Bosnien stellte vor Serbien Antrag auf Überstellung Divjaks aus Österreich
Wien/Sarajevo/Belgrad - Zwischen Bosnien-Herzegowina und Serbien ist ein
Wettlauf um die Auslieferung des Ex-Generals Jovan Divjak (73) im Gang. Noch vor
der Regierung in Belgrad stellte das bosnische Justizministerium am Mittwoch
einen offiziellen Auslieferungsantrag. Er wurde dem Justizministerium in Wien
auf diplomatischem Weg durch das Außenministerium zugestellt.
Bosnien will damit die Auslieferung Divjaks an Serbien verhindern. Divjak war
am vergangenen Donnerstag in Wien-Schwechat aufgrund eines serbischen
Haftbefehls festgenommen worden. Am Dienstag wurde er gegen eine Kaution von
500.000 Euro freigelassen. Das Geld hatte die Stadt Sarajevo gestellt. Divjak,
der seinen Pass abgeben musste, hält sich in der bosnischen Botschaft in Wien
auf. Außenminister Michael Spindelegger traf am Mittwoch in Wien seinen
bosnischen Amtskollegen Sven Alkalaj. Das Wiener Außenamt hat Bedenken gegen
eine Auslieferung Divjaks an Serbien.
Tote bei Truppenabzug
Divjak ist der einzige serbischen Spitzenoffizier, der sich beim Zerfall
Jugoslawiens den bosnischen Truppen anschloss. Die serbische
Sonderstaatsanwaltschaft für Kriegsverbrechen macht ihn für 18 Tote und 21
Verletzte beim Angriff abziehender Truppen der Jugoslawischen Volksarmee (JNA)
in der Dobrovoljacka-Straße in Sarajevo am 3. Mai 1992 verantwortlich. Nachdem
JNA-Soldaten von bosnischen Truppen erschossen worden waren, hatten die
jugoslawischen Truppen den bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic als Geisel
genommen. Er sollte nach dem Abzug der JVA aus Sarajevo freigelassen werden.
In der Dobrovoljacka-Straße hielt Divjak, damals Chef der territorialen
Verteidigung von Sarajevo, die Kolonne an und prüfte, ob sich Izetbegovic
tatsächlich im gepanzerten Transporter befand. Divjak ließt den Transporter
passieren, dieser fuhr weitert zum Gebäude des Staatspräsidiums. In diesem
Moment wurde das Feuer auf den hinteren Teil der langen Kolonne eröffnet, der
von der Spitze abgeschnitten wurde. Die genaue Zahl der Toten und Verletzten ist
bis heute ungeklärt. Bei den Opfern handelte es sich vorwiegend um Rekruten, die
ihren Wehrdienst leisteten. Ebenfalls ungeklärt ist, wer den Feuerbefehl gab und
ob ein solcher Befehl überhaupt erteilt wurde.
Das UN-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien legte den
"Fall Dobrovoljacka Strasse" 2002 wegen mangelnder Beweise ad acta, allerdings
mit dem Vermerk, dass er weiter untersucht werden solle. 2005 übernahm die
bosnische Staatsanwaltschaft den Fall. Bis heute ist man nicht weiter gekommen.
Während die Belgrader Staatsanwaltschaft von einem Kriegsverbrechen spricht, das
"gründlich dokumentiert ist", weist man das in Bosnien dezidiert zurück. (APA,
iva, red/DER STANDARD, Printausgabe, 10.3.2011)