Werner Amon fordert eine erhöhte Lehrer-Anwesenheit und erklärt warum die Mittlere Reife keine Knock-Out-Prüfung ist
Für ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon ist die "Mittlere Reife" keine Voraussetzung für den Besuch der Oberstufe. "Die Mittlere Reife ist keine Knock-Out-Prüfung um Jugendliche von der Oberstufe fernzuhalten", sagt Amon im Gespräch mit derStandard.at. Geht es nach Amon, so sollen Junglehrer in Zukunft mehr Zeit mit den Schülern und in den Schulen verbringen. Amon glaubt, dass dies "in kollegialen Verhandlungen mit den Lehrern" durchsetzbar wäre. Mit Katrin Burgstaller sprach er außerdem über das Image als Reformverweigerer und Betonierer, das man ihm "aufzubrummen" versuche.
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derStandard.at: Sie möchten die Anwesenheitspflicht für die Junglehrer an den Schulen erhöhen. Warum eigentlich nur für die Junglehrer?
Amon: Wir verhandeln im neuen Dienstrecht darüber, ob wir für neu eintretende Lehrer eine erhöhte Anwesenheitspflicht durchsetzen. Natürlich unter der Voraussetzung höherer Einstiegsgehälter und dass auch die entsprechende Arbeitsplatzinfrastruktur gegeben ist. Die Lehrer sollen mehr Zeit mit den Schülern verbringen, das ist auch eine logische Folge aus den Bedürfnissen, die die Gesellschaft hat. Wir wollen spezielle Förderprogramme entwickeln und das geht nur, wenn die Lehrer da sind und Qualität sicher stellen. Ich glaube, dass in guten kollegialen Verhandlungen mit den Lehrern so etwas durchsetzbar sein müsste. Die Lehrer, die bereits im System sind, haben die Option ins neue System überzutreten.
derStandard.at: Und jene Lehrer, die bereits im System sind, werden nicht mit eine höheren Anwesenheitspflicht bedacht? Ist das nicht durchsetzbar?
Amon: Das wäre nicht sinnvoll, denn 50 Prozent der Lehrer, die jetzt an den Schulen unterrichten gehen in den nächsten zehn Jahren in Pension. Jemand kurz vor der Pension ins neue System zu pressen, halte ich nicht für sinnvoll.
derStandard.at: Die Lehrer der Berufsbildenden Höheren Schulen haben sich für eine Verkürzung der Arbeitszeit eingesetzt. Was sagen Sie dazu?
Amon: Das war ein Vorschlag, der den gesamten öffentlichen Dienst betrifft, nämlich die Wochenarbeitszeit von 40 auf 38,5 Stunden zu reduzieren. Ich bin aber nicht für den gesamten öffentlichen Dienst zuständig. Ich bin dafür, dass die Lehrer mehr Zeit mit ihren Schülern verbringen. Ziel muss sein, dass die Lehrer den Schülern vermehrt zur Verfügung stehen. Das steht auf meiner Agenda, aber nicht die Reduktion der Gesamtarbeitszeit im gesamten öffentlichen Dienst. Die Aufgaben der Lehrer haben sich verändert, weil sich die gesellschaftlichen Strukturen verändert haben
derStandard.at: Werden Sie das Lehrerdienstrecht mitverhandeln?
Amon: Die Struktur ist noch nicht festgelegt. Zunächst einmal werden Dienstnehmer und Dienstgeber miteinander verhandeln. Man sollte die Sozialpartnerschaft nicht ganz außer Kraft setzen. Aber ich stehe jederzeit zur Verfügung.
derStandard.at: Haben Sie mit der Unterrichtsministerin Claudia Schmied ein gutes Einvernehmen?
Amon: Ja, wir haben eine exzellente Gesprächsbasis. Entgegen vieler öffentlicher Darstellungen haben wir in den letzten zwei Jahren viel zu Wege gebracht. Zum Beispiel habe ich die neue Reifeprüfung und die Bildungsstandards mit ihr verhandelt und legistisch umgesetzt. Wir haben gemeinsam die Neue Mittelschule als Schulversuch und die modulare Oberstufe umgesetzt.
derStandard.at: Auch die Mittlere Reife ist ein Herzstück des ÖVP-Bildungskonzeptes. Wird dadurch nicht der Leistungsdruck auf die jungen Leute erhöht?
Amon: Es wird noch diskutiert, ob wir in unserem ÖVP-Bildungsprogramm die Mittlere Reife in der achten oder neunten Schulstufe ansetzen. Auch die Frage, ob wir die Schulpflicht an die Erreichung eines Bildungszieles knüpfen wird noch diskutiert. Da sind wir noch nicht fertig.
derStandard.at: Das heißt, die ÖVP überlegt, die Schulpflicht auszuweiten, bis ein gewisses Bildungsziel erreicht ist?
Amon: Die Schulpflicht ist mit neun Jahren begrenzt. Im System ist es uns derzeit egal, wo jemand sein neuntes Schuljahr verbringt - ob er vorher einmal repetiert hat, das neunte Schuljahr in einer polytechnischen Schule verbringt oder an einer Berufsbildenden Höheren oder Mittleren Schule ein Jahr verbringt. Die Frage ist, ob man das neunte Schuljahr an ein bestimmtes Bildungsziel knüpfen sollte und am Ende überprüft, ob dieses erreicht wurde.
derStandard.at: Wer also dieses Bildungsziel nach neun Jahren nicht erreicht hat, muss noch ein Jahr in die Schule gehen?
Amon: Das wäre ja nur als Angebot sinnvoll, sicher nicht als Pflicht.
derStandard.at: Es ist auch eine Idee der ÖVP, dass man die Oberstufe oder eine Berufsbildende Höhere Schule nur dann besuchen kann, wenn man diese Mittlere Reife geschafft hat. Halten Sie daran nach wie vor fest?
Amon: Nein, das ist ein Punkt, der diskutiert wurde. Das ist sicher keine Position der ÖVP. Unser Bildungskonzept ist getragen von den Überlegungen die Durchlässigkeit zu erhöhen, wir wollen keinen Abschluss ohne Anschluss. Die Mittlere Reife ist keine Knock-Out-Prüfung um Jugendliche von der Oberstufe fernzuhalten. Das wäre ein völlig falscher Ansatz.
derStandard.at: Trotz der Neuen Mittelschule wollen sie die AHS-Unterstufe weiterführen?
Amon: Die Langform der AHS soll in jedem Fall erhalten bleiben. Die Hauptschulen sollen massiv aufgewertet werden, indem sie in Neue Mittelschulen umgewandelt werden. Sie sollen ein wesentliches Förderpotenzial haben um die Kinder an eine höhere Bildung heranzuführen.
derStandard.at: Eine wesentliche Bildungsentscheidung, nämlich ob Neue Mittelschule oder Gymnasium in der Langform, wird aber trotzdem weiterhin in der vierten Klasse Volksschule getroffen?
Amon: Eine Bildungsentscheidung wird immer wieder getroffen. Das ist ja nichts Negatives. Kinder sind nun einmal sehr unterschiedlich in ihren Begabungen. Es wird für alle Kinder eine Bildungsempfehlung geben auch die Eltern sollen mitentscheiden, was für ihr Kind am Besten passt. Ich wehre mich sehr dagegen, dass nur jene als Reformer gelten, die für eine Gesamtschule eintreten. Es gibt gute und schlechte Gesamtschulmodelle. Man muss unser System weiterentwickeln. Ich bin eher für ein evolutionäres als für ein revolutionäres Verhalten.
derStandard.at: Muss die Schule die Nachteile, die manchen Kindern durch ihre soziale Herkunft entstehen besser ausgleichen?
Amon: Ja, das ist eine ganz zentrale Aufgabe der Schule. Ich ärgere mich darüber, wenn eine Schultypenwahl stärker nach dem sozialen Hintergrund des Kindes ausfällt als nach seiner Begabung. Das halte ich für falsch und das muss auch bekämpft werden. Ob die Schule soziale Defizite ganz ausgleichen kann, sei dahingestellt. Deshalb bin ich auch Anhänger einer qualitativen Nachmittagsbetreuung. Ob man diese in Anspruch nimmt, sollte aber den Eltern überlassen sein. Die alte ideologische Frage ob der Staat, die Schule oder die Eltern das Kind erzieht, ist überholt. Heute muss man fragen: Erzieht das Kind überhaupt jemand?
derStandard.at: Als Sie die Schulagenden von Josef Pröll als Chefverhandler übertragen bekommen haben, sind viele negative Kommentare zu Ihrer Person gefallen: Reformverweigerer, Betonierer, etc. Was sagen Sie dazu?
Amon: Zunächst halte ich die Berichterstattung, dass ich so neu sei, für übertrieben. Ich habe alle bildungspolitischen Reformen dieser Legislaturperiode verhandelt. Ich bin sei 2000 Bildungssprecher, ich war nur von 2006 bis 2008 Sozialsprecher. Dass man versucht mir ein Image aufzubrummen, nehme ich gelassen hin. Ich bitte um eine faire Beurteilung meiner Vorschläge. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 9.3.2011)
WERNER AMON ist seit 1994 Nationalratsabgeordneter und war von 2003 bis
2009 Generalsekretär des ÖAAB. Amon ist ÖVP-Bildungssprecher und seit letzter Woche für die Verhandlungen in der Schulreform hauptverantwortlich. Die diesbezüglichen Agenden erbte er von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl.