Wiewohl mit Milliarden an Steuergeld ertüchtigt, brauchen ICE & Co von Wien nach Salzburg gleich lang wie 1991
Wien - Jahrzehnte langer Bahnausbau führt nicht notwendigerweise zu einer Verkürzung der Fahrzeiten der Züge. Das zeigt ein Vergleich mit dem Fahrplan von 1964. Damals dauerte eine Fahrt mit einem „Expresszug" vom Wiener Westbahnhof nach St. Pölten um neun Uhr eine Dreiviertelstunde und zur Mittagszeit 46 Minuten. Laut aktuellem Fahrplan schafft es der ÖBB-Parade-Schnellzug „Railjet" gerade einmal in 41 Minuten.
An den Triebfahrzeugen, liegt die heutige Langsamkeit nicht, ebenso wenig an den erlaubten Geschwindigkeiten, denn die aktuell eingesetzten Lokomotiven verfügen über deutlich mehr Leistung als die damals eingesetzten Elektroloks mit 1600 kW, die gerade einmal mit 80 km/h auf Schiene waren.
Nach Salzburg brauchen die meisten ICE, Eurocity & Co jene 2,45 Stunden, die sie bereits 1991 auf Schiene brachten. Nur eine Minderheit schafft es bei nur zwei Bahnhofsstopps in 2,30 Stunden. Gebummelt wird auch bei Regionalzügen: Die Fahrt von Wien nach Eichgraben dauerte vor 47 Jahren eine halbe Stunde, heute 31 Minuten.
Das gemächliche Tempo auf der Westbahn liege vor allem daran, dass der Wienerwaldtunnel noch nicht fertig sei, halten Eisenbahner dagegen. Zudem zwingen Baustellen zum Langsamfahren. 2013 soll es besser werden, der Tunnel wird 20 Minuten Fahrzeit sparen.
Hinzu kommt, dass auf den Westbahn-Neubaustrecken das Zugsicherungssystem ETCS noch nicht durchgängig eingebaut wurde. Selbiges ersetzt herkömmliche Signalanlagen und steuert, vereinfacht ausgedrückt, den Abstand zwischen Zügen elektronisch. Deshalb seien die Zug-Abstände derzeit größer als nötig.
Laut Recherchen der grünen Verkehrssprecherin Gabriela Moser gibt es freilich noch einen gewichtigen Grund für das Bummeln: die Pünktlichkeitsstatistik. Sie verbessert sich Monat für Monat, wie die ÖBB nicht müde wird zu betonen. 2009 betrug sie laut ÖBB-Personenverkehr im Nahverkehr 91,8 Prozent und im Fernverkehr 67,8. 2010 habe sie sich auf 75,6 Prozent im Fernverkehr und 95 Prozent im Nahverkehr verbessert. Die Wiener Schnellbahn sei mit 98 Prozent Musterschüler.
Was nicht dazu gesagt wird, Lokführer aber bestätigen: Um die Pünktlichkeitsrate zu erhöhen, wurden in den Fahrplänen Zeitreserven eingebaut, die Pünktlichkeit auch bei unvorhergesehenen Ereignissen ermöglichen. Halbwegs pünktliche Züge haben noch einen angenehmen Nebeneffekt: Die Chancen des Managements auf Bonuszahlungen steigen. (Luise Ungerboeck/DER STANDARD, Printausgabe, 9. März 2011)