Architekt T. Moser

"Wie viel Wohnen verträgt ein Gewerbegebiet?"

4. März 2011, 19:43
  • Artikelbild
    foto: privat

    Thomas Moser: "Die Architektenschaft hegt insgesamt mehr Sympathien für überörtliche Raumplanung."

Für den Innsbrucker Architekten Thomas Moser, bis vor kurzem Vorsitzender in der Architektenkammer, sind Speckgürtel an den Ortsrändern der falsche Weg

Für den Innsbrucker Architekten Thomas Moser, bis vor kurzem Vorsitzender in der Architektenkammer, sind Speckgürtel an den Ortsrändern der falsche Weg, wie er im Gespräch mit Verena Langegger erklärt. 

***

STANDARD: Wie groß ist der Bedarf an Gewerbegebieten wirklich?

Moser: Es besteht keinerlei Notwendigkeit, Gebiete öde zu verbauen - weder an der Gemeindegrenze, noch entlang von Autobahn und Eisenbahn. Meine Erfahrung zeigt, dass außerhalb von Gemeindestuben kein Mensch versteht, wieso in traumhaften Siedlungslagen an den Ortsrändern immer wieder solche Gewerbegebiete entstehen. Bestes Beispiel dafür ist das westliche Mittelgebirge bei Innsbruck.

STANDARD: Gibt es diesbezüglich raumplanerisch zu viel Kirchturmdenken in den Gemeindestuben?

Moser: Die Architektenschaft hegt insgesamt mehr Sympathien für überörtliche Raumplanung. Demgegenüber hat sie manchmal Probleme mit einer Raumplanung, die vorrangig einzelnen Ortsinteressen dient.

STANDARD: Fördert der Ausbau von Gewerbegebieten an den Ortsrändern das Veröden von Ortskernen?

Moser: Die Idee der ortsübergreifenden Zusammenlegung von Gewerbegebieten wurde schon vor Jahrzehnten geboren und wird von manchen Gemeinden bis heute praktiziert. Aber so selbstverständlich ist das Primat der geografischen Standorteignung nicht. Heute sollte man sich vor allem fragen: Wie viel Wohnen verträgt ein Gewerbegebiet? Welche Nutzungskonflikte sind überhaupt zu erwarten?

STANDARD: Welche Konflikte sind das?

Moser: Bei der Standortwahl hat man als Gewerbetreibender in erster Linie betriebliche Ansprüche. Dabei sind die Probleme in dichtbebauten Siedlungsgebieten oft unglaublich: Nachbarn beschweren sich über alles, was eines Tages eventuell eintreten könnte. Das führt zum Problem der Entmischung. Die Folge: Die Gewerbetreibenden flüchten an den Ortsrand. Ehemals landwirtschaftlich geprägte Dörfer mit ihren vielfältigen Funktionen verkommen damit immer mehr zum dekorativen Eigenheimhintergrund.

STANDARD: Wie lässt sich dieses Problem umgehen?

Moser: Natürlich haben auch Gewerbetreibende Verständnis für Siedlungsentwicklung und landschaftliche Schönheiten. Und es ist klar, dass Landgemeinden Gewerbegebiete für emittierende Betriebe brauchen. Allerdings benötigt nicht jede Gemeinde ein einzelnes Gewerbegebiet!

STANDARD: Was tun?

Moser: Spannend finde ich all jene Überlegungen, bei denen man sich vom simplen monofunktionalen Denkansatz verabschiedet. Tagtäglich werden dauerbeschallte Einfamilienhäuschen mit Ausblick auf die Autobahn neu errichtet und Sonnenhänge mit Lagerhallen verbaut. Das versteht kein Mensch. Dabei wäre eine belebende Funktionsmischung mit zeitgemäßen Planungsmethoden heute leichter machbar als je zuvor. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.3.2011)

THOMAS MOSER, Jahrgang 1954 und aufgewachsen in Wörgl, ist Architekt in Innsbruck. Bis Februar 2011 war er Sektionsvorsitzender der Architekten in der Landeskammer Tirol und Vorarlberg.

Mehr zum Thema

Kühne Brücke zu Shopping und Entertainment

Edain
12

Die Gewerbeparks an den Ortsrändern sind nicht das Kernproblem der kleineren Ortschaften, erstere generieren ja sogar Arbeitsplätze, die idR vorher noch nicht im Ort waren. Das größere Problem ist die zunehmende Motorisierung in Verbindung mit den Einkaufszentren, die in allen größeren und kleineren Städten am Stadtrand wie Schimmelpilz wachsen. Diese bringen den Einzelhandel in den Dörfern um, wo früher eine Person 15 Minuten auf der Straße unterwegs war, braust heute eine Blechkiste in 2 Minuten vorbei - das tötet auch den sozialen Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft, leert die Straßen.

Gewerbeparks sind notwendig (Lärm, Schmutz), den Vertrieb, den Einzelhandel an den Stadtrand zu stecken, hingegen unnötig und tödlich.

karakal
03
Das wage ich zu bezweifeln...

Auch früher war es möglich, innerhalb eines normalen Dorfes oder einer Stadt Gewerbebetriebe zu haben.
Je mehr diese an den Stadtrand wandern, desto mehr leiden erstens die Verkehrswege, weil sich das Verkehrsaufkommen erhöht, zweitens veröden die Innenstädte, weil keiner mehr da ist, der innerhalb der Stadt zu Mittag was einkaufen geht oder essen geht, weil ja alle im Gewerbegebiet sitzen.
Am Abend oder an den Wochenenden sind diese Gewerbegebiete dafür tote Zone und man hat echt bald Angst, dort alleine hinzufahren, weil man schnell noch was aus dem Büro braucht.
Komischerweise trennt man baulich Arbeit von Leben während im Beruf immer mehr die Vereinigung der beiden gefordert wird...

Edain
00

Wir sind da grundsätzlich eh einer Meinung, die Vereinigung von Arbeit, Freizeit, Leben, Wohnen etc macht die gewachsenen Städte so lebenswert - weil sie rund um die Uhr in allen ihren Bereichen eben bevölkert, be-lebt sind.

Ich meinte mit Gewerbeparks eher die Industriezonen. Das Sägewerk neben dem Schwefelverarbeiter neben dem Umlagerplatz vom Aluminiumwerk wird man eher nicht mitten in die Ortschaft setzen. Aber natürlich sollten sich auch Gewerbetreibende, wenn möglich, im Stadtbereich befinden.

Clemens T.
11

solche Gewerbeparks kann man nur planieren!
Bei Baden/Mödling gab es unzählige kleine Badeteiche die auch planiert wurden. Jetzt stehen dort große Hallen auf Betonplätzen. Ich hätte lieber einen Badeteich statt einen Konsumenten-Händler-strich!

verleih nix
01

allerdings waren diese badeteiche früher alle schotterwerk oder ziegelfabrik. also auch gewerbegebiet.

aber die strikte räumliche trennung von wohnen und einkaufen im 21. jahrhundert verstehe ich auch nicht.

natoll
00

die strikte trennung basiert zu einem guten teil auf dem geschrei das veranstaltet wird wenn ein gewerbebetrieb in der nähe von wohngebieten errichtet werden soll.

das tut sich niemand mehr an. jeder will um die ecke arbeiten, aber die damit verbundenen dinge wie lärm und verkehr möchte keiner. gewerbe ist nicht immer büro.

wasch mir den pelz, aber mach mich nicht naß.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.