Kopf des Tages

Das tibetische PR-Genie setzt eine Zäsur

10. März 2011, 18:35

Der 14. Dalai Lama will seine politische Macht abgeben

Das freundliche Lächeln, das wie die aus der Mode gekommene Brille und die rote Mönchskutte zu Tendzin Gyatsho gehört, war Donnerstag kaum zu sehen. Der 14. Dalai Lama nahm mit ernster Miene an der Gedenkfeier zum Tibet-Aufstand von 1959 teil. Kurz zuvor hatte er in Dharamsala angekündigt, er wolle seine politische Rolle als Anführer der Exil-Tibeter aufgeben. Die Nachricht gilt nicht nur im nordindischen Unterschlupf des Dalai Lama als Zäsur in dem seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt mit der Volksrepublik China.

Vor 52 Jahren floh das geistliche und politische Oberhaupt der Tibeter aus dem von den Chinesen besetzten - laut Peking "befreiten" - Tibet. 1965 entstand eine autonome Provinz Tibet, große Teile Alt-Tibets wurden benachbarten chinesischen Provinzen zugeschlagen. In der Kulturrevolution versuchten die Chinesen das "religiöse Feudalsystem" der Lamas zu zerstören und schleiften die Klöster der Mönche. Heute will Peking die Tibeter mit hohen Subventionen für sich gewinnen.

Gegen diese Politik hat Dalai Lama seit seiner Flucht friedlichen Widerstand geleistet und sich dabei zum wirklichen PR-Genie für die tibetische Sache entwickelt. Genützt haben ihm dafür vor allem auch seine Kontakte in den deutschsprachigen Raum, die aus seiner Freundschaft mit Heinrich Harrer (Sieben Jahre in Tibet) erwuchsen. 1989 erhielt er den Friedensnobelpreis für sein Engagement. Spätestens damit rückte er zu weltweiter Prominenz auf und Prominenz ihm weltweit auf den Pelz. Von Hollywoodstars wie Richard Gere abwärts begeisterten sich plötzlich viele für Tibet.

In der Sache hat der Aktivismus allerdings wenig bewegt. Schwere Unruhen in Tibet wurden zuletzt im März 2008 blutig unterdrückt, derzeit ist die Region für Ausländer gesperrt. Nach internationalen Protesten vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 eingeleitete Gespräche versandeten. Chinas Führung bezichtigt den Dalai Lama wegen dessen Anspruch auf Autonomie für alle Teile Tibets als gefährlichen "Separatisten".

Dass der 75-Jährige mit seinem Abtritt als politischer Führer auch seinen politischen Einfluss verlieren könnte, ist unwahrscheinlich. Dennoch dürfte das den tatsächlichen Separatisten in Dharamsala Auftrieb geben - und daneben den Hardlinern in China. Um das abzuwenden, wird der Dalai Lama all seine Autorität aufwenden und womöglich noch vor seinem Tod seine eigene Wiedergeburt als Dalai Lama präsentieren müssen. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2011)

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beowulf2
 
51
11.3.2011, 03:48
Lernens Geschichte Herr Prantner! "große Teile Alt-Tibets wurden benachbarten chinesischen Provinzen zugeschlagen."

Schmarrn, 1965 wurden kleine Teile dieses "Groß-Tibets" wieder der TAR zugefügt. Also sogar das Gegenteil. Die Neuadministrierung und Veränderungen im Zeitraum 1911-1965 sind komplex, aber unterm Strich bleibt, dass diese Teile unter der Herrschaft der Republik bzw. Volksrepublik standen.

@Kulturrevolution - da haben ethnische Tibeter gewütet, damals gab es kaum Han in Tibet. Wird gerne verdrängt, ich weiß.
@"seit seiner Flucht friedlichen Widerstand" - der DL war in den CIA Krieg der von Nixon anfang der 70er beendet wurde, an die 20 Jahre verwickelt.
@Harrer - die Freundschaft entwickelte sich erst im Exil
@ "In der Sache hat der Aktivismus allerdings wenig bewegt" - Euphemismus, er hat die Fronten nur verhärtet.

Ingrid Goeschl1
11
13.3.2011, 14:52

Geschichte sollten Sie besser selber lernen, statt das chinesische Propagandagewäsch ständig zu wiederholen.

Die Fakten in dem Artikel sind vollkommen korrekt (ist schon blöd, so eine freie Presse...)

gs271
10
13.3.2011, 23:32

Tibet war mit einigen Unterbrechungen Jahrunderte lang Teil Chinas.

readymate
01
15.3.2011, 09:50
Haben Sie das

bei den gleichen Ideologieschulungen gelernt, denen sich z.B. tibetische Nonnen und Mönche seit 1989 (Verhängung des Kriegsrechts und religiöser Einschränkungen in Tibet) unterziehen müssen, wo sie die chinesische Geschichtsauffassung von Tibet lernen müssen, anschließend geprüft und wenn sie dabei nicht das Richtige antworten, bestraft werden?

.

Ingrid Goeschl1
01
14.3.2011, 10:35

Das stimmt so einfach nicht.

China und Tibet waren gleichzeitig mongolisch beherrscht.

beowulf2
 
10
14.3.2011, 11:46

Oder mandschurisch, das Problem ist, dass "China" ein Staatsbegriff ist und kein ethnischer. Sowohl die Republik China (deren erste Flagge die diversen Völker Chinas präsentierte) als auch die Volksrepublik, haben sich immer als eine multiethnische Nation verstanden. Dieses "ethisch reine" nationalstaatliche Denken, ist eher eine europäische Erfindung der jüngeren Geschichte.

readymate
01
15.3.2011, 09:34
Dass China

sich als "multiethnische Nation" versteht, hat seinen Grund natürlich in seiner imperialen Konzeption - dass man Ihnen schon derart beim Denken helfen muss!

Tibet fühlt sich dieser allerdings nicht zugehörig!

.

Ingrid Goeschl1
01
15.3.2011, 13:00
beowulf:

Wo sehen Sie übrigens einen Unterschied zwischen den früheren Kolonialherren und China?

Ich sehe nur Gemeinsamkeiten: Gewaltsame Besetzung, Diskriminierung der ursprünglich ansässigen Bevölkerung, Diebstahl der Rohstoffe...

Ingrid Goeschl1
00
14.3.2011, 12:12

Dann ist also die Mongolei kein Land, sondern ein "ethnischer Begriff"?

beowulf2
 
00
14.3.2011, 16:03

Im chinesischen gibt es zwei Begriffe. Einen für den Staat, und den anderen für die Ethnie. Übrigens einer meiner besten Freunde ist Mongole und für diesen ist es kein Widerspruch, Mongole UND Chinese zu sein. Und mit dieser Einstellung ist er nicht alleine.

Ingrid Goeschl1
01
14.3.2011, 23:34

Nochmals: China war mal gemeinsam mit Tibet unter mongolischer Herrschaft. Daraus können Sie nicht ableiten, dass China heute ein Recht auf Herrschaft über Tibet hat.

Wenn aber die Ethnien ohnedies so gerne wieder gemeinsam in einem Land vereint sein möchten, dann könnte sich China ja jetzt auch genausogut unter tibetische Herrschaft begeben.

beowulf2
 
00
15.3.2011, 09:46

Tu ich das etwa ableiten? Übrigens hätte ich nichts gegen einen tibetischen Premierminister einzuwenden. Die Regierung muss nicht aus Han bestehen, die ethnische Herkunft ist mir egal. Vielleicht der beste Politiker des 20. Jahrhundert, Deng Xiaoping, stammte aus einer Minderheit (Hakka). China - und gerade deswegen ist es auch so ein besonderes Land - ist durch seine wechselhafte Geschichte und den vielen Völkern geprägt, die im Lauf der Geschichte unterschiedlich stark ihren Stempeln dem Land aufgedrückt haben.

readymate
01
15.3.2011, 10:09
"Übrigens hätte ich nichts gegen einen tibetischen Premierminister einzuwenden" -

versteht sich, solange er eine Marionettte der KPCh ist und nichts am gegenwärtigen Zugriff Chinas auf Tibet ändern will...!

.

beowulf2
 
10
15.3.2011, 17:22
Warum verstört sie eigentlich die Idee eines multiethnischen Staates so?

Ist ihre Argumentation überhaupt im Einklang mit dem Dalai Lama? Der spricht sich ja selber für einen Verbleib Tibets in China aus. Ist der gar ein Mitläufer, Profiteur oder eine Marionette? Oder ist das "Mehr-Autonomie - kein Unabhängigkeitsstreben" Gerede etwa nur Show?

Jetzt im Ernst, die "Free Tibet" Bewegung sollte sich lieber für Menschenrechte und stärkere politische Mitsprache (vor allem bezüglich Wirtschaft) stark machen. Und nicht diese Punkte für den Unabhängigkeitskampf instrumentalisieren. Dann gebe es vielleicht auch Unterstützung vom Rest der chinesischen Bevölkerung. Eine Zersplitterung Chinas kommt bei der nämlich gar nicht gut an. Besonders wenn die alten westlichen Kolonialherren hier mitspielen.

readymate
00
16.3.2011, 11:33
Ihre

halblustigen Attribute für den Dalai Lama können Sie sich wieder in Ihr Jausenpapierl einwickeln, Sie Schlaumeier!

Der Dalai Lama weiß schon, was eine realistische politische Forderung ist und was nicht!

Aber warum sollte sich die "Free Tibet" Bewegung lieber für Menschenrechte und stärkere politische Mitsprache in Tibet stark machen?

Stimmt es dort damit etwa nicht?

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Ingrid Goeschl1
01
15.3.2011, 09:59

Die Frage war eine rhetorische, ich würde den Chinesen sicher nicht zumuten, dass ihnen die TibeterInnen das antun, was die Chinesen den TibeterInnen angetan haben, nämlich Einmarsch, KZ, Folter, Mord, Unterdrückung, Eliminierung der eigenen Kultur, Diskriminierung im eigenen Land, Zwangsbesiedelungen etc.

beowulf2
 
20
15.3.2011, 11:43

Naja da Tibeter auch Chinesen sind, ist ihre Formulierung recht eigenartig.

Ingrid Goeschl1
01
15.3.2011, 12:56

Das sind sie eben nicht, egal wie oft Sie es wiederholen. TibeterInnen sind TibeterInnen, sie sind ein Volk, dem das vom Kolonialherrn China gewaltsam besetzte Land Tibet gehört.

beowulf2
 
20
15.3.2011, 12:57

Sind also Tibeter die sich als Chinesen betrachten, "Rasseverräter"? Solche gibt es übrigens durchaus.

readymate
01
15.3.2011, 13:31
Nein, sondern

Mitläufer und Profiteure, wie es sie in jedem System gibt!

Außerdem ist die Bezeichnung "Chinese" für Tibeter auch für diese Leute ein Quatsch, da sie sich trotzdem als Angehörige der "tibetischen Minderheit" Chinas betrachte und nur eben aus o.g. Gründen damit kein Problem haben!

Sind solche dümmlichen Provokationen vom "Rasseverräter" die die letzten Reste ihrer rudimentären Vernunft?

.

.

beowulf2
 
10
15.3.2011, 16:15

Ja, ja alles Mitläufer und Profiteure. Am besten gleich an die Wand stellen.

Der Begriff ist überhaupt kein Quatsch, da Chinese keine ethnische Bezeichnung ist. Und es wird sie wundern, es gab und gibt genug Tibeter die sich durchaus China zugehörig gefühlen. Ein Beispiel: Waren die Tibeter die zum Begräbnis von Sun Yatsen gepilgert sind, etwa auch Profiteure und Mitläufer? Was ist eigentlich mit dem letzten Pantchen Lama, der sogar eine Han Chinesin geheiratet hat?
Historisch gesehen, gab es in Tibet zwei Strömungen. Der Raum Lhasa der eher Indien zugewandt war und der östliche tibetische Raum der mit Zentralchina stärker verbunden war. Aber das wissen, sie sicher alles schon.

readymate
01
16.3.2011, 11:04
Ihrer Logik zufolge

ist dann also der Dalai Lama das Oberhaupt der chinesischen Exilregierung!

Schau'n S', wie weit sich Menschen assimilieren, ist letztlich ihre Sache, im Falle der Tibeter wurde sie aber durch ein jahrzehntelanges chinesisches Zwangsregime (mit mäßigem Erfolg!) vorangetrieben.

Und wie sehr sich der "östliche tibetische Raum mit Zentralchina" verbunden gefühlt hat, war ja in der jüngeren Geschichte an den Aufständen der Khampas zu sehen, die nur mit äußerster Brutalität von der chin. Roten Armee niedergeschlagen werden konnten!

"Waren die Tibeter die zum Begräbnis von Sun Yatsen gepilgert sind, etwa auch Profiteure und Mitläufer?" - wohl eher besser gestelltes Kondolenzpublikum als tibetisches Proletariat!

.

Ingrid Goeschl1
00
15.3.2011, 20:37

Es mögen nicht nur Mitläufer dabei sein, sondern auch ein paar Ignoranten, die gibt es nämlich in jedem Volk.

Niemand hat etwas gegen "multi-ethnische" Länder, ganz im Gegenteil, aber ein Land militärisch zu erobern und sich dann als "multi-ethnisch" zu bezeichnen ist schon etwas unverforen.

beowulf2
 
10
15.3.2011, 23:43

Der größte Ignorant war aber der junge Dalai Lama. Mitglied im Volkskongress, Liebesgedichte an Mao Zedong...
Und erst der Stab vom Dalai Lama - die haben ihn noch extra bei der Republik China anerkennen lassen. Warum das Staatsoberhaupt bei einem fremden Land anerkennen lassen? Vollkommen ignorantes Verhalten. Wirklich alles Ignoranten.

Nur die westlichen Free Tibet Aktivisten sind im Besitz der umfassenden, klaren und vor allem einfachen Wahrheit.

readymate
01
16.3.2011, 12:16
Was

Sie als irrtümlich als "anerkennen lassen" verstehen, wird in der Diplomatensprache als "einführen" bezeichnet und hat natürlich nicht im Mindesten etwas mit Ignoranz zu tun, sondern mit dem genauen Gegenteil, wechselseitigen Respekt zu bekunden und die Absicht zu freundschaftlicher Kooperation zu signalisieren!

.

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