Hoher Lärmpegel

Jeder dritte Orchester­musiker hört schlecht

9. März 2011, 11:26

Wirkung unterschätzt: Flötistin ist Lärmpegel einer Kreis- oder Motorsäge ausgesetzt

Jena - Fast jeder dritte Orchestermusiker hört nach zehn Jahren im Beruf deutlich schlechter. Besonders betroffen seien Streicher und Bläser, sagte die Medizinerin Edeltraut Emmerich vom Universitätsklinikum Jena. "Es mag schwer vorstellbar sein, doch die Flötistin an der Piccoloflöte ist einem Lärmpegel ausgesetzt, der dem einer Kreis- oder Motorsäge entspricht." In Jena tagt derzeit die Deutsche Gesellschaft für Audiologie. Auf der dreitägigen Konferenz beschäftigen sich rund 500 Ärzte, Ingenieure, Hörtechniker und Pädagogen mit den gesundheitlichen Folgen von Lärm.

Schäden durch Berufslärm

Emmerich, die das Hörlabor am Universitätsinstitut für Physiologie leitet, forscht zu Schäden durch Berufslärm. Nach ihren Beobachtungen schützen sich Musiker in Symphonieorchestern kaum vor Lärm durch ihre Instrumente - anders als Popmusiker, die immer häufiger einen Hörschutz trügen. "Orchestermusiker sagen meist, ein Hörschutz beeinträchtige sie. Aber häufig ist das auch eine Geldfrage." Dabei könne Schwerhörigkeit für Berufsmusiker erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Anders als in der Schweiz werde Schwerhörigkeit bei Musikern in Deutschland nicht als Berufskrankheit anerkannt.

Durch Lärm am Arbeitsplatz verursachte Schwerhörigkeit ist eine der häufigsten Berufskrankheiten. Die Berufsgenossenschaften hätten jährlich rund 35 Millionen Euro allein an Entschädigungsleistungen für betroffene Arbeitnehmer zu leisten, sagte Emmerich. Besonders lärmgefährdet sind nach ihren Angaben Arbeiter in der Stahl- und Autoproduktion, in Brauereien, der Holzwirtschaft und Orchestermusiker. Auch Zahnärzte, Beschäftigte in Diskotheken und Bars sowie Lehrer und Kindergärtnerinnen seien einer überdurchschnittlichen Geräuschkulisse ausgesetzt. Ob auch Geräusche durch Bürocomputer das Gehör schädigen könnten, werde noch erforscht.

Lärmpegel und -dauer entscheidend

Lärm beginnt ab einem Lautstärkepegel von etwa 85 Dezibel, für gesundheitliche Auswirkungen ist vor allem die Lärmdauer entscheidend. Neben der Schwerhörigkeit als Folge von Schädigungen der Haarzellen am Innenohr, die für den Hörsinn verantwortlich sind, beeinträchtigt Lärm nach Beobachtungen der Fachleute auch Blutdruck, Herz und Kreislauf sowie die Psyche. "Dies ist besonders dann der Fall, wenn ein Geräusch als unangenehm empfunden wird und man ihm nicht entfliehen kann." (APA)


Was ist Lärm?

Lärm beginnt ab Lautstärken von 85 Dezibel (dB). In vielen Bereichen in Beruf und Freizeit ist dieser Wert schnell erreicht oder sogar überschritten:

  • Cafe/Restaurant: 75 bis 80 dB
  • Supermarkt: 75 bis 80 dB
  •  Kreissäge: 100 dB
  • Flaschensortieranlage einer Brauerei: 90 bis 100 dB
  • Rockkonzert: rund 100 dB
  • Diskothek: rund 100 dB
  • Piccoloflöte Symphonieorchester: 96-112 dB
  • Streichinstrumente Symphonieorchester: 80-104 dB
  • Fernsehgerät: 65 bis 70 dB
  • PC: unter 65 dB
  • normales Gespräch: 55 bis 65 dB

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21 Postings
Eiffel LaTour
00
10.3.2011, 11:38
Rockkonzert rund 100 dB

Definitiv kein Motörhead Konzert.

mezzofortist
00
10.3.2011, 09:57
Der einene Schall und der der Anderen...

Bitte hier unbedingt zu unterscheiden zwischen dem Schalldruck, den der Musiker selbst erzeugt und jenem, der z.B. von Trompete oder Pauke hinter ihm kommt und oft die größere Belastung darstellt. Bei einer Probe für "Le Sacre du Printemps" haben wir einmal einen Pegel von 124dB gemessen, der aber ausschließlich von der (in korrekter Lautstärke spielenden) Posaunengruppe ausging.
Vorreiter im symphonischen Bereich sind meines Erachtens jene Orchester, die mit (durchsichtigen) Schallschutzwänden arbeiten oder die Blechbläser höher sitzen lassen, sodass sie über die vor ihnen Sitzenden hinweg spielen. Diese Lösungen sind aber nicht auf allen Bühnen und vor allem nicht in allen Orchestergräben möglich.

Das Kapital ist die wahre Macht
01
10.3.2011, 08:22
Immer haben die Bläser Probleme!

Naja ...

Der Große von Gegenüber
00
10.3.2011, 12:44

in diesem Fall eine Flötistin ...

Queen of Sheba
 
00
10.3.2011, 06:12
Leider hört man die Folgen.

No sleep
02
Jeder dritte Orchester­musiker hört schlecht

und "Chez Hermes"

astemp79
00
Keine Geldfrage!

"Orchestermusiker sagen meist, ein Hörschutz beeinträchtige sie. Aber häufig ist das auch eine Geldfrage."

Das ist schlichtweg falsch. - Hier geht es darum, dass der Orchestermusiker nicht allein vor sich hin spielt und nur auf die Pinselei des Dirigenten schaut, sondern dass er im Verbund mit seinen Mitspielern agiert. Er muss sie hören, nicht nur den Nachbarn, sondern auch das ganze Umfeld.
Deshalb kommt für Orchestermusiker ein Hörschutz schlichtweg nicht in Frage.
Wichtiger wäre eine bessere Position auf dem Podium - so dass das Blech (und um dieses geht es nur) erhöht sitzt und deren Klang über den Vorderrreihen wegstrahlt.
Ich weiß, wovon ich rede ....

Kendall Von Tharn
00
10.3.2011, 07:48

äh, es geht um schall, nicht klang.

Darius Minor
00
Sie haben eine etwas veraltete Vorstellung von Gehoerschutz,

wenn ich das sagen darf.

Es gibt seit Jahren um rund 150,- bis 200,- Euro indivdiduell angepassten Gehoerschutz, der das gesamte hoerbare Frequenzspektrum mehr oder weniger gelichmaeßig um einen (durch einen austauschbaren Filtereinsatz) waehlbaren Betrag um 9, 15 oder rund 20 dB absenkt. Funktioniert hervorragend.

Darius Minor
00
PS:

Weil unten, wie ich grade gesehen habe, eh auch Links geposted worden sind:

"Hearsafe" -> http://www.meineohren.de

mezzofortist
00
10.3.2011, 09:55

Diese otoplastischen Filter funktionieren im Prinzip nicht schlecht, sind aber bei manchen Instrumenten problematisch: Doppelrohrbläser beispielsweise, bei denen auch die Mund- und damit auch die Nebenhöhlen mitresonieren, hören sich selbst unverhältnismäßig laut und somit die Umgebung schlechter.

Darius Minor
00
13.3.2011, 14:19
Da haben Sie allerdings recht.

strangerinastrangeland
 
00
Eigentlich eine gute Nachricht,

bisher dachte ich, dass alle Orchester­musiker nach 10 Jahren ziemlich taub sind.

Zinnmo
 
00

Das kommt sehr drauf an, wo man sitzt. es ist ja nicht (nur) das eigene Instrument laut, sonder auch und vor allemdie der anderen. Am extremsten ist es wohl in der Big Band, da stehen die Trompeter ganz hinten. Sie selber haben es relativ ruhig, vor ihnen bläst es einem die Ohren weg.

gilipollas
00

bei manchen Flötistinnen ist nicht nur der Schalldruck sondern auch der Klang selbst mit einer Motorsäge vergleichbar

Zinnmo
 
00

Es gibt mittlerweile Ohrstöpsel, die Geräusche linear abdämpfen, also alle Frequenzen gleich stark. Aber die Dinger sind teuer, müssen individuell angepasst werden, etc., und der Klang ist am Schluss immer noch ein klein wenig anders (Ohr reagiert eben NICHT linear).

Trotzdem: Sie zahlen sich aus.

TheNepomuk
00

So teuer sind die nicht... 160(KIND)-200€(Hartlauer)

werwolfi
00

"KIND"?

Zinnmo
 
01

Eine Deutsche Firma, die Hörgeräte und -schutz herstellt und vertreibt.

http://www.kind.com/at

werwolfi
00

danke, gut zu wissen!

bei Neuroth gibts sowas übrigens auch.

Jürgen Rembremerding
00
Oder man macht das beste aus dem Tinnitus:

http://www.youtube.com/watch?v=SA7QnKOa0P8

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