STANDARD-Reportage

Betteln gegen das Bettelverbot

6. März 2011, 19:39

Massenbetteln als Zeichen des Widerstands der Zivilgesellschaft: In Linz folgten 300 Bürger einem Aufruf der Bettellobby

Linz - Die Menschenschlange windet sich zwischen Passanten durch, die an diesem fast schon frühlingshaft sonnigen Samstagnachmittag zum Shoppen zwischen Passage-Center und Taubenmarkt unterwegs sind. Hunderte Hände dringen aus dem Körper der Schlange, strecken den Einkaufswütigen Pappteller entgegen, damit diese eine kleine Spende darauflegen. Die "Bettellobby OÖ" hatte zum "1. Linzer Massenbetteln" in der Innenstadt aufgerufen. Und 300 Menschen folgten dem Appell.

Auch wenn - im Gegensatz zur Steiermark - das Betteln in Oberösterreich nicht generell untersagt werden soll, protestierten die Demonstranten gegen die geplante Änderung des Polizeistrafgesetzes. Am Donnerstag wird es im Landtag beschlossen. Oberösterreich hat dann als eines der letzten Bundesländer ein eigenes Gesetz, das aggressives und organisiertes Betteln unter Strafe stellt. Nur im Burgenland gibt es noch keine entsprechende Regelung.

"Ich sehe das nicht ein, ich wurde noch nie von einem Bettler belästigt", regt sich eine 76-jährige Demonstrantin auf. Sie lebt im Stadtteil Urfahr in einer Wohngemeinschaft für betreutes Wohnen. Mit dem Gesetz würden nur weiter Ängste geschürt, meint die Pensionistin. Ihre Mitbewohner trauten sich schon jetzt am Abend, wenn es dunkel wird, nicht mehr auf die Straße. "Nun wollen uns die Politiker einreden, dass die Armen für uns eine Gefahr sind", ärgert sie sich. Ganz anderer Meinung ist ein Gastronom aus Amstetten. Er will von Bettlerbanden wissen, "die morgens immer in Bussen angekarrt und abends wieder eingesammelt werden". Deshalb sieht er das organisierte Betteln sehr wohl als ein Problem und hält ein Verbot für nötig.

Rote und grüne Bedenken

ÖVP und FPÖ werden dem Gesetzesentwurf im Landtag zustimmen. Quasi in letzter Minute ist die SPÖ abgesprungen. Grundsätzlich sei seine Partei zwar bereit gewesen, organisiertes und aggressives Betteln zu verbieten, doch die vorgelegte Gesetzesnovelle sei "überhastet, unausgegoren, überzogen und verfassungsrechtlich bedenklich", erklärt Oberösterreichs SPÖ-Klubchef Karl Frais. Ebenso wie die Grünen, die von Anfang an gegen das Verbot auftraten, stoßen sich die Sozialdemokraten an einem laut Novelle "wesentlichen Punkt". Das neue Polizeistrafgesetz sieht vor, dass die Einhaltung des Gesetzes nicht nur von der Exekutive, sondern auch von "Mitgliedern eines Gemeindewachkörpers und besonderer Aufsichtsorgane" (Anm.: private Wachdienste) kontrolliert wird. In Linz könne damit der Ordnungsdienst "Strafkompetenzen" erhalten, kritisiert Frais. Damit, so rechnen die Grünen, werden die Freiheitlichen neuerlich einen Anlauf nehmen, um eine Bewaffnung des Ordnungsdienstes zu verlangen. Die Linzer Stadtwache wurde auf Drängen des Sicherheitsstadtrates Detlef Wimmer (FPÖ) 2010 geschaffen.

Jetzt einfach "widerstandslos" die Änderung des Gesetzes hinnehmen, das wollte Christian Diabl nicht. So gründete er vor zehn Tagen die "Bettellobby OÖ". Denn: "Betteln ist ein Menschenrecht für Menschen in Not. Niemand bettelt freiwillig", sagt er. Mittlerweile unterstützen 64 Vereine und Organisationen "quer durch die Gesellschaft" seine Initiative. Darunter etwa die katholische Aktion, die evangelische Jugend und die Volkshilfe.

Suppe für die "Bettler"

Aber auch Hubert von Goisern und Karl Merkatz solidarisierten sich - und eine Linzerin, die vor dem Passage-Center steht. Auch wenn sie nicht mit einem Pappteller in den Händen um eine milde Gabe bittet, stehe sie doch "hinter der Aktion". Dass die ÖVP für ein Bettelverbot eintrete, zeige ihr, dass sich die Volkspartei "von ihren christlichen Werten verabschiedet hat". Langsam löst sich die Menschenschlange auf. Nach dem die Sonne hinter den hohen Häuserzeilen verschwunden ist, fröstelt es die "Bettler" ordentlich. Am Taubenmarkt erfolgt die Ausspeisung einer wärmenden Armensuppe. (Kerstin Scheller/DER STANDARD-Printausgabe, 7.3.2011)

Kommentar posten
12 Postings
1116er
13
nachdem sich övp und fpö so massiv für ein bettelverbot einsetzen,

lässt das den schluss zu, dass sie von bettlern immer wieder 'belästigt' werden.

das finde ich gut!
övp und fpö können gar nicht oft genug belästigt werden!

Zitronenbaum
00

Mal so zwischendurch gefragt:
Diese Bettlerbanden, sie solls ja wirklich geben - kann man nicht gegen die was machen und alle anderen in Ruhe lassen? D:
Ich könnt' außerdem Gift und Galle spucken wenn ich seh, dass Leute Kinder zum Betteln vorschicken und dann abseits stehen und zuschauen. Wie kann man Kinder so missbrauchen? D:< Und ich mein jetzt keine Leute, denen es tatsächlich schlecht geht sondern offensichtlichen Nichtbedürftigen.

Ndugu
13
Ich sage dagegen: Danke, liebe Bettellobby!

Bettelverbot hat aber schon gar nix mit Alkoholverbot für Kinder, Falschparken, oder Tempolimit zu tun.
Die Politiker, die ein Bettelverbot unterstützen, sollten sich schämen! Ich schäme mich für Österreich! Peinlich und menschenfeindlich, so wird Österreich immer mehr - denkt's bitte daran, liebe Mitmenschen, dass nicht Hinschauen wollen nur der erste Schritt zum Mitlaufen, und später zum "Entsorgen" ist...

Wolfgang Ullram
01
hallo?

demokratie
heißt, das recht geht vom volk, bzw. dessen vertreter aus.

wenn die ein gesetz beschließen, und der vfgh es gutheißt, ist es so.

man kann gegen jedes gesetz sein.
suchen sie sich eine mehrheit aus und lassen sie ihre ihnen genehme gesetze beschließen.

derzeit ist es so, dass es verboten ist/wird.

alles andere ist undemokratisch.

net alle gesetze sind allen genehm, das ist eben so
lernens damit zu leben, oder suchen sie sich ein land, wo ALLE gesetze so sind wie sie ihnen passen, viel vergnügen dabei
bis dahin

love it
change it
or leave it

Wolfgang Ullram
22
ahja

wann kommt

falschparken gegen das falschparkverbot

tempolimit überschreiten gegen das tempolimit

jugendliche saufen gegen das alkoholverbot für jugendliche

usw.

tja aktionismus könnte es nicht nur bei der vom standard verordneten p.c. geben , sondern auch bei themen, wo der standard nicht so dafür ist.

wie wohl da die berichterstattung wäre?

man darf gespannt sein.

1116er
00
bei den von ihnen angeführten beispielen

gibt es als nebeneffekt immer auch eine behinderung/gefährdung von anderen oder dem akteur selbst.

wo ist diese behinderung/gefährdung beim betteln?

Marlon62
01
Bumsen für die Unschuld

Maria Neuhold
00
Bettelverbot in Graz

Wir in Graz haben inzwischen unsere "Amtskirche" zu einer Stellungnahme bewegen können, das betteln auf Kirchengrund (wie auch auf Privatgrund von Supermarktketten) ist weiterhin erlaubt; ein Etappensieg.
Hier der genaue Wortlaut:
Folgende Stellungnahme hat mir Bischofsvikar Dr. Schnuderl soeben übermittelt, als Antwort auf meine schriftlich an ihn, den Bischof ua. gerichtete Bitte, die Kirche möge Plätze, die nicht der Stadt Graz gehören, sondern in ihrem eigenen Besitz sind, für bettelnde Menschen öffnen, bezw weiterhin offen halten.



Stellungnahme zu aktuellen Bettlerdebatte

Dechantenkonferenz, Priesterrat und Diözesanrat, 2011-03-01-05







Nach einem Wort des Evangeliums begegnet uns in Menschen, die in Not geraten sind, Christus selber. Seit jeher

WLG
10

bei der Zeichenbeschränkung wäre ein link vielleicht sinnvoller gewesen...

trollvottel
00

Echt?
Mich hat damals Pfarrer Knopper aus der Stiegenkirche zum Atheisten gemacht:
Ich sollte da (mit so 13 Jahren) ministrieren, auf den Stufen sitzt ein Bettler; der Pfarrer kommt raus, schreit den Typen an (Privatgrund! Kircheneigentum! Polizei! Anzeige!), der Bettler flüchtet, der Pfarrer hetzt in die Kirche ... und hält vor den üblichen 2 Besuchern eine Predigt ausgerechnet über Barmherzigkeit. Mir hat's den Magen umgedreht, ab diesem Zeitpunkt hielt ich die alle nur noch für Heuchler.

tignosa
00
hat der Abt von der Franziskanerkirche in Salzburg auch gemacht

der Ordensgründer rotiert wohl im Grab...
Atheistin bin ich deshalb keine geworden, doch: an ihren Zeichen sollt ihr sie erkennen! Wenn Sie eine sozial engagierte Kirche wollen, halten Sie sich am besten an die Methodisten!

a_kep
 
03
Bilder

Fotos vom 1. Linzer Massenbetteln gibts unter
http://www.subtext.at/2011/03/f... enbetteln/

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.