Jugendlicher Rat auf Draht

Bianca Blei, 9. März 2011, 09:36
  • Artikelbild
    foto: reuters/yuriko nakao

    Beim Peer-System begegnen sich die GesprächspartnerInnen auf Augenhöhe.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/blei

    Kerstin ist seit einem Jahr Peer - auch bei Spaßanrufen bleibt sie ruhig.

Bei der Hotline "time4friends" vom Österreichischen Jugendrotkreuz helfen Teenager Teenagern - vier Stunden täglich

Ihre letzte Anruferin war ein 12-jähriges Mädchen, dem langweilig war. Eine dreiviertel Stunde hat Kerstin es unterhalten, mit Themen wie Musik, Filmen oder anderen Hobbies. Klingt nicht weltbewegend, ist aber Teil des Engagements. Kerstin ist 16 Jahre alt und ein so genannter Peer beim Roten Kreuz. In dieser Funktion und im Rahmen der Initiative "time4friends" nimmt sie Anrufe von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Beweggründen und Problemen entgegen. In einem Peersystem begegnen sich HelferInnen und HilfesuchendeR auf Augenhöhe, das bedeutet, dass sie sich zumeist in derselben Position oder Altersgruppe befinden.

"Die meisten AnruferInnen, wählen die Hotline aus Langeweile und weil sie einfach jemanden zum Reden brauchen", so Kerstin. Aber auch Probleme in der Schule oder Familie sind Gründe die Nummer zu wählen. Eines ihrer größten Erfolgserlebnisse war etwa ein 13-jähriger Junge, der einen Fünfer auf eine Mathematikschularbeit geschrieben hatte und sich nicht traute, es seinen Eltern zu sagen. "Nach dem Telefonat hatte ich ihn aber so weit, dass er sich mit seinen Eltern zusammensetzte", erzählt Kerstin.

Grundausbildung für Peers

150 effektiv geführte Gespräche im Monat österreichweit würden den Bedarf des Projekts "time4friends" aufzeigen, sagt Projektleiter Markus Bankhofer vom Roten Kreuz. Durchschnittlich würden die dreißig Peers fünf Minuten mit den AnruferInnen telefonieren. Dabei nutzen die Jugendlichen zur Verfügung gestellte Mobiltelefone und können von zu Hause aus agieren. Um auf die Aufgabe vorbereitet zu sein, müssen alle jugendlichen MitarbeiterInnen vor ihrem ersten Dienst eine Grundausbildung absolvieren.

Diese findet einmal pro Jahr statt und dauert vier Tage. Kerstins Erfahrungen bei ihrer Ausbildung vor etwa einem Jahr: "Die Atmosphäre unter den Jugendlichen war total locker, aber wir haben auch viel gelernt", so die Schülerin. So mussten sie sich etwa in Gruppen Themen für die sogenannten "Langeweile-AnruferInnen" überlegen. "Dabei sind wir schnell zu dem Schluss gekommen, dass Politik nicht das passende Gesprächsthema wäre, weil es viel zu viel Konfliktpotential beinhaltet", erzählt Kerstin.

Weiterleitung an PsychologInnen

Laut Markus Bankhofer würden den Jugendlichen außerdem grundlegende Kommunikationsskills und der Umgang mit den Themen Suizid, Essstörungen und Suchtprävention beigebracht werden. Falls sich ein Peer bei einem Telefonat überfordert fühle, könne er oder sie das Gespräch auch an eine andere Einrichtung wie Rat auf Draht weiterleiten. Von dieser Möglichkeit würden aber nur wenige Freiwillige Gebrauch machen: "Im Jahr 2010 wurde zwei Mal an PsychologInnen weitergeleitet", so Bankhofer.

Zusätzlich dazu hätten auch die freiwilligen Jugendlichen die Möglichkeit über ihre Probleme und Belastungen bei sogenannten Peertreffen zu reden. "Viermal im Jahr setzen wir uns dann an einem Abend zusammen und haben eine Supervision bei Psychologen", erzählt Kerstin. "Da dürfen dann endlich wir sprechen", sagt sie und lacht.

Am Telefon melden sich die Peers mit dem Vornamen, alle anderen Daten bleiben geheim. "Da halten wir unsere Hand darüber", so Bankhofer. Nur den Aufenthaltsort würde Kerstin immer noch verraten: "Da die Peers über ganz Österreich verteilt sind, denke ich, dass es die AnruferInnen interessiert, wo sie gelandet sind." Außerdem legt Bankhofer großen Wert darauf, dass "time4friends" keine Beratungshotline ist und nicht zur Intervention gedacht ist, sondern als Ansprechstelle dient, bei der vielmehr präventiv gearbeitet wird.

Mehr Anrufe vor dem Zeugnistag

Im Jahresverlauf würden sich die Themen der AnruferInnen ähneln: Probleme mit Freunden, Familie oder einfach Langeweile. Nur vor den Zeugnistagen ließe sich eine Kurve nach oben erkennen: "Dann geht es meistens darum, dass die Kinder Leistungsdruck spüren und nicht mit den Eltern über schlechte Noten sprechen wollen", so Bankhofer. Im Sommer sei dann aufgrund der Ferien weniger los, was sich Ende August aber wieder ändere. Auch zu Weihnachten würden mehr Anrufe eingehen: "Dann sind manche Kinder und Jugendliche alleine und brauchen jemanden zum Reden", sagt der Projektleiter.

Manchmal komme es auch vor, dass Spaßanrufe bei Kerstin eingehen. "Die erkennt man daran, dass man im Hintergrund schon die Freunde lachen hört." Sie würde aber trotzdem ruhig bleiben und zuhören, denn "man kann ja nie wissen, ob es nicht wirklich ernst ist". Bis sie achtzehn Jahren alt ist, darf Kerstin bei "time4friends" mitmachen, dann ist die Altersgrenze erreicht. Aber auch in Zukunft dürfte ihr dieses Engagement helfen, denn "Freiwilligenarbeit sieht auch im Lebenslauf gut aus". Bankhofer glaubt außerdem, dass sich durch solche Projekte mehr Jugendliche für die Freiwilligenarbeit begeistern lassen: "Wir sehen, dass sich junge Menschen vor allem projektbezogen und zeitlich begrenzt engagieren wollen." (Bianca Blei, derStandard.at, 8.3.2011)

Info:

time4friends gibt es seit 2003 und ist täglich von 18:00 bis 22:00 Uhr unter 0800 664 530 erreichbar. Freiwillige HelferInnen werden immer wieder gesucht. Dabei sollte alle zwei Wochen ein Dienst von vier Stunden absolviert werden. Die HelferInnen müssen zwischen 15 und 18 Jahren alt sein.

Link:

time4friends online

Kommentar posten
21 Postings
22,4 cm
00
und wer hilft den rentern?

Herzogin
00
Öjrk

Genial ! So eine hotline hätte ich in meiner kindheit auch gebraucht ! Denn da gabs ne menge probleme ! Time4friends alles gute und toi toi toi !

xal belo
00
Finde ich gut,

solange durch die Betreuung der Helfer sicher gestellt wird, das diese nicht unter der mitunter bei solchen Tätigkeiten vorhandenen psychischen Belastung leiden.

Dirty Sanchez
 
50
"150 effektiv geführte Gespräche im Monat"

Was nicht im Beitrag steht: 550 Gespräche zur Problemlösung/ Monat kommen gar nicht erst zustande, weil das Problem in einem leeren Händi-Akku besteht.

Johannes Benn
00
.

wär es nicht sinnvoller die kinder könnten direkt dahin gehen?
mal abgesehen davon, dass ich der verdacht habe, dass ich in solchen gesprächen auch teils kinder gegen die familie aufgewiegelt werden

Rooster Cogburn
00

Glaub ich nicht. Da ist die Hemmschwelle viel zu hoch.

krendl
41
Und was lernen Teenies daraus?

Genau, alle Probleme lassen sich am besten mit dem Handy lösen. Im nächsten Leben werde ich Mobile-Fabrikant.

xal belo
03

Vielleicht auch, dass mit seinen Problemen nicht immer alleine dasitzt und das es Gleichaltrige gibt, die einem zuhören ohne einen auszulachen?

Diego: Das alte Lager
 
20
Muß man da Englisch können?

Muß man in "time4friends" englisch können, um mit dem "Peer" (sprich: "Bier") zu speaken?!

asozialist.blogspot.com
86
HelferInnen und HilfesuchendeR

aaaaahhh!

Angenommen es finden Einzelgespräche statt, dann hätte man "HelferIn" und "HilfesuchendeR" schreiben müssen, die derzeit verwendete Formulierung würde bedeuten, dass ein Anrufer mit einer Gruppe von Gesprächspartnern verbunden wird.

Wenn man schon grammatikalisch inkorrekt herumgendern will, dann sollte wenigestens der Sinn noch erhalten bleiben.

"Anrufer werden mit Helfern verbunden" - nachdem das Großartige Gender-Gesetz (GGG - man kann Ironie in dieser Abkürzung erkennen..) noch nicht in Kraft ist, dürfte so eine Formulierung wohl der Mehrheit hier angenehmer erscheinen.

asozialist.blogspot.com
51
young generation

born2call

phone4help

connect-u-now

...mehr ramsch fällt mir nicht ein, sorry.

xal belo
00

Wenns nach Ihnen ginge, würden wir wohl noch immer ausschließlich Piktogramme benutzen, was?

asozialist.blogspot.com
02
nein, aber ich bin gegen dieses pseudoenglisch

weil das angeblich so cool klingt.

widiwutsch
08
Tolle Sache - aber warum rufen da japanische Kleinkinder an?

Lesko Powiatem
01
Die entäuschende Auflösung

Naja, google translate funktioniert leider nicht wirklich immer gut ins Deutsche, dafür aber ins Englische, wo dann Crank Call herauskommt, was auf Deutsch schließlich nichts anderes heißt, als ein Telefonscherz.

Lesko Powiatem
00
Irgendwie kommt Ihr Posting hier nicht durch, gell?

Merkwürdig. Naja, könnens ja mal auf Google-Translate eingeben...;)

widiwutsch
00
Schon gemacht. Das Ergebnis: CrankAnruf

Da dachte ich, Kurbelanruf gibt keinen rechten Sinn; vielleicht wissen Sie mehr?

http3
 
01
die sind billiger...

Dirty Sanchez
 
03
und disziplinierter!

Lesko Powiatem
00
????

Was sonst?

widiwutsch
00
Oh, jetzt erst habe ich die Ideogramme gesehen...

weil sie in der Mail dargestellt waren. Heißt das wirklich irgendwas auf Japanisch?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.