Der ORF legt ab 15. März in "Single mit Kind sucht" eine neue Doku-Soap nach - Programmentwicklerin Stefanie Groiss spricht über Wir-Gefühle, getäuschte Zuschauer und Vorführeffekte
STANDARD: Die Grundidee von "Single mit Kind sucht" klingt wie "Dismissed" auf öffentlich-rechtlich. Die Kuppelshow wollte der ORF vor Jahren - damals vergeblich - von MTV übernehmen. Ein Neustart?
Groiss: Single mit Kind sucht ist eine Sendung, die Partnersuche dokumentiert, also etwas völlig anderes.
STANDARD: Einer wählt aus zweien, bei "Dismissed" saßen sie im Pool, hier wird die Wohnung geteilt.
Groiss: Dann ist Partnersuche im Leben weltweites Dismissed. Man sucht sich seine Partner nun einmal aus.
STANDARD: Aber wohl eher selten in dieser konzentrierten Form?
Groiss: Fernsehen ist ein Brennglas und verstärkt vieles. In dieser Erzählart braucht es Regeln, damit der Zuschauer die Geschichten leichter einordnen kann.
STANDARD: Die Regeln waren einer Kandidatin offenbar zu streng. Sie quartierte ihre Bewerber kurzerhand aus?
Groiss: Das muss das gute Recht der Protagonisten sein. Die Regeln sind ein Gerüst, um die Geschichte dramaturgisch richtig zu erzählen. Wenn nun ein Kandidat sagt, diese Regeln sind ihm zu eng, dann erzählen wir das als Teil dieser Geschichte.
STANDARD: Die Nerven scheinen eher gespannt. Eine Kandidatin hilft sich mehrmals mit der Schnapsflache. Wo liegt die Verantwortung des ORF?
Groiss: Wir können auf keinen Fall so weit gehen, dass wir einem Kandidaten sagen dürfen, was er machen darf und was nicht. Der dokumentarische Anspruch besteht darin, die Menschen möglichst wenig zu einer Darstellung zu verleiten. Der Witz in dieser konkreten Szene ist, dass ein Bewerber absoluter Antialkoholiker ist, für die Kandidatin ist das ein Thema. Das spielt für die Profilbildung eine Rolle, deshalb haben wir den Punkt herausgearbeitet.
STANDARD: In jeder Konstellation gibt es einen Sonderling. Der Vorwurf könnte fallen, dass Leute vorgeführt werden?
Groiss: Vorführen würde voraussetzen, dass jemand gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Das können wir ausschließen. Wir haben, wie bei allen Unterhaltungssendungen, in denen keine Profis vorkommen, eine Psychologin. Das Kamerateam ist überdies sehr präsent. Jeder weiß, dass er aufgenommen wird.
STANDARD: Wo es doch immer heißt, Protagonisten vergessen die Kamera irgendwann?
Groiss: Das passiert, wenn ein Kamerateam nicht mit großem Licht anrückt und im Wohnzimmer Schienen legt, sondern "fly on the wall", also sehr viel unauffälliger arbeitet. Wie bei jeder Reportage. Dann vergessen viele die Kamera. Das heißt aber nicht, dass sie sich vergessen.
STANDARD: Ziel ist maximale Authentizität. Warum ist die wichtig?
Groiss: Es geht darum, dieses Du und Du im Alltag darzustellen. Die Tatsache, dass Menschen ihre Geschichten teilen wollen, ist es oft wert, eine Sendung zu machen.
STANDARD: Warum hat der Zuschauer ein Bedürfnis nach Authentizität?
Groiss: Je authentischer eine Geschichte ist, umso leichter kann sie der Zuschauer nachvollziehen, erst dann ist sie gut und wird auch angenommen
STANDARD: Die Zuschauer wissen, dass das Gebotene Regeln folgt. Gibt es die Bereitschaft zur Täuschung?
Groiss: Die Zuschauer wollen gut unterhalten werden. Das Doku-Soap-Publikum ist inhomogen. Ein wichtiger Faktor ist das Gefühl zu haben: So geht es mir auch.
STANDARD: Plötzlich ist der ORF der Meinung, dass er Doku-Soaps machen muss. Wie kam es dazu?
Groiss: Doku-Soaps sind für den ORF nicht neu. Das Besondere an der jetzigen Situation ist, dass das Genre in ORF 1 einen fixen Sendeplatz bekommen hat.
STANDARD: Konkurrenten machen das schon seit Jahren. Ist der Zug nicht abgefahren?
Groiss: Nein. Doku-Soaps sind keine Zeitgeisterscheinung. Das Format hat sich in den vergangenen Jahren als fixes Genre entwickelt, das in jedem modernen Vollprogramm Platz haben muss.
STANDARD: "Der Laden läuft" blieb für Beobachter unter den Erwartungen. Für Sie auch?
Groiss: Wir haben eine steigende Tendenz, das ist für uns im Moment das Wichtigste. Es dauert einfach, einen Sendeplatz umzubranden. Das haben wir auch gewusst. Das genre-affine Publikum braucht eine Weile um das neue Programm dort zu finden.
STANDARD: Wie lang darf sich das Publikum Zeit lassen?
Groiss: Anfang Juni, nach Single mit Kind sucht überlegen wir, wie wir uns weiterentwickeln. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 8.3.2011)
STEFANIE GROISS (34) arbeitet in der ORF-Programmplanung und verantwortet mit Dodo Roscic Doku-Soaps.