Wer sich auf 140 Zeichen konzentriert, hat die beste Chance, nicht unter der täglichen Informationslawine begraben zu werden
Twitter hat Warhols Diktum von unser aller künftigem 15-Minuten-Ruhm ein Update verpasst: 140 Zeichen sind alles, was du hast, um durchzukommen.
Das folgt gebräuchlichen journalistischen Traditionen, aber Twitter (zuvor SMS) hat es für Nichtjournalisten erst so richtig auf den Punkt gebracht. Status-Updates, Mail im Eingangsfach: Wer sich auf 140 Zeichen konzentriert, hat die beste Chance, nicht unter der täglichen Informationslawine begraben zu werden. Was nicht verhindert, dass hinter den ersten 140 Zeichen Ausführlicheres folgt. So wie die Hintertür von Twitter selbst: ein Link zu einer längeren Geschichte.
Zite
Zite, eine neue iPad-App, zeigt, was für ein volles Informationsmenü sich aus 140 Zeichen gestalten lässt. Ähnlich wie bei dem am iPad populären Flipboard entsteht aus den Tweets und Status-Updates ein "intelligentes Magazin" (Selbstdefinition), ein Unikat für jede Leserin und jeden Leser: Geschichten, die anhand der selbst definierten Interessen automatisch zusammengestellt werden.
Zite funktioniert so ähnlich wie Genius-Playlisten auf iTunes, die einem beim Spielen eines konkreten Titels andere, ähnliche Musik zusammenstellen. Woran man interessiert ist, erkennt Zite aus den Twitterern, denen man folgt. Die hinter Zite stehende Software-Intelligenz, in Kanada an der University of British Columbia entwickelt, analysiert das Themenspektrum dessen, was aufgrund unserer Präferenzen in unserem Twitter-Strom vorbeirauscht.
Alternativ kann man vordefinierte Themenbereiche auswählen, oder selbst definieren. Zite sammelt dann dazu passende Beiträge aus abertausenden Webseiten (derzeit nur englischen) und präsentiert sie als Magazin.
Verfeinern
Womit wir wieder bei den 140 Zeichen sind: Denn in der Auswahl sieht man gerade den Beginn der jeweiligen Geschichten - was uns zum Anklicken verleitet, oder auch nicht. Aus diesen Lesegewohnheiten wiederum beginnt Zite mit Dauer der Benutzung unsere Interessen genauer zu erkennen, die Artikelauswahl zu verfeinern, zu erweitern, neu zu reihen. Das kann man bewusst unterstützen, indem man zu einem Artikel angibt, ob er einen interessiert hat oder nicht - oder man kann es der Software überlassen, diese Schlüsse aufgrund unseres Verhaltens selbst zu ziehen.
140 Zeichen (und ihr Titel) werden jedenfalls in dieser Medienökonomie immer wichtiger: Nicht weil wir aufhören, längere Artikel, Mails oder andere Geschichten zu lesen, sondern weil sie - in einem Übermaß an Information - die Auswahl entscheiden.
Bündelung
Zeitungen, die bisher gewohnt waren, ihrer Community täglich ein Bündel interessanter Geschichten zu schnüren, kommen mit dieser Zuspitzung gut zurecht. Für sie gibt es aber eine andere Nuss zu knacken: Dass ihr Angebot filetiert und die einzelnen Artikel über Empfehlungen des "Freundeskreises" auf Twitter oder Facebook neu gebündelt werden. Wie schwierig das ist, davon kann eine andere Industrie buchstäblich ein Lied singen: Musiklabels, die statt ganzer CDs oft nur mehr die populärsten Tracks verkaufen. (helmut.spudich@derStandard.at/ DER STANDARD Printausgabe, 10. März 2011)
Der WebStandard auf Facebook