Österreichische Wissenschafter beraten Researchgate.net - bald eine Million Mitglieder
In Berlin kratzt ein "Facebook für Forscher" an der
Grenze von einer Million Mitgliedern. Täglich kommen 2.500 neue dazu.
Drei österreichische Universitätsprofessoren beraten das rasant
wachsende Researchgate.net als "Senior Advisor": Die Biologen
Christine Brostjan und Johannes A. Schmid von der medizinischen
Universität Wien und der Mikrobiologe Andreas Grillari von der
Universität für Bodenkultur. Insgesamt verfügt das Unternehmen über
rund 110 Senior Advisor in aller Welt.
Seot 2008
Am 23. Mai 2008 begann Researchgate.net mit einer Handvoll
Mitarbeitern und ein bis zwei Anmeldungen pro Tag. Heute arbeiten
hier mehr als 50 Menschen, mehr als 800.000 Wissenschafter aus aller
Welt tun sich auf der Plattform um, täglich melden sich 2.500 weitere
an. "In den nächsten 8 bis 10 Wochen werden wir eine Million erreicht
haben", sagte Firmengründer Ijad Madisch am Dienstag vor
ausländischen Journalisten in der deutschen Hauptstadt.
Herz von Researchgate.net ist das Teilen von Informationen mit
anderen. Das kann in speziellen Gruppen passieren, von denen es
derzeit 3.000 gibt, in Instrumenten für die Zusammenarbeit oder in
einer - aus acht anderen zusammengesetzten - Datenbank. Zwei bis drei
Beispiele gibt es bisher, wo sich Wissenschafter über
Researchgate.net gefunden haben und nun gemeinsam forschen.
Keine Werbung
Werbung findet in diesem "Facebook für Wissenschafter" nicht
statt, dennoch wird bereits Geld verdient: Mit einer Stellenbörse,
die zwar für die suchenden Wissenschafter kostenlos, für die
annoncierenden Unternehmen aber mit Kosten verbunden ist. Außerdem
spielen private Netzwerke Geld in die Kasse des Betreibers: Die Max
Planck-Gesellschaft etwa nutzt Researchgate.net für die interne
Kommunikation.
Sucht ein Wissenschafter nach Literatur, präsentiert ihm das
System zusätzliche Nachschlagemöglichkeiten. Will er eine eigene
Arbeit veröffentlichen, bietet es das geeignete Journal zur
Veröffentlichung an. Auch so genannte negative Daten, also schief
gegangene und abgebrochene Projekte, können auf der Plattform
veröffentlicht werden, um andere Kollegen zu informieren, nicht
dieselben Versuche mit denselben Fehlern zu machen.
Nur für Forscher
Die Anmeldung für Researchgate.net ist frei, doch werden so
konkrete Fragen gestellt, dass nur tatsächliche Wissenschafter
Zutritt erlangen. "Die Community reguliert sich selbst", sagt
Madisch. "Die Kollegen durchschauen Nicht-Wissenschaftler und melden
das. Es gibt aber keine regulierende Zentrale."
Vor der Finanzkrise hatte die Plattform rund 40 Mitbewerber. 95
Prozent von ihnen existieren heute nicht mehr, sodass es ein
ähnliches Social Network für Wissenschaftler nicht gebe, so der
Firmengründer. Im vergangenen Dezember wurde die Finanzierung
beschlossen, die für die nächsten Jahre halten solle. Hinter
Researchgate.net stehen fast ausschließlich Investoren aus dem
Silicon Valley in den USA. Die in Berlin arbeitenden jungen Leute
kommen vorwiegend aus Europa.
Kann Konferenzen nicht ersetzen
Biologie, Medizin und Computerscience sind die größten auf dem
Portal vertretenen Disziplinen. Eine Datenbank für
Wissenschaftskonferenzen ist im Aufbau, wenngleich dadurch
Wissenschaftskonferenzen wohl nicht ersetzt werden, vermutet Madisch:
"Große Konferenzen mit 50.000 Teilnehmern können nicht ersetzt
werden."
Der gebürtige Deutsche Madisch hat in den USA studiert und den
Doktor in Virologie gemacht. Während seiner Arbeit merkte er, wie
schwierig es in der Wissenschaft sei, Antworten auf Fragen zu
finden, speziell, wenn es um Fächerübergreifendes geht: "Diese
Interdisziplinarität ist nicht so, wie man sie sich wünscht." So kam
er gemeinsam mit einem Kollegen auf den Gedanken ein Netzwerk für
Wissenschafter zu gründen. Als Standort standen San Francisco oder
Berlin zur Auswahl. Der junge Firmengründer entschied sich für
Berlin, weil er selbst aus Deutschland kommt, die Stadt sich zum
"Silicon Valley" von Europa entwickle und es da weniger Konkurrenz
und somit auch weniger Gefahr des Abwerbens wie in Silicon Valley
gebe. Vor drei Monaten hat er seinen Vertrag an der Universität
Harward gekündigt: "Ich glaube, dass ich mit meinem Projekt in der
Wissenschaft mehr ändern kann, als mit der eigenen wissenschaftlichen
Arbeit", sagt er. (APA)
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