Von der ersten Italienreise erzählen Christian Hackl, Karin Pollack, Ernst Strouhal und Tanja Paar. Von Paninis, Sandburgen und dem Gelato al limon
Eh sehr schön
Ich muss 1965 in Bibione eine Niederlage gewesen sein. Meine Mama hat das 2011 nicht so direkt ausgedrückt, ein fast fünfjähriges Kind, noch dazu das eigene, war "eh sehr lieb". Und der erste Urlaub in Italien war "eh sehr schön". Er muss die Hölle gewesen sein. Mein Bruder Peter, damals zwei und ein Hosenscheißer, ist am ersten Tag vom Liegeplatz abgehauen, 528 blau-weiß gestreifte Sonnenschirme entfernt wurde er gefunden. Eine dreijährige Italienerin hatte ihn entführt, sie soll ihn aufgrund seiner süßen blonden Locken geküsst haben. Papa, der unbedingt wieder komplett heim wollte, war echt froh, als Peter blöd grinsend (meine Mama behauptet herzig lachend) im Sand saß und an einer wildfremden Plastikschaufel zuzelte. Seither wurde er von keiner Italienerin mehr angebaggert, auch Österreicherinnen standen nicht Schlange. Werner, acht und mein älterer Bruder, ist am folgenden Abend nicht in der Lage gewesen, alleine aus dem Labyrinth rauszufinden. Ein Jammer, normalerweise sind Luna-Parks nämlich lustig. Mir hat es in Bibione gut gefallen. Ich schaffte es, zwei Wochen lang das Meer zu meiden - zu salzig, zu viele Krabben. Kulinarisch gesehen war ich ein Debakel, als eh sehr liebes Kind verweigerte ich Paradeiser, die grausliche Grundlage der überschätzten italienischen Küche. Beim Anblick von Pizza und Spaghetti bolognese soll ich ausgezuckt sein. Wie ich überlebt habe, weiß Mama: "Die Gummiringerln haben dir schon zum Frühstück geschmeckt." Zur Erklärung: frittierte Tintenfische. 1966 waren wir in Lignano. Mama erinnert sich: "Eh sehr schön."

Christian Hackl, geboren 1960 in Wien, ist seit 1988 Redakteur im Standard (Gründungsmitglied) und schreibt für den Sport. Davor war er für das Magazin "Wiener" tätig.
Fremde Zungen
Ich war sechs, meine Schwester vier, und meine Mutter hatte uns Sommerkleidchen in ähnlichen Farben genäht. Morgen für Morgen machten wir uns alleine auf, um in einer fremden Stadt, mit fremdem Schönwetter und fremder Sprache Semmeln zum Frühstück zu kaufen. Es war unser erster Italienurlaub. Mit dem grünen Fiat meines Vaters waren wir nach Lignano gefahren, wo wir ein Appartement mit Steinboden gemietet hatten. Draußen war es heiß, die Palmen wuchsen, und wir waren alle euphorisch, daran erinnere ich mich. Vielleicht auch wegen der Sprache, die meinem Vater besonders gefiel. Jedenfalls brachte er uns den schönen Satz "Cinque panini, per favore" bei. Das Abenteuer war groß, wenn wir morgens alleine zum Panini-Kauf losziehen durften. Im Geschäft nahm ich immer meinen ganzen Mut zusammen und sprach die vier Worte in fremder Zunge aus: "Cinque panini, per favore". Jedes Mal war es wieder ein Wunder, dass die Verkäuferin das verstand - und weil wir in unseren Kleidchen sehr süß waren, bekamen wir immer zwei kleine Nutella dazu. Die schmierten wir uns dann in die harten Brotrollen und nahmen sie mit auf den Strand, wo wir mit einem sehr bösen Buben namens Roberto konfrontiert waren. Er nahm uns unsere Sandspielsachen weg. Ihm haben wir unseren zweiten italienischen Satz zu verdanken: "Roberto, Roberto, vieni qua", rief seine Mutter hundertmal am Tag. Wir haben den Satz und Roberto niemals vergessen. Und das obwohl wir beide aus dem Stockbett auf den kühlen Steinboden des Appartements knallten - und dort bis zum Morgen weiterschliefen.

Karin Pollack, geboren 1968 in Salzburg, ist seit 2006 Redakteurin im Standard, schreibt für den Med- Standard, Forschung Spezial und RONDO. Davor war sie für "Profil" und "brandeins" tätig.
Serviette schön falten!
Die meisten meiner Erinnerungen an Italien hat mein Vater gemacht. Und zwar mit einer russischen Kleinbildkamera: das regenbogenfarbene Handtuch, der Liegestuhl mit blau-weißer Bespannung, das Kind mit noch fast blonden Haaren.
Nur zwei dieser Erinnerungen kommen ohne die hilfreichen Fotos aus: Da ist das cremefarbene Plastikkuvert, in das man nach dem Abendessen die Stoffserviette stecken musste, korrekt gefaltet, das heißt dreifach, und sauber, was nie gelang. Am Kuvert befand sich eine durchsichtige Lasche, in die ein Zettel mit der Zimmernummer eingeschoben war. War einem langweilig, konnte man den Finger in die Lasche stecken und den Zettel heimlich entfernen. Ihn unversehrt wieder hineinzubekommen, war eine schwierigere Aufgabe. Die andere Erinnerung ist mit sandigem Schmerz verbunden. Die Burg braucht einen Kanal, das eiserne Schaufelblatt bohrt sich beim Sandhacken in den Daumen der linken Hand, kein Schrei, nur vor dem Tränennebel die Entdeckung von Sandkörnern gleich neben dem Wundrand, groß wie Felsen. Die Schaufel war zweifellos neu, und doch könnte ich schwören, dass die Farbe - manchmal rot, manchmal grün - am Holzgriff schon abgeblättert war.

Ernst Strouhal, 1957 geboren, Autor, Kolumnist und Kultursoziologe ist a. o. Professor an der Universität für angewandte Kunst. Er verfasst regelmäßig Reisetexte fürs RONDO. Kürzlich wurde er mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet.
Fragola-Limone
An meinen ersten Italienurlaub kann ich mich nicht mehr erinnern. Sie alle verschmelzen zu einem einzigen, unendlich langen Sommer. Die Abfahrt erfolgt stets am Sonntag nach der Zeugnisverteilung, die Rückkehr am letzten Sonntag vor dem Schulbeginn im September. Sommerferien in Österreich, nie.
Die Familie besteigt also den Lancia Beta, Mama am Lenkrad, der Vater daneben, das Kind hinten eingeklemmt zwischen Nonna und Nonno, kettenrauchend alle Volljährigen. Stau im Kanaltal, Pinkelpause erst nach der Grenze. Dann schlagartig ein Wechsel der Landschaft und die Gewissheit, bald da zu sein. Endlich der erste Blick aufs Meer. Und die bange Frage: Ist noch alles da?
Das Gelato Fragola-Limone bei "Arnoldo", wo die Signora Nalon, Herrscherin über ein Imperium an Mietwohnungen, ihren Caffè einzunehmen pflegt, die Strandbar "Mario", die Ebbe und die Flut, bei der das Wasser ohne kilometerlangen Marsch allenfalls bis über die Knie reicht. Alles da.
Kein Telefon, keine Uhrzeit, keine Wochentage. Unterbrochen nur vom Markt in Grado, bei dem sich der weibliche Teil der Familie auf die Schuhe und die Fetzen stürzt, während der Vater sich traditionell in kühlere Gefilde, auf den Friedhof, zurückzieht. "Zum Probeliegen", wie er zu sagen pflegt.

Tanja Paar, geboren 1970 in Graz. Sie arbeitete u. a. für "Falter" und "Profil", seit 2002 Redakteurin beim Standard. Sie betreut die Reiseredaktion im RONDO und ALBUM. (DER STANDARD/Rondo/11.03.2011)