Ex-General: Fühle mich nicht schuldig
Sarajevo - Mehrere tausend Einwohner Sarajevos haben sich am
Samstag zu einem Protest im Stadtzentrum eingefunden, um ihren Unmut
über die Festnahme des pensionierten Generals Jovan Divjak am
Donnerstagabend in Wien zu bekunden. Die Protestkundgebung wurde für
13.00 Uhr vor dem Sitz der österreichischen Botschaft einberufen, die
Demonstranten hielten sich dort aber nur kurz auf und setzten den
Protest vor dem Gebäude des Staatspräsidiums fort.
Die mit Trillerpfeifen und Spruchbändern ausgerüsteten
Demonstranten marschierten danach durch das Stadtzentrum, um dem
"Helden der Verteidigung Sarajevos" während des Bosnien-Krieges
(1992-1995) ihre Unterstützung zu bekunden. "Jovo, Jovo das Volk ist
mit dir!", wurde immer wieder von Demonstranten ausgerufen.
"Gerechtigkeit für Onkel Jovo", stand auf einem Plakat über einem
großen roten Herz. Rund 5.000 Protestierende machten laut
Medienberichten auch vor dem Parlament einen Zwischenstopp, wo sie
von der Polizei daran gehindert wurden, sich dem Gebäude zu nähern.
Divjak, der einzige hohe serbische Offizier, der sich im
Bosnien-Krieg der vorwiegend bosniakischen (muslimischen) Armee BiH
anschloss, war einer der beliebtesten Kriegskommandanten. Seit
Kriegsende ist der in Belgrad geborene pensionierte General in
nichtstaatlichen Organisationen tätig.
Er fühle sich nicht schuldig wegen der Geschehnisse in der
Dobrovoljacka-Straße, verkündete der 73-jährige Divjak in einer
Botschaft an seine Landsleute, die am Freitagabend vom bosnischen
Botschafter in Österreich, Haris Hrle, im Fernsehsender FTV verlesen
wurde. Er bedankte sich gleichzeitig bei allen, die bemüht sind, auf
dem "Rechtsweg das entstandene Problem" zu lösen. "Ich beteuere euch,
dass die Wahrheit und Gerechtigkeit dieses Mal siegen werden",
verkündete Divjak in seiner Botschaft.
Die bosnische Staatsanwaltschaft hatte am Freitag das Verfahren
eingeleitet, um die Auslieferung Divjaks, der sich in Korneuburg in
Auslieferungshaft befindet, an Sarajevo zu beantragen. Laut
Botschafter Hrle hat man bereits Gespräche mit Anwälten und
Auslieferungsexperten, die im Fall Divjak engagiert werden sollen,
aufgenommen.
Die serbischen Behörden lasten Divjak und weiteren 18 bosnischen
Bürgern einen Angriff auf die Anfang Mai 1992 aus Sarajevo
abziehenden jugoslawischen Streitkräfte an. Divjak würden Verbrechen gegen Kriegsgefangene und die gesetzwidrige Tötung von
Feinden vorgeworfen, meldete die staatliche Presseagentur Tanjug am
Freitag.
Wegen derselben Vorwürfe war vor gerade einem Jahr auf dem
Londoner Flughafen Heathrow das ehemalige Mitglied des bosnischen
Kriegspräsidiums, Ejup Ganic, festgenommen worden. Das zuständige
Londoner Gericht hatte im Juli einen Auslieferungsantrag Belgrads
zurückgewiesen.
Ermittlungen über die Geschehnisse in der Dobrovoljacka-Straße, wo
es zum Angriff auf die jugoslawischen Soldaten kam, werden seit
Jahren auch in Sarajevo untersucht. Bisher wurde keine Anklage
erhoben. (APA)