"Facebook für Forscher" wächst um 2.500 User pro Tag

9. März 2011, 12:15

Österreichische Wissenschafter beraten Researchgate.net - bald eine Million Mitglieder

In Berlin kratzt ein "Facebook für Forscher" an der Grenze von einer Million Mitgliedern. Täglich kommen 2.500 neue dazu. Drei österreichische Universitätsprofessoren beraten das rasant wachsende Researchgate.net als "Senior Advisor": Die Biologen Christine Brostjan und Johannes A. Schmid von der medizinischen Universität Wien und der Mikrobiologe Andreas Grillari von der Universität für Bodenkultur. Insgesamt verfügt das Unternehmen über rund 110 Senior Advisor in aller Welt.

Seot 2008

Am 23. Mai 2008 begann Researchgate.net mit einer Handvoll Mitarbeitern und ein bis zwei Anmeldungen pro Tag. Heute arbeiten hier mehr als 50 Menschen, mehr als 800.000 Wissenschafter aus aller Welt tun sich auf der Plattform um, täglich melden sich 2.500 weitere an. "In den nächsten 8 bis 10 Wochen werden wir eine Million erreicht haben", sagte Firmengründer Ijad Madisch am Dienstag vor ausländischen Journalisten in der deutschen Hauptstadt.

Herz von Researchgate.net ist das Teilen von Informationen mit anderen. Das kann in speziellen Gruppen passieren, von denen es derzeit 3.000 gibt, in Instrumenten für die Zusammenarbeit oder in einer - aus acht anderen zusammengesetzten - Datenbank. Zwei bis drei Beispiele gibt es bisher, wo sich Wissenschafter über Researchgate.net gefunden haben und nun gemeinsam forschen.

Keine Werbung

Werbung findet in diesem "Facebook für Wissenschafter" nicht statt, dennoch wird bereits Geld verdient: Mit einer Stellenbörse, die zwar für die suchenden Wissenschafter kostenlos, für die annoncierenden Unternehmen aber mit Kosten verbunden ist. Außerdem spielen private Netzwerke Geld in die Kasse des Betreibers: Die Max Planck-Gesellschaft etwa nutzt Researchgate.net für die interne Kommunikation.

Sucht ein Wissenschafter nach Literatur, präsentiert ihm das System zusätzliche Nachschlagemöglichkeiten. Will er eine eigene Arbeit veröffentlichen, bietet es das geeignete Journal zur Veröffentlichung an. Auch so genannte negative Daten, also schief gegangene und abgebrochene Projekte, können auf der Plattform veröffentlicht werden, um andere Kollegen zu informieren, nicht dieselben Versuche mit denselben Fehlern zu machen.

Nur für Forscher

Die Anmeldung für Researchgate.net ist frei, doch werden so konkrete Fragen gestellt, dass nur tatsächliche Wissenschafter Zutritt erlangen. "Die Community reguliert sich selbst", sagt Madisch. "Die Kollegen durchschauen Nicht-Wissenschaftler und melden das. Es gibt aber keine regulierende Zentrale."

Vor der Finanzkrise hatte die Plattform rund 40 Mitbewerber. 95 Prozent von ihnen existieren heute nicht mehr, sodass es ein ähnliches Social Network für Wissenschaftler nicht gebe, so der Firmengründer. Im vergangenen Dezember wurde die Finanzierung beschlossen, die für die nächsten Jahre halten solle. Hinter Researchgate.net stehen fast ausschließlich Investoren aus dem Silicon Valley in den USA. Die in Berlin arbeitenden jungen Leute kommen vorwiegend aus Europa.

Kann Konferenzen nicht ersetzen

Biologie, Medizin und Computerscience sind die größten auf dem Portal vertretenen Disziplinen. Eine Datenbank für Wissenschaftskonferenzen ist im Aufbau, wenngleich dadurch Wissenschaftskonferenzen wohl nicht ersetzt werden, vermutet Madisch: "Große Konferenzen mit 50.000 Teilnehmern können nicht ersetzt werden."

Der gebürtige Deutsche Madisch hat in den USA studiert und den Doktor in Virologie gemacht. Während seiner Arbeit merkte er, wie schwierig es in der Wissenschaft sei, Antworten auf Fragen zu finden, speziell, wenn es um Fächerübergreifendes geht: "Diese Interdisziplinarität ist nicht so, wie man sie sich wünscht." So kam er gemeinsam mit einem Kollegen auf den Gedanken ein Netzwerk für Wissenschafter zu gründen. Als Standort standen San Francisco oder Berlin zur Auswahl. Der junge Firmengründer entschied sich für Berlin, weil er selbst aus Deutschland kommt, die Stadt sich zum "Silicon Valley" von Europa entwickle und es da weniger Konkurrenz und somit auch weniger Gefahr des Abwerbens wie in Silicon Valley gebe. Vor drei Monaten hat er seinen Vertrag an der Universität Harward gekündigt: "Ich glaube, dass ich mit meinem Projekt in der Wissenschaft mehr ändern kann, als mit der eigenen wissenschaftlichen Arbeit", sagt er. (APA) 

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