Bei der Hotline "time4friends" vom Österreichischen Jugendrotkreuz helfen Teenager Teenagern - vier Stunden täglich
Ihre letzte Anruferin war ein 12-jähriges Mädchen, dem langweilig war. Eine dreiviertel Stunde hat Kerstin es unterhalten, mit Themen wie Musik, Filmen oder anderen Hobbies. Klingt nicht weltbewegend, ist aber Teil des Engagements. Kerstin ist 16 Jahre alt und ein so genannter Peer beim Roten Kreuz. In dieser Funktion und im Rahmen der Initiative "time4friends" nimmt sie Anrufe von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Beweggründen und Problemen entgegen. In einem Peersystem begegnen sich HelferInnen und HilfesuchendeR auf Augenhöhe, das bedeutet, dass sie sich zumeist in derselben Position oder Altersgruppe befinden.
"Die meisten AnruferInnen, wählen die Hotline aus Langeweile und weil sie einfach jemanden zum Reden brauchen", so Kerstin. Aber auch Probleme in der Schule oder Familie sind Gründe die Nummer zu wählen. Eines ihrer größten Erfolgserlebnisse war etwa ein 13-jähriger Junge, der einen Fünfer auf eine Mathematikschularbeit geschrieben hatte und sich nicht traute, es seinen Eltern zu sagen. "Nach dem Telefonat hatte ich ihn aber so weit, dass er sich mit seinen Eltern zusammensetzte", erzählt Kerstin.
Grundausbildung für Peers
150 effektiv geführte Gespräche im Monat österreichweit würden den Bedarf des Projekts "time4friends" aufzeigen, sagt Projektleiter Markus Bankhofer vom Roten Kreuz. Durchschnittlich würden die dreißig Peers fünf Minuten mit den AnruferInnen telefonieren. Dabei nutzen die Jugendlichen zur Verfügung gestellte Mobiltelefone und können von zu Hause aus agieren. Um auf die Aufgabe vorbereitet zu sein, müssen alle jugendlichen MitarbeiterInnen vor ihrem ersten Dienst eine Grundausbildung absolvieren.
Diese findet einmal pro Jahr statt und dauert vier Tage. Kerstins Erfahrungen bei ihrer Ausbildung vor etwa einem Jahr: "Die Atmosphäre unter den Jugendlichen war total locker, aber wir haben auch viel gelernt", so die Schülerin. So mussten sie sich etwa in Gruppen Themen für die sogenannten "Langeweile-AnruferInnen" überlegen. "Dabei sind wir schnell zu dem Schluss gekommen, dass Politik nicht das passende Gesprächsthema wäre, weil es viel zu viel Konfliktpotential beinhaltet", erzählt Kerstin.
Weiterleitung an PsychologInnen
Laut Markus Bankhofer würden den Jugendlichen außerdem grundlegende Kommunikationsskills und der Umgang mit den Themen Suizid, Essstörungen und Suchtprävention beigebracht werden. Falls sich ein Peer bei einem Telefonat überfordert fühle, könne er oder sie das Gespräch auch an eine andere Einrichtung wie Rat auf Draht weiterleiten. Von dieser Möglichkeit würden aber nur wenige Freiwillige Gebrauch machen: "Im Jahr 2010 wurde zwei Mal an PsychologInnen weitergeleitet", so Bankhofer.
Zusätzlich dazu hätten auch die freiwilligen Jugendlichen die Möglichkeit über ihre Probleme und Belastungen bei sogenannten Peertreffen zu reden. "Viermal im Jahr setzen wir uns dann an einem Abend zusammen und haben eine Supervision bei Psychologen", erzählt Kerstin. "Da dürfen dann endlich wir sprechen", sagt sie und lacht.
Am Telefon melden sich die Peers mit dem Vornamen, alle anderen Daten bleiben geheim. "Da halten wir unsere Hand darüber", so Bankhofer. Nur den Aufenthaltsort würde Kerstin immer noch verraten: "Da die Peers über ganz Österreich verteilt sind, denke ich, dass es die AnruferInnen interessiert, wo sie gelandet sind." Außerdem legt Bankhofer großen Wert darauf, dass "time4friends" keine Beratungshotline ist und nicht zur Intervention gedacht ist, sondern als Ansprechstelle dient, bei der vielmehr präventiv gearbeitet wird.
Mehr Anrufe vor dem Zeugnistag
Im Jahresverlauf würden sich die Themen der AnruferInnen ähneln: Probleme mit Freunden, Familie oder einfach Langeweile. Nur vor den Zeugnistagen ließe sich eine Kurve nach oben erkennen: "Dann geht es meistens darum, dass die Kinder Leistungsdruck spüren und nicht mit den Eltern über schlechte Noten sprechen wollen", so Bankhofer. Im Sommer sei dann aufgrund der Ferien weniger los, was sich Ende August aber wieder ändere. Auch zu Weihnachten würden mehr Anrufe eingehen: "Dann sind manche Kinder und Jugendliche alleine und brauchen jemanden zum Reden", sagt der Projektleiter.
Manchmal komme es auch vor, dass Spaßanrufe bei Kerstin eingehen. "Die erkennt man daran, dass man im Hintergrund schon die Freunde lachen hört." Sie würde aber trotzdem ruhig bleiben und zuhören, denn "man kann ja nie wissen, ob es nicht wirklich ernst ist". Bis sie achtzehn Jahren alt ist, darf Kerstin bei "time4friends" mitmachen, dann ist die Altersgrenze erreicht. Aber auch in Zukunft dürfte ihr dieses Engagement helfen, denn "Freiwilligenarbeit sieht auch im Lebenslauf gut aus". Bankhofer glaubt außerdem, dass sich durch solche Projekte mehr Jugendliche für die Freiwilligenarbeit begeistern lassen: "Wir sehen, dass sich junge Menschen vor allem projektbezogen und zeitlich begrenzt engagieren wollen." (Bianca Blei, derStandard.at, 8.3.2011)
Info:
time4friends gibt es seit 2003 und ist täglich von 18:00 bis 22:00 Uhr unter 0800 664 530 erreichbar. Freiwillige HelferInnen werden immer wieder gesucht. Dabei sollte alle zwei Wochen ein Dienst von vier Stunden absolviert werden. Die HelferInnen müssen zwischen 15 und 18 Jahren alt sein.
Link:
time4friends online