Waldorfschulen: Geliebt, gehasst, umstritten

15. März 2011, 09:37
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derStandard.at hat nachgefragt und mit Eltern, einer Schülerin und einem Experten über die kontroversielle Lehren der Waldorfschulen gesprochen

Dass Robert Stadlober, August Diehl oder Marie Bäumer Absolventen einer Waldorfschule sind, verwundert nicht wirklich. Bei Ferdinand Alexander Porsche, Designer des Porsches 911, sieht es schon wieder anders aus. Was aber wirklich überrascht: Christoph Badelt, Rektor der WU, und Andreas Khol, konservatives Urgestein der ÖVP, haben für ihre Kinder Waldorfschulen ausgewählt. Sowohl Badelt als auch Khol sind Mitglieder des Ehrenkomitees 150 Jahre Rudolf Steiner.

In Österreich gibt es 13 Waldorfschulen. Es sind Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht. In der Waldorfpädagogik gibt es keine Noten, nur verbale Beurteilungen und kein Sitzenbleiben. Künstlerische und kreative Fächer werden mit der gleichen Intensität unterrichtet wie Mathematik oder Deutsch. Vorurteile zum Thema Waldorf gibt es viele: Die Schüler würden in einer geschützten Welt unterrichtet und nicht auf die Realität vorbereitet. Das Faktenwissen komme zu kurz, dafür werde Spiritualität gefördert. Kurzum: Waldorfschulen seien leistungsfeindlich und brächten weltfremde Absolventen hervor.

Khol: "Waldorfschulen sind keine Spinnerschulen"

„Die Schulpraxis der Waldorfschulen ist ein Gemengelage aus der typischer Reformpädagogik der Jahrhundertwende, das ist nicht sehr Steiner-spezifisch, das finden sie in 200 Varianten wieder", meint Stefan Hopmann, Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien, im Gespräch mit derStandard.at. Was Steiner auszeichne, sei weniger der Fokus auf Musik, Bewegung und Kreativität, sondern das Drumherum einer „höchst merkwürdigen Anthropologie", die laut Hopmann„grober Unfug" sei. 

„Die Rudolf-Steiner-Schule ist keine Weltanschauungsschule", meint Andreas Khol, Obmann des Österreichischen Seniorenbundes. Auch sei es keine „Spinnerschule" und schon gar nicht antiautoritär, wie eines der gängigen Vorurteile lautet. Für Khol war die Schulwahl mehr zufällig. Als er mit seiner Familie 1969 in den Elsass zog, war die Waldorf Schule die einzig deutschsprachige Schule. „Wir dachten es sei ohnehin nur temporär und wir würden bald wieder nach Wien zurückkehren", sagt Khol zu derStandard.at. Erst als sie nach sechs Jahren nach Wien übersiedelten war es eine bewusste Entscheidung und alle sechs Kinder besuchten die Schule.

"Das Maturajahr war heftig"

Khol sieht in der Waldorfpädagogik viele Vorteile, er geht sogar soweit, Steiner-Elemente im neuen ÖVP-Bildungskonzept zu erkennen. „Das was wir jetzt im ÖVP-Bildungsprogramm wollen, das Abschaffen des Sitzenbleibens, ein Kurssystem, mehr Förderunterricht, das gibt es bei Rudolf Steiner schon alles. Sehr viel der Methodik dort entspricht dem, wo wir uns jetzt hin entwickeln", so der ÖVP-Seniorenvertreter.

Die 29-jährige Katharina war selbst Waldorfschülerin. Die Kindergartenpädagogin hat nach der ersten Klasse Gymnasium auf eine Waldorfschule gewechselt. Es war eine Entscheidung ihrer Eltern, obwohl die mit der Philosophie Steiners nichts anfangen konnten. Im Nachhinein war der Schulwechsel auf jeden Fall das Richtige. „Bis zur zwölften habe ich nur Vorteile gesehen, das Maturajahr war aber dann heftig. Da hab ich gekämpft", sagt sie zu derStandard.at. An einigen Waldorfschulen gibt es die Möglichkeit nach Abschluss der zwölf Waldorfschulstufen einen Vorbereitungskurs für die Matura zu besuchen, um dann die Reifeprüfung extern abzulegen. An ihrer Schule haben in dem Aufbaujahr Lehrer aus verschiedenen AHS unterrichtet. Für Katharina war es „schwierig umzulernen", da die Lehrer ihren Unterrichtsstil durchgezogen hätten.

Nachteile gegenüber Absolventen von Regelschulen sieht sie keine: „Ich habe vielleicht Defizite beim Allgemeinwissen, das ist bei uns nicht so gefördert worden". Dafür habe sie im Sozialen mehr Kompetenzen als andere, die ihr in ihren beiden Berufen - sie studierte auch berufsbegleitend Psychotherapiewissenschaften - Vorteile gebracht hätten. 

Für Arbeiterkinder konzipiert

Dass das Allgemeinwissen bei Waldorfschulen zu kurz kommen kann, verwundert Stefan Hopmann nicht weiter. Es gibt einen Klassenlehrer, der die Schüler acht Jahre in fast allen Fächern unterrichtet. Eltern nähmen bewusst in Kauf, dass das fachliche und fachdidaktische Niveau an solchen Schulen geringer sei. „Es ist ja nicht verwerflich, weniger zu lernen", konstatiert der Wissenschaftler. 

Einen Aspekt findet Hopmann besonders interessant: Die Waldorfschulen wurden ursprünglich für die Kinder der Arbeiter der Waldorf-Astoria Fabriken begründet, daher auch der Name. Heute seien ein Großteil der Schüler Kinder aus einem bildungsbürgerlichen Milieu. „Das Elternhaus kann dafür sorgen, dass das Bildungsgut, das von der Schule liegengelassen wurde, am Mittagstisch zu vermitteln", meint Hopmann. Die Eltern sorgen für die „nötige Dosis Welt".

"Waldorfpädagogik ist eine totalitäre Ideologie"

Eine heile Schulwelt kann der Bildungsexperte bei Steiner-Schulen trotzdem nicht erkennen. Er bezeichnet Waldorfpädagogik als totalitäre Ideologie und sieht das Problem darin, dass diese Art von Anthropologie die kindliche Entwicklung kontrollieren wolle. Das sei nichts Anderes als eine Vereinnahmung von Kindern für bestimmte ideologische Zwecke.

Christoph Badelt gibt gleich zu Beginn des Gesprächs zu bedenken: „Ich bin kein Experte der Antroposophie." Für ihn sei das alles ein „riesengroßer Hokuspokus", den er nie ganz verstanden habe. Die Inhalte der Lehre seien aber nicht in den Unterricht geflossen. Auch mit dem gesteigerten Stellenwert der Esoterik habe er kein Problem gehabt. „Ich hatte nie das Gefühl, dass es meinen Kindern schadet", so der WU-Rektor im derStandard.at-Interview. Auch Hopmann hält die esoterischen Elemente, wie Eurythmie, nicht für schädlich. „Das können sie überall praktizieren, das ist auch nicht das, wo Steiner originär war. Was ihn originär macht, ist seine anthroposophische, biologische, theosophische und rassistische Ideologie." Der Wissenschaftler fügt aber noch hinzu: „Wenn man sich die Theorien genau anschaut, die Modelle und die sogenannte Forschung, die dahinter steckt, wird man schnell merken, dass es ein grausliches Gemengelage von Behauptungen ist. Sie basieren auf keiner entwicklungspsychologischen Forschung, auf keiner didaktischen Forschung, auf keiner unterrichtswissenschaftlichen Forschung. Auch die Behauptung, dass die Kinder dadurch freier, kreativer werden, ist durch keine Studie abgesichert." 

Keine Forschung von außen möglich

„Meine drei Kinder sind Akademiker", sagt Badelt. Das sei zwar nicht das Wichtigste, helfe aber gegenüber Skeptikern. Er halte es auch für ein Klischee, dass die Schule leistungsfeindlich sei. Es werde Leistung gefördert, es geben aber keinen destruktiven Leistungsdruck. Als linksalternative Schule würde Badelt die Schule nicht einstufen. Im Gegenteil: Die Steiner-Schule habe auch sehr konservative Elemente, wie den hohen Stellenwert des Religionsunterrichts. Das wiederum ist auch etwas, das Andreas Khol als besonders positiv hervorhebt: Alles Kinder müssen einen Religionsunterricht besuchen und werden in ihrer Konfession unterrichtet, es gibt nicht die Möglichkeit sich davon abzumelden. Kinder ohne Konfession besuchen das Fach „Christliche Freikirchen", wo laut Khol alle Religionen Teil des Unterrichts seien.

Für Hopmann ist ein zentraler Kritikpunkt, dass keine Forschung, wie reelle vergleichende Forschung über Schulalltag und Bildungsverläufe, zugelassen werde: „Die Schwierigkeit dabei ist, dass die Steiner Schulen systematisch einen vernünftigen Einblick von außen verhindern." Deswegen gebe es auch keine unabhängige Forschung über das Innenleben von Waldorf-Schulen. „Das ist aber normal bei Sekten, die machen von außen zu", lautet das abschließende Urteil des Wissenschaftlers. (Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 15.3.2011)

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    Der Übervater der Waldorfschulen Rudolf Steiner ist omnipräsent. Wie stark seine anthroposophischen und teilweise umstrittenen Theorien in den Unterricht einfließen, ist unklar.

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    "Ich hatte nie das Gefühl, dass es meinen Kindern schadet", meint Christoph Badelt, Rektor der WU, über den gesteigerten Stellenwert von Esoterik im Unterricht.

  • "Das was wir jetzt im ÖVP-Bildungskonzept wollen, gibt es bei Rudolf Steiner schon", sagt Seniorenvertreter Andreas Khol.
    foto: der standard/cremer

    "Das was wir jetzt im ÖVP-Bildungskonzept wollen, gibt es bei Rudolf Steiner schon", sagt Seniorenvertreter Andreas Khol.

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