Provinz Tibet, große Teile Alt-Tibets wurden benachbarten chinesischen Provinzen zugeschlagen. In der Kulturrevolution versuchten die Chinesen das "religiöse Feudalsystem" der Lamas zu zerstören und schleiften die Klöster der Mönche. Heute will Peking die Tibeter mit hohen Subventionen für sich gewinnen.
Gegen diese Politik hat Dalai Lama seit seiner Flucht friedlichen Widerstand geleistet und sich dabei zum wirklichen PR-Genie für die tibetische Sache entwickelt. Genützt haben ihm dafür vor allem auch seine Kontakte in den deutschsprachigen Raum, die aus seiner Freundschaft mit Heinrich Harrer (Sieben Jahre in Tibet) erwuchsen. 1989 erhielt er den Friedensnobelpreis für sein Engagement. Spätestens damit rückte er zu weltweiter Prominenz auf und Prominenz ihm weltweit auf den Pelz. Von Hollywoodstars wie Richard Gere abwärts begeisterten sich plötzlich viele für Tibet.
In der Sache hat der Aktivismus allerdings wenig bewegt. Schwere Unruhen in Tibet wurden zuletzt im März 2008 blutig unterdrückt, derzeit ist die Region für Ausländer gesperrt. Nach internationalen Protesten vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 eingeleitete Gespräche versandeten. Chinas Führung bezichtigt den Dalai Lama wegen dessen Anspruch auf Autonomie für alle Teile Tibets als gefährlichen "Separatisten".
Dass der 75-Jährige mit seinem Abtritt als politischer Führer auch seinen politischen Einfluss verlieren könnte, ist unwahrscheinlich. Dennoch dürfte das den tatsächlichen Separatisten in Dharamsala Auftrieb geben - und daneben den Hardlinern in China. Um das abzuwenden, wird der Dalai Lama all seine Autorität aufwenden und womöglich noch vor seinem Tod seine eigene Wiedergeburt als Dalai Lama präsentieren müssen. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2011)