derStandard.at-Interview

"Erzieht das Kind heute überhaupt jemand?"

Katrin Burgstaller, 9. März 2011, 18:14
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    foto: apa/hochmuth

    "Die alte ideologische Frage ob der Staat, die Schule oder die Eltern das Kind erzieht, ist überholt. Heute muss man fragen: Erzieht das Kind überhaupt jemand?", sagt Werner Amon gegenüber derStandard.at.

Werner Amon fordert eine erhöhte Lehrer-Anwesenheit und erklärt warum die Mittlere Reife keine Knock-Out-Prüfung ist

Für ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon ist die "Mittlere Reife" keine Voraussetzung für den Besuch der Oberstufe. "Die Mittlere Reife ist keine Knock-Out-Prüfung um Jugendliche von der Oberstufe fernzuhalten", sagt Amon im Gespräch mit derStandard.at. Geht es nach Amon, so sollen Junglehrer in Zukunft mehr Zeit mit den Schülern und in den Schulen verbringen. Amon glaubt, dass dies "in kollegialen Verhandlungen mit den Lehrern" durchsetzbar wäre. Mit Katrin Burgstaller sprach er außerdem über das Image als Reformverweigerer und Betonierer, das man ihm "aufzubrummen" versuche.

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derStandard.at: Sie möchten die Anwesenheitspflicht für die Junglehrer an den Schulen erhöhen. Warum eigentlich nur für die Junglehrer?

Amon: Wir verhandeln im neuen Dienstrecht darüber, ob wir für neu eintretende Lehrer eine erhöhte Anwesenheitspflicht durchsetzen. Natürlich unter der Voraussetzung höherer Einstiegsgehälter und dass auch die entsprechende Arbeitsplatzinfrastruktur gegeben ist. Die Lehrer sollen mehr Zeit mit den Schülern verbringen, das ist auch eine logische Folge aus den Bedürfnissen, die die Gesellschaft hat. Wir wollen spezielle Förderprogramme entwickeln und das geht nur, wenn die Lehrer da sind und Qualität sicher stellen. Ich glaube, dass in guten kollegialen Verhandlungen mit den Lehrern so etwas durchsetzbar sein müsste. Die Lehrer, die bereits im System sind, haben die Option ins neue System überzutreten.

derStandard.at: Und jene Lehrer, die bereits im System sind, werden nicht mit eine höheren Anwesenheitspflicht bedacht? Ist das nicht durchsetzbar?

Amon: Das wäre nicht sinnvoll, denn 50 Prozent der Lehrer, die jetzt an den Schulen unterrichten gehen in den nächsten zehn Jahren in Pension. Jemand kurz vor der Pension ins neue System zu pressen, halte ich nicht für sinnvoll.

derStandard.at: Die Lehrer der Berufsbildenden Höheren Schulen haben sich für eine Verkürzung der Arbeitszeit eingesetzt. Was sagen Sie dazu?

Amon: Das war ein Vorschlag, der den gesamten öffentlichen Dienst betrifft, nämlich die Wochenarbeitszeit von 40 auf 38,5 Stunden zu reduzieren. Ich bin aber nicht für den gesamten öffentlichen Dienst zuständig. Ich bin dafür, dass die Lehrer mehr Zeit mit ihren Schülern verbringen. Ziel muss sein, dass die Lehrer den Schülern vermehrt zur Verfügung stehen. Das steht auf meiner Agenda, aber nicht die Reduktion der Gesamtarbeitszeit im gesamten öffentlichen Dienst. Die Aufgaben der Lehrer haben sich verändert, weil sich die gesellschaftlichen Strukturen verändert haben

derStandard.at: Werden Sie das Lehrerdienstrecht mitverhandeln?

Amon: Die Struktur ist noch nicht festgelegt. Zunächst einmal werden Dienstnehmer und Dienstgeber miteinander verhandeln. Man sollte die Sozialpartnerschaft nicht ganz außer Kraft setzen. Aber ich stehe jederzeit zur Verfügung.

derStandard.at: Haben Sie mit der Unterrichtsministerin Claudia Schmied ein gutes Einvernehmen?

Amon: Ja, wir haben eine exzellente Gesprächsbasis. Entgegen vieler öffentlicher Darstellungen haben wir in den letzten zwei Jahren viel zu Wege gebracht. Zum Beispiel habe ich die neue Reifeprüfung und die Bildungsstandards mit ihr verhandelt und legistisch umgesetzt. Wir haben gemeinsam die Neue Mittelschule als Schulversuch und die modulare Oberstufe umgesetzt.

derStandard.at: Auch die Mittlere Reife ist ein Herzstück des ÖVP-Bildungskonzeptes. Wird dadurch nicht der Leistungsdruck auf die jungen Leute erhöht?

Amon: Es wird noch diskutiert, ob wir in unserem ÖVP-Bildungsprogramm die Mittlere Reife in der achten oder neunten Schulstufe ansetzen. Auch die Frage, ob wir die Schulpflicht an die Erreichung eines Bildungszieles knüpfen wird noch diskutiert. Da sind wir noch nicht fertig.

derStandard.at: Das heißt, die ÖVP überlegt, die Schulpflicht auszuweiten, bis ein gewisses Bildungsziel erreicht ist?

Amon: Die Schulpflicht ist mit neun Jahren begrenzt. Im System ist es uns derzeit egal, wo jemand sein neuntes Schuljahr verbringt - ob er vorher einmal repetiert hat, das neunte Schuljahr in einer polytechnischen Schule verbringt oder an einer Berufsbildenden Höheren oder Mittleren Schule ein Jahr verbringt. Die Frage ist, ob man das neunte Schuljahr an ein bestimmtes Bildungsziel knüpfen sollte und am Ende überprüft, ob dieses erreicht wurde.

derStandard.at: Wer also dieses Bildungsziel nach neun Jahren nicht erreicht hat, muss noch ein Jahr in die Schule gehen?

Amon: Das wäre ja nur als Angebot sinnvoll, sicher nicht als Pflicht.

derStandard.at: Es ist auch eine Idee der ÖVP, dass man die Oberstufe oder eine Berufsbildende Höhere Schule nur dann besuchen kann, wenn man diese Mittlere Reife geschafft hat. Halten Sie daran nach wie vor fest?

Amon: Nein, das ist ein Punkt, der diskutiert wurde. Das ist sicher keine Position der ÖVP. Unser Bildungskonzept ist getragen von den Überlegungen die Durchlässigkeit zu erhöhen, wir wollen keinen Abschluss ohne Anschluss. Die Mittlere Reife ist keine Knock-Out-Prüfung um Jugendliche von der Oberstufe fernzuhalten. Das wäre ein völlig falscher Ansatz.

derStandard.at: Trotz der Neuen Mittelschule wollen sie die AHS-Unterstufe weiterführen?

Amon: Die Langform der AHS soll in jedem Fall erhalten bleiben. Die Hauptschulen sollen massiv aufgewertet werden, indem sie in Neue Mittelschulen umgewandelt werden. Sie sollen ein wesentliches Förderpotenzial haben um die Kinder an eine höhere Bildung heranzuführen.

derStandard.at: Eine wesentliche Bildungsentscheidung, nämlich ob Neue Mittelschule oder Gymnasium in der Langform, wird aber trotzdem weiterhin in der vierten Klasse Volksschule getroffen?

Amon: Eine Bildungsentscheidung wird immer wieder getroffen. Das ist ja nichts Negatives. Kinder sind nun einmal sehr unterschiedlich in ihren Begabungen. Es wird für alle Kinder eine Bildungsempfehlung geben auch die Eltern sollen mitentscheiden, was für ihr Kind am Besten passt. Ich wehre mich sehr dagegen, dass nur jene als Reformer gelten, die für eine Gesamtschule eintreten. Es gibt gute und schlechte Gesamtschulmodelle. Man muss unser System weiterentwickeln. Ich bin eher für ein evolutionäres als für ein revolutionäres Verhalten.

derStandard.at: Muss die Schule die Nachteile, die manchen Kindern durch ihre soziale Herkunft entstehen besser ausgleichen?

Amon: Ja, das ist eine ganz zentrale Aufgabe der Schule. Ich ärgere mich darüber, wenn eine Schultypenwahl stärker nach dem sozialen Hintergrund des Kindes ausfällt als nach seiner Begabung. Das halte ich für falsch und das muss auch bekämpft werden. Ob die Schule soziale Defizite ganz ausgleichen kann, sei dahingestellt. Deshalb bin ich auch Anhänger einer qualitativen Nachmittagsbetreuung. Ob man diese in Anspruch nimmt, sollte aber den Eltern überlassen sein. Die alte ideologische Frage ob der Staat, die Schule oder die Eltern das Kind erzieht, ist überholt. Heute muss man fragen: Erzieht das Kind überhaupt jemand?

derStandard.at: Als Sie die Schulagenden von Josef Pröll als Chefverhandler übertragen bekommen haben, sind viele negative Kommentare zu Ihrer Person gefallen: Reformverweigerer, Betonierer, etc. Was sagen Sie dazu?

Amon: Zunächst halte ich die Berichterstattung, dass ich so neu sei, für übertrieben. Ich habe alle bildungspolitischen Reformen dieser Legislaturperiode verhandelt. Ich bin sei 2000 Bildungssprecher, ich war nur von 2006 bis 2008 Sozialsprecher. Dass man versucht mir ein Image aufzubrummen, nehme ich gelassen hin. Ich bitte um eine faire Beurteilung meiner Vorschläge. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 9.3.2011)

WERNER AMON ist seit 1994 Nationalratsabgeordneter und war von 2003 bis 2009 Generalsekretär des ÖAAB. Amon ist ÖVP-Bildungssprecher und seit letzter Woche für die Verhandlungen in der Schulreform hauptverantwortlich. Die diesbezüglichen Agenden erbte er von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl.

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neustift
 
00
12.3.2011, 14:18
Erzieht das Kind überhaupt jemand?

Frage ich mich auch häufig.
Es ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, dass ein Lehrer - der gar mehrere unterschiedliche Lehrer - 20 bis 30 Kinder und Jugendliche einer Klasse "erziehen". Mal ganz abgesehen davon, dass Erziehung in einem Alter beginnen muss, wo kein Lehrer das Kind zu sehen bekommt. Grundlegendes wird weit vor dem Schuleintritt festgelegt - oder eben auch nicht.

D/E
00
14.3.2011, 18:32
Zuerst habe ich mir überlegt, warum das Kind überhaupt jemanden

erziehen sollte.

rama zotti
00
11.3.2011, 15:26
wenn ich bekannte Lehrer am Nachmittag auf der...

oder am tennisplatz, oder im schwimmbad, radfahren, joggen, shoppen usw. sehe.
da frag ich mich schon, was die "seher" so am nachmittag treiben.

vikto1313
01
15.3.2011, 23:25

Immer wieder der gleiche Blödsinn - ach ja, noch eine Frage was machen sie im Nachmittag im Schwimmbad, am Tennisplatz oder beim Radfahren,Joggen und Shoppen usw..

Haben sie keine Arbeit? Oder sind sie vielleicht selbst Lehrer?

rama zotti
00
11.3.2011, 23:32
beim 1. absatz

habe ich die anführungszeichen vergessen. sorry.

96%
02
12.3.2011, 07:25

die fehlenden anführungszeichen scheinen mir noch das geringste problem dieses postings zu sein.

rock.solid
00
11.3.2011, 21:28
AHA! SOSO!

Am Nachmittag???? Sollten da nicht alle Fleißigen und Tüchtigen in der Privatwirtschaft im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen? Aber wahrscheinlich sind Sie a) hacknstaad b) (Früh)Pensionist oder c) Abseiler

TTino
01
11.3.2011, 19:40

Da könnten Sie mich gesehen haben - alle diese Tätigkeiten (außer Tennis u. Shoppen) und noch einige mehr betreibe ich v.a. bei Schönwetter und wenn ich keinen Nachmittagsunterricht habe ausgiebig und gerne. Wenn ich allerdings dann abends oder am Wochenende bei Vorbereitungen und Korrekturen sitze, dann sehen Sie mich halt nicht, denn dann sitze ich in meinem von mir persönlich eingerichteten und bezahlten "Büro" in meiner Privatwohnung! Muss ich erst eine WebCam aufstellen, damit Leute wie Sie diesen doch recht einfachen Umstand begreifen können?!? Mit am besten am Lehrerberuf ist die Möglichkeit einer teilweise freien Zeiteinteilung - das bedeutet aber eben nicht die vielzitierte "20-Stunden-Woche"!

mountaineer
00
11.3.2011, 17:09
Glashaus-Steinwurf

Die sehen Sie deshalb, weil Sie selbst auch nichts arbeiten und daher Zeit haben, diese zu beobachten.

Womöglich hat sich der Lehrer die Arbeit einfach nur für später eingeteilt und Sie sind der einzige Tachinierer!

LB1
01
15.3.2011, 12:46
tja,

der Neid ist ein Luder,
Genau darum werden die Lehrer beneidet, um die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung. Welche Berufsgruppe kann das sonst noch? Kein Mensch schert sich drum wenn du als Lehrer Samstag, Sonntag sitzt und vorbereitest, verbesserst etc.!

D/E
00
11.3.2011, 17:40
Das hat er/sie offensichtlich gemeint.

sam duke
00
11.3.2011, 08:17
D/E

ich habe das noch nie gemacht und er möge mir verzeihen, wenn es ihm nicht passt.
ich habe selten einen poster gelesen, der so mit sachverstand und emotionslos die schulproblematik beschreibt und beschreiben kann. auch die vernuftresistentesten können ihn nicht aus der ruhe bringen. die einzige frage für mich ist, warum er sich das antut. für interessierte auf alle fälle ein großer gewinn.

Murmelchen1
00
11.3.2011, 16:19
Schließe mich an ;-))

D/E
00
11.3.2011, 09:48
Danke, es freut ihn sogar.

Ich glaube, er ist einfach ein Optimist.

goxx
00
11.3.2011, 09:58

Bezieht sich "D/E" auf Ihre Fächerkombination?

D/E
00
11.3.2011, 09:59
Yep.

goxx
00
11.3.2011, 10:15

Hut ab - gehört wohl zu den aufwändigsten Kombinationen.

D/E
02
11.3.2011, 10:18
Die Studienwahl war vermutlich der einzige grundlegende Fehler in meiner Karriere.

Ich hätte irgendein WU-Studium machen sollen. Dann wäre ich jetzt bei Dolittle (oder wie die heißen) und würde für sehr viel Geld und bei exzellentem Catering Ezzes geben, wie man die Lehrer wieder einmal übers Ohr hauen kann.

Oft hast ein Pech.

politflüchtling
00
14.3.2011, 12:50

zumindest hätte man mit einer anderen Studienwahl wohl Berührung mit der Welt da draußen bekommen ;-)

Übrigens: Sie sind mir noch immer eine Antwort schuldig :-)

D/E
00
14.3.2011, 16:11
Worauf?

Wenn Sie mir dann auch noch erklären könnten, wie Sie draufkommen, ich wüsste "von der Welt da draußen" nichts, könnte ich fast beginnen, Sie ernst zu nehmen.

Ich lebe ja nicht im Sauerstoffzelt.

politflüchtling
00
14.3.2011, 19:16

na auf Ihr tolles Posting, dass die Wahl der Unternehmensrechtsform etwas mit dem Eigentümern zu tun hat:

http://derstandard.at/plink/129... id20210624

Ich würde Sie ja nur zu gerne in Echt kennenlernen und eine Doku machen :-)

D/E
00
15.3.2011, 12:52
Ach so, Sie meinen die Antwort auf Ihr gar nicht so tolles

Posting, das aus EVN und Siemens auch gleich Staatsbetriebe machen wollte.

Ich denke, auf das Vergnügen einer persönlichen Begegnung kann ich dankend verzichten.

politflüchtling
00
15.3.2011, 14:20

hehe... bei Ihnen stimmt die alte Lehrerregel gar nicht:

"Am Vormittag haben sie recht, am Nachmittag haben sie frei"

Bei Ihnen dürfte sich das berufliche sogar bis in die Abendstunden ziehen.
Naja, wie mein Vater immer sagte: Mit bestimmten Personen kann man nicht streiten. :-)

D/E
00
15.3.2011, 18:55
Da hatte er Recht.

Eine gewisse Mindestintelligenz sollte man schon voraussetzen können.

We'll have to agree to disagree.

Linek Karl
 
02
10.3.2011, 19:07
Kommunistische Erziehungsmethoden?

Ich kann mich noch erinnern, dass zur Zeit des Kalten Krieges die Kommunisten die völlige Erziehung der Kinder übernehmen wollten. Sie wurden dafür vom Westen vehement kritisiert. Nicht dass ich das Modell gut heiße - ganz im Gegenteil. Aber heute haben wir genau das: Die Eltern geben die Kinder nicht nur an die Schule ab, sondern erwarten auch noch, dass sie in der Schule erzogen werden.

Ausweg? Schwierig, sehr schwierig, denn es müssten sich ja nicht die Eltern ändern, sondern die Gesellschaft.

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