Robert Newman: "Nichts kann schlimmer sein, als jemanden aus der Therapie rauszuwerfen"
Graz - Obwohl seit Jahrzehnten erprobt und wirksam, ist die Substitutionstherapie bei Opiatabhängigkeit immer wieder umstritten.
Völlig zu Unrecht, meint Robert Newman, unter anderem Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften am Albert Einstein College of Medicine in New York. "Drogensucht ist wie Diabetes. Die Hauptsache ist, die Abhängigen
kommen in eine Behandlung und bleiben auch dort", meinte der Experte im Rahmen eines Fachseminars zur Therapie von Drogenabhängigen am vergangenen Wochenende im steirischen Grundlsee.
Mischkonsum am gefährlichsten
In Österreich gibt es laut Schätzungen zwischen 25.000 und 37.000 Menschen mit problematischem Suchtgiftkonsum. Am gefährdetsten sind Menschen, die sich Opiate injizieren und Mischkonsum verschiedenster Substanzen betreiben.
2009 waren bereits rund 13.500 Opiatabhängige in Substitutionstherapie. Sie bekamen vom Arzt Substanzen die Methadon, Buprenorphin oder retardierte Morphine verschrieben. Das stabilisiert die Patienten, bringt sie weg vom Drogen-Schwarzmarkt. In Wien dürften bereits an die 70 Prozent der infrage kommenden Personen in Therapie sein, für Österreich ist liegt dieser Anteil aber offenbar darunter.
Robert Newman, der schon in den 1970er-Jahren in New York ein Drogensubstitutionsprogramm aufbaute, in dem mehr als 33.000 Patienten registriert waren: "In Europa sind schon eine Million Suchtkranke in Substitutionsbehandlung. Doch noch immer ist die 'Methadon-Behandlung' oder Substitution mit anderen Substanzen sehr stark stigmatisiert. Das ist falsch."
Drohungen
Oft würden Abhängige unter Drohungen gesetzt. Der Arzt, ehemals Chef einer Krankenhauskette mit 2,2 Mrd. US-Dollar Umsatz in New York: "Wenn zum Beispiel Drogenkranke unter Substitutionstherapie noch zusätzlich andere Drogen konsumieren, bedroht man sie oft mit dem Rausschmiss aus der Substitutionstherapie. Aber wenn ein Diabetiker Probleme mit seiner Blutzuckereinstellung hat, dann ändert man eben etwas an der Verschreibung von Insulin. Die tatsächliche Gefahr ist, dass den Drogenkranken die Behandlung einfach 'abgedreht' werden soll. Nichts kann eigentlich schlimmer sein, als jemanden aus der Therapie rauszuwerfen."
Möglichst viele verschiedene Opiat-Substitutionsmittel
Für Newman ist die Therapie von Drogenabhängigen die einzige Möglichkeit, diese chronische Erkrankung in den Griff zu bekommen. "Es ist immer nur die Frage, was die Alternative zu einer Behandlung ist. Und die ist immer die schlimmere. Wir brauchen möglichst viele verschiedene Opiat-Substitutionsmittel. Wir sind ja auch froh, dass wir für verschiedene Patienten unterschiedliche Mittel zur Behandlung des Diabetes haben. Die Entscheidung für die eine oder die andere Therapie muss der Arzt gemeinsam mit dem Patienten treffen. Man kann in der Drogenersatzbehandlung auch nicht von oben herab bestimmte Medikamente einfach vorschreiben."
85 Prozent in den USA ohne Therapie
Obwohl zum Beispiel in New York schon in den 1970er-Jahren mit einem "Methadon-Programm" begonnen wurde, ist dieses Therapiefeld für Abhängige in den USA noch sehr lückenhaft. Newman: "Wir haben da in den USA nicht genügend Fortschritte gemacht. Nach wie vor sind in den Vereinigten Staaten nur 15 Prozent dieser Schwerkranken in Behandlung. 85 Prozent bekommen keine Therapie. Das ist nicht zu rechtfertigen."
Die Aus- und Fortbildung von niedergelassenen Ärzten in Belangen der Opiat-Substitutionstherapie in Österreich ist von großer Bedeutung, da sie einen Großteil der Patienten betreuen. Doch dieses Netzwerk ist in den vergangenen Jahren offenbar in zahlreichen Regionen - zum Beispiel in Niederösterreich und in Oberösterreich - löchrig geworden.
Viele Beruhigungsmittel
Gabriele Fischer, Chefin der Drogenambulanz an der Universitätsklinik für Psychiatrie der MedUni Wien (AKH), verwies auf Charakteristika für die Situation in Österreich: "Noch immer werden vielen Patienten zusätzlich viel an Beruhigungsmitteln verschrieben. Das sollte nicht sein. Da kann es dann durch den Mischkonsum zu Todesfällen kommen."
In Österreich sind rund 70 Prozent der Opiatabhängigen in der Substitutionsbehandlung mit retardierten Morphinen. Auch das sei international ein Spezifikum, sagte die Expertin. Daneben gibt es vor allem Buprenorphin und das Uralt-Substitutionsmittel Methadon.
Letzteres wird jedoch von manchen Patienten nicht gut vertragen. Fischer: "Wir bekommen jetzt in Österreich ein 'purifiziertes' Methadon (Polamidon, Anm.). In Deutschland gibt es das schon länger. Das hat weniger Nebenwirkungen." Herkömmliches Methadon kann zu Herzrhythmusstörungen führen, das neue Medikament soll dieses Risiko nicht aufweisen. Fischer: "Das ist besonders wichtig für die zunehmende Zahl der
Opiatabhängigen im höheren Alter." Auch das beweist den hohen Wert
dieser Behandlung: Die Betroffenen überleben Jahrzehnte mit ihrer
chronischen Erkrankung.
Zunehmende Zahl der Opiatabhängigen im höheren Alter
Bei dem Seminar verwies der Grazer Strafrechtler Richard Soyer in seinem Vortrag auch auf die Problematik der Abhängigkeit im Strafvollzug. Von rund 8.500 Gefängnisinsassen in Österreich seien 30 bis 60 Prozent drogenabhängig. Mit Stichtag 1. Oktober 2009 hätten sich 811 Häftlinge oder 9,6 Prozent in Substitutionsbehandlung befunden.
Die Kosten sind gering. 2007 - so der Experte - gab es pro Inhaftierten und Jahr Kosten von rund 32.500 Euro (2010: rund 37.000 Euro). Im Durchschnitt betrugen die Aufwendungen für die Substitutionstherapie während der Haft im Jahr 2007 im Durchschnitt 1.950 Euro für ein Jahr. (red/APA)