Viele leben in Risikofamilien - Österreicher als europäisches Schlusslicht
Viele österreichische Jugendliche geben im europäischen Vergleich ein äußerst schlechtes Bild ab. Fünf bis zehn Prozent der Kinder leben hierzulande in sogenannten Risikokonstellationen, das heißt belastete Familiensituationen, die durch Gewalt, Alkohol, Armut, Vernachlässigung und Missbrauch geprägt sind, beschrieb Mediziner Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder-und Jugendgesundheit, am Donnerstag bei einer Tagung des Vereins "die möwe" und Innenministerium in Wien.
"Unbegrenzte Konsumorientierung, das Überangebot an Möglichkeiten und der Druck der Leistungsgesellschaft gepaart mit der Auflösung haltgebender familiärer Strukturen und Bindungen kann Kinder und Jugendliche nachhaltig destabilisieren", so Vavrik. Die Folgen würden sich in hohen Suchtraten, zunehmenden Störungen des Sozialverhaltens und vermehrter Depressivität zeigen.
Laut der sogenannten HBSC-Studie (Health Behaviour of School Children) rauchen 27 Prozent der 15-Jährigen bereits regelmäßig, berichtete Vavrik. "Die Raucher werden immer jünger", sagte auch Herwig Lenz, Leiter der Kriminalprävention und Opferhilfe des Bundeskriminalamts. "Und die Eltern akzeptieren, dass ein 13-Jähriger bereits raucht. Und warum? Weil sie selbst rauchen." Österreich ist laut Vavrik beim Rauchen unter Jugendlichen europäisches Schlusslicht. Ähnlich sehe die Situation beim Alkohol aus. 30 Prozent der 13- bis 15-Jährigen waren zumindest schon zweimal betrunken, zeigte Vavrik auf.
"Erwachsene dahinter anschauen"
Österreichs 15-Jährige berichten über die höchste Gewalterfahrungsrate europaweit. "Je identifikationsnäher der Täter, desto schwerer das Trauma", so Vavrik. Auch die Bereitschaft, selbst Gewalt auszuüben, sei deutlich erhöht, berichtet der Mediziner. Diese Spirale müsse in der Familie durchbrochen werden. Kinder und Jugendliche, die selbst Opfer sind, machen auch andere zu Opfern ("Viktimisierung"), so Vavrik. "Man sollte sich nicht die Jugendlichen anschauen, sondern den Erwachsenen dahinter", meinte auch Lenz. "Wenn früher ein Kind bei einer Keilerei am Boden gelegen ist, hat der Täter abgelassen. Heute tritt er noch nach."
Belastete Kinder haben ein zehnmal so hohes Risiko, später Suchtprobleme, Störungen von sozialem Verhalten sowie Depressionen zu entwickeln, sagte Vavrik. "Man darf aber nicht sagen, die rauchenden und saufenden Jugendlichen sind das Problem, sondern die haben ein Problem." Der Mediziner: Problemfamilien zu erreichen sei schwer. "Wenn ein Kevin oder ein Cain tot ist, dann gibt es einen Aufschrei."
Psychosoziale Frühwarn- und Hilfesysteme seien gefragt, forderte Vavrik. In Korneuburg etwa gebe es ein Programm, bei dem Jungfamilien - egal ob Arbeiter oder Diplomingenieur - kurz nach der Geburt des Kindes besucht werden. "Mit gezielten Hilfsangeboten hole ich problematische Familien ins Boot." Durch solche Maßnahmen gebe es Langzeiteffekte wie bei Kindesmissbrauch einen Rückgang von 55 Prozent. Der Anteil der Fremdunterbringung würde sich ebenso halbieren. Und die Kriminalitätsrate würde sich auch verringern - um 45 Prozent, so Vavrik. (APA)