Volkskongress

Chinas Quadratur des Kreises

Johnny Erling aus Peking, 7. März 2011, 18:15

Der chinesische Volkskongress entscheidet in diesen Tagen über den neuen Fünfjahresplan - Darin versucht die kommunistische Führung eine wirtschaftspolitische Systemumstellung - Mit vorerst ungewissem Ausgang

Der Vizechef des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes Zhang Mingqi war um eine Antwort verlegen. Der von Chinas KP eingesetzte Arbeiterführer und Delegierte in Chinas Parlament konnte nicht erklären, warum im Fünfjahresplan 2011 bis 2015 die Schaffung von nur 45 Millionen neuen städtischen Arbeitsplätzen vorgesehen war. Er sagte bei seiner Pressekonferenz: "Ich weiß nicht, warum die Zahlen so niedrig angesetzt sind."

Chinas Staatsplaner hatten bei der Verfassung ihres neuen Fünfjahresplans, mit dessen Vorstellung Premier Wen Jiabao am Wochenende den acht Tage dauernden Pekinger Volkskongress eröffnete, offenbar die Gewerkschaften gar nicht erst konsultiert. Xu Xianping, einer der Vizechefs der Staatsplanung, bestätigte die neuen Zahlen: Jedes Jahr sollen neun Millionen reguläre städtische Arbeitsplätze und acht Millionen feste Jobs in den Städten für zugewanderte Bauernarbeiter geschaffen werden. In fünf Jahren kommen so 85 Millionen neue Arbeitsplätze zusammen, eine scheinbar gigantische Zahl. Für 1,35 Milliarden Chinesen reicht sie bei weitem nicht aus. Jährlich drängen 15 bis 20 Millionen Menschen neu auf den Arbeitsmarkt, verlassen sechs bis sieben Millionen Absolventen die Hochschulen, wollen mindestens zehn Prozent der 145 Millionen auf Arbeitssuche in die Städte strömenden Bauern auch dort bleiben. Die Kluft zwischen Nachfrage nach Arbeit und Bedarfsdeckung wird immer größer.

Turbowachstum

In den vergangenen fünf Jahren seines Turbowachstums war es Peking gelungen, trotz Weltwirtschaftskrise 102 Millionen neue Jobs zu schaffen. Darunter waren 57,7 Millionen reguläre städtische Arbeitsplätze und 45 Millionen langfristige Jobs für Landflüchtige. Peking pumpte mit Sonderfinanzierungen und einer Kreditflut so gewaltige Investitionen in den Aufbau des Landes, dass die Konjunktur überdrehte. Allein im Eisenbahnbau, bei dem tausende Kilometer an Highspeedstrecken gebaut wurden, fanden sechs Millionen Menschen Arbeit. Die Folgen zeigen sich jetzt: Bei der extrem schnell gebauten, überschuldeten Hightech-Bahn wird ihre technische Sicherheit infrage gestellt. Zugleich kommt ein Sumpf an Korruption zutage. Eisenbahnminister Liu Zhijun und sein Chefprojekt-Leiter sind bereits verhaftet worden.

Mit diesen Problemen schlägt sich China in jenem Moment herum, wo es dabei ist, eine wirtschaftspolitische Wende einzuleiten: Es will und muss sich von seinem Wachstum von durchschnittlich 11,2 Prozent jährlich in den vergangenen fünf Jahren verabschieden. Im neuen Fünfjahresplan will es sein Wachstum auf durchschnittlich sieben Prozent dämpfen. Das ist der Preis und Voraussetzung dafür, dass China auf die Gleise einer binnenmarktorientierten, unweltverträglichen und ressourcenschonenden Wirtschaft umgelenkt werden kann.

Pekings Führung versucht sich damit allerdings an der Quadratur des Kreises. Nach außen punktet sie mit Erfolgen als zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Aber nach innen weiß sie, dass sie künftig mit langsamerem Wachstum weniger verteilen kann. Wen aber sagt das Gegenteil. Er will Geld ausgeben, um die krassen Einkommensunterschiede zu überwinden. Er verspricht den Bau von 36 Millionen Sozialwohnungen, will ein breites Sozialnetz knüpfen lassen, investiert in den Ausbau regenerativer Energien und sprunghaft erhöhte Getreide-Ankaufspreise für die Bauern. Vor dem Volkskongress benannte Wen selbstkritisch Probleme, die Chinas Bevölkerung erzürnen - von verschärfter Inflation, exorbitanten Immobilienpreisen, Sozialkonflikten durch illegale Bodenenteignungen bis zu Nahrungsmittelsskandalen und Korruption.

Wen will dagegen aber nicht mit politischen Reformen, sondern mit mehr Kontrolle vorgehen. Die völlig überzogenen Reaktionen auf die "Jasminspaziergänge" zeigen, wie hoch Peking die Gefahren einschätzt, dass sich innere Konflikte am latenten Unmut entzünden könnten. (Johnny Erling aus Peking, STANDARD-Printausgabe, 08.03.2011)

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20 Postings
mistvieh666
 
01

china macht halt jetzt das, was die gutmenschen bei uns fordern. inlandsnachfrage steigern, soziale gerechtigkeit verbessern.
dummerweise kann man dann halt nicht mehr mit einer investitionsquote von 40% fahren - das ist 3 mal so hoch wie bei uns in europa und der hauptgrund fuer das wirtschaftswachstum der letzten 30 jahre - weil die leut das geld ja nicht mehr investieren (also den reichen geben) sondern selber verbrauchen wollen.
eine kluge entscheidung, exportorientierung zurueckfahren, inlandsnachfrage steigern, ja, so sind auch japan und taiwan gross geworden.
ich hoffe nur, ehrlich, dass china weiterhin alle revolutionaere sofort niederknueppelt und seinen erfolg nicht von irgendwelchen spinnern gefaehrden laesst.

ChrisTom
01
Liebe China-Ängstler,

warum geht Ihr eigentlich im Grunde immer davon aus dass wir (die im Westen) es richtig oder besser machen?
Und ja, die Zeit des weißen Mannes ist vorbei, und das ist gut so. Wir befinden uns jetzt, von unserer Warte gesehen, am tatsächlichen Ende der Kolonialzeit.
Warum ist es gut so? Weil dies Veränderung bedeutet, und Veränderung ist, was diese Welt braucht.
Die 2008er Pakete waren doch nur Wiederbelebungsversuche am alten System.
Krachen soll es, und richtig, nur dann tut sich was.

aber sicher
 
14

das größte problem ist doch ein soziales:
durch die ein-kind-politik sinkt das verhältnis frauen zu männer in der chin. gesellschaft ins bodenlose - DAS ist ein pulverfass sondergleichen. wenn die (v.a. jüngeren) männer dann noch alle arbeitslos sein sollten, dann können alle umliegenden staaten einpacken...

Warentester
02

Ja, aber noch kein Vergleich zu dem was ohne Ein-Kind-Politik los wäre.

xx Hour1
00

die junge mnänner ohne frauen können 1-2 stunden fliegen und dann sind in Thailand, Burma, indonesien, phillipinien und dort findn sie genug frauen.
Arbeitslosigkeit ist auch mit 7% wachstum kein problem.

Lord Chaos
00

Das ist ein Problem Chinas, aber bei weitem nicht das Grösste!

JBird
 
00

Ist ein zusätzliches Problem dann nicht auch, dass die chinesische Bevölkerung viel schneller altert?

el dus
 
00
Echt, Chinesen altern schneller als unsereins?

gremat
01
Oida - die Zahlen

Weiss ich nicht ob das zum Lachen oder zum Fürchten ist.

"Able Danger"
42
Planwirtschaft funktioniert doch

kann man da nur sagen.

Jo eh...
22

China hat keine Planwirtschaft. Die produktivsten Bereiche in China sind alles Dependancen von kapitalistischen Unternehmen aus dem Ausland.

Die Stimme des Marktes
46
Abwarten...

Der große Knall folgt unvermeidlich - je länger sie den Daumen drauf halten, um so schlimmer wird's...
Warum? Weil die Gesetze der Schwerkraft nicht außer Kraft gesetzt werden können, selbst wenn's kurzfristig so aussieht...

Warentester
10

Ja, mittelfristig wird das sicher spannend ob sie die Kurve kriegen (wobei ich das nicht vollkommen ausschließen möchte). Wichtig ist nur, das sie vorher noch die USA und ihre Vasallen erledigen. Aber diesbzgl. schaut's eh gut aus.

beowulf2
 
42

Sagt wer? Die Stimme des Marktes? Glauben sie an die unsichtbare Hand, die uns weißen Mann doch noch zum Gott gegebenen Recht verhelfen wird?

Lord Chaos
00

Es ist ziemlich egal ob sie es 'unsichtbare hand', 'Gesetz des Marktes', 'Wirtschaftswissenschaften' oder sonstwie nennnen. Es sind die grundlegenden wirtschaftlichen Regeln. Diese gelten auch wenn sie von marx und Mao nicht erkannt bzw erwähnt wurden.
Aber auch schon die Kommunisten in der UDSSR, Osteuropa, Kuba, usw waren der fixen Meinung sich damit nicht auseinandersetzen zu müssen.

Hardcoreboson
10
und ob sie es glauben oder nicht

fuer die welt als ganzes war das sogar gut, das die KP es geschafft hat den anschein einer boomenden wirtschaft zu wahren, den es bedeutet das china anti-zyklisch probleme kriegen wird. (was auch nicht toll ist, aber immerhin das kleinere uebel, in dem fall - sozial-politische fragen mal ausgespart).

beowulf2
 
02
Seit über 10 Jahren kann man sich schon fast täglich Prophezeiungen über ein Platzen der China-Blase anhören.

Zumeist kommen sie aus der rechts-rechten Ecke. Der China "Experte" von Glenn Beck hat da schon x Bücher drüber geschrieben und wird begeistert (auch von öffentlichen Glenn Beck Kritikern) immer wieder zitiert und herangezogen.

Ich finde das ganze so lächerlich. Einmal ist China die furchtbare Wirtschaftsmacht die uns alle aufkaufen wird und ein anderes mal eine reine "Blase" die eher heute als morgen platzen wird. Je nachdem wie mans gerade braucht (China als Bedrohung darstellen oder als unsicheren Markt) wird von diesen "China" Freunden jedes Klischee herzhaft bedient.

Die Stimme des Marktes
00
2001 hat Greenspan durch lockere Geldpolitik...

...eine Rezession verhindert/stark abgemildert - dann haben wir 7 Jahre lang geglaubt, daß wir uns in der "post-konjunkturellen" Zeit befinden, daß uns ein "Superzyklus" jahrzehntelanges permanentes Wachstum bescheren wird - dann kam der Crash, der um ein Vielfaches härter ausgefallen ist als die 2001er-Rezession, wenn man sie nur zugelassen hätte. So ist es jetzt auch in China - es gibt Tausende eigentlich konkursreife Firmen, die fröhlich weiterwursteln, weil die Regierung den Banken verbietet, den Geldhahn abzudrehen. Firmen traden zu >50x EBIT an der Börse. Und es gibt ganze Geisterstädte vor lauter Immobilienprojekten (Spanien schau obe). Der Knall kommt. Vielleicht morgen, vielleicht in 5 Jahren. Je später, desto schlimmer.

Hardcoreboson
10
ich z.b.

es gibt hier zwei aspekte:
- der sozial/reformpolitische: allen schoenen reden zu trotz hat chinas fuehrung sei 10 jahren keine nachahltige politische reform geschafft. die fehlenden erfolge wurden mit restriktiveren vorgehen gegenueber jeder art von kritik ueberspielt. wenn chinas fuehrung hier nicht die kurve kriegt krachts.
- wirtschaftlich: schon vor 5 jahren vor der weltwirschaftskrise habe ich mit analysisten die china sehr gut kennen gesprochen, die damals all das was in der uebrigen welt spaeter passierte (faule kredite, immo-blase udgl) fuer china prognostizierten. nun hat sich alles konsulitiert ausser china. also ich denke das wird dort wohl auch noch passieren. (nicht passiert ist es ja ebenfalls wegen geschickter propaganda).

Die Stimme des Marktes
46
Es gibt kein System...

...das Zyklen ausschaltet.
Und wer sich über die zahlreichen tickenden Zeitbomben im chinesischen System (faule Kredite in Bankbüchern, Immobilien- & Aktienblasen, etc.) informieren will kann das auch problemlos tun.
Das hat mit weiß, gelb, braun, rot oder grün-lila-gestreift nicht das geringste zu tun...
Aber wenn Sie so gscheit sind: Investieren Sie Ihr gesamtes Vermögen in China und/oder wandern Sie aus und stellen Sie Ihre Arbeitskraft diesem "Wirtschaftswunder" zur Verfügung - dann können Sie mir's so RICHTIG zeigen... *ggg*

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