Der "Rat zum Schutz der Revolution" als basisdemokratische Instanz von Ben Gardane
Dem Maurer macht sein Job sichtlich Spaß. Mit Hammer und Meißel entfernt er die Kacheln an der Fassade eines Hauses auf der Hauptstraße von Ben Gardane. Sie zeigen den Schriftzug der verhassten Staatspartei RCD des gestürzten Präsidenten Zine El-Abidine Ben Ali. Die Räume sind völlig ausgebrannt. "Es war bei einer Demo Anfang Jänner, als das RCD-Büro und das Polizeirevier in Flammen aufgingen", erklärt Abdel Kebir Jelel und grinst dabei. Der 47-Jährige ist Direktor des örtlichen Kulturhauses.
"Nach der Flucht Ben Alis verschwand die von oben eingesetzte Verwaltung", erinnert sich Jelel. Seither verwaltet der Rat zum Schutz der Revolution die 80.000-Einwohnerstadt. Jelel gehört dazu. "Wir sind Freiwillige", erklärt er stolz: Schüler, Gewerkschafter, Menschenrechtler, Rentner. Einen Vorsitzenden gibt es nicht, alles wird im Kollektiv beschlossen.
Der Sitz der Stadtverwaltung ist Jelels Büro im Kulturhaus an der größten Kreuzung im Ort. Die Einrichtung ist spärlich: ein Schreibtisch, eine Regalwand und eine Couch-Ecke mit stets laufendem Fernseher, in dem Al-Jazeera die neuesten Nachrichten aus dem benachbarten Libyen verkündet.
"Die wichtigste Aufgabe ist die Sicherheit", berichtet Jelel. Nach der Revolution sind die Polizeibeamten aus Angst vor der Bevölkerung, die sie so lange drangsaliert haben, aus dem Straßenbild verschwunden. "Jetzt wollen wir eine neue Gemeindepolizei aufbauen." Sie soll sich aus alten Beamten rekrutieren. Aber anders als unter Ben Ali sollen Polizisten künftig in ihrem Heimatort Dienst tun. "Sie kennen uns besser, und wir kennen sie besser", erklärt Jelel. Das sei ein gewisser Schutz vor Amtsmissbrauch.
Jeden Nachmittag trifft sich das Komitee mit der Führung der im Ort stationierten Armee-Einheit. Der Koordinationsstab ist entstanden, als die Flüchtlingswelle aus Libyen begann.
Über Nacht organisierte das Komitee 2000 Schlafplätze. Die Bevölkerung sammelte spontan Lebensmittel, Decken und Medizin. Solange nur Tunesier kamen, ging das gut. Sammeltaxis und Busse brachten sie kostenlos in ihre Heimatorte. "Erst als Arbeiter aus Ägypten und anderen Ländern ankamen, verschlimmerte sich die Lage", berichtet Jelel.
Dank der Solidarität in ganz Tunesien konnten die Menschen zwar mit Nahrung versorgt werden, doch es war nicht möglich, sie unterzubringen oder abzutransportieren. Das änderte sich erst, als nach mehr als einer Woche internationale Hilfe einsetzte.
Das Komitee will den Ort bis zu den ersten Gemeinderatswahlen weiterführen. Zwar gibt es mittlerweile einen neuen Provinzgouverneur, aber noch keinen Delegierten für Ben Gardane. "Sollte es dazu kommen, werden wir ihn uns vorher genau anschauen", sagt Jelel.
Für und gegen Gaddafi
Als die Revolution in Libyen begann, kam es in Ben Gardane wie überall in Tunesien zu spontanen Demonstrationen gegen Muammar al-Gaddafi - aber auch zu einem kleinen Aufmarsch für den libyschen Diktator. "Das waren alles Händler", erklärt Jelel. Viele in Ben Gardane leben vom Verkauf geschmuggelter Produkte aus dem Nachbarland: Benzin, Elektronikartikel, Konserven. Ben Gardane ist das Einkaufsparadies in Südtunesien. Viele Libyer kommen hier durch, um sich in Privatkliniken in Sfax, weiter oben im Norden, behandeln zu lassen. Jetzt ist es damit wohl vorbei.
Die Besitzer der Wechselstuben entlang der Hauptstraße warten vergeblich auf Kunden. Der Preis für geschmuggeltes Benzin hat sich mehr als verdoppelt. Wäre es nicht wegen der Journalisten, die über das Flüchtlingsdrama berichten, würden auch die Restaurants und Hotels völlig leerstehen.
"Sicher wird es in einem neuen, demokratischen Tunesien mit dem Schmuggel nicht so weitergehen wie bisher", sagt Jelel. "Wir hoffen auf Investitionen für den Süden. Wir haben herrliche Strände, die Wüste, es fehlt nur an Infrastruktur."
Eines der Mitglieder des Revolutionskomitees, ein pensionierter Offizier der Kriegsmarine, skizziert die Karte Tunesiens. Dann zieht er einen Strich, der den Süden und das Landesinnere vom Norden und den Touristenhochburgen trennt. "Tunis 7" nennt er den reichen Teil des Landes und spielt damit auf den Staatsstreich Ben Alis am 7. November 1987 an. "Tunis 0" nennt er den Rest. Damit müsse jetzt Schluss sein. (Reiner Wandler aus Ben Gardane/DER STANDARD, Printausgabe, 10.3.2011)