Für den Innsbrucker Architekten Thomas Moser, bis vor kurzem Vorsitzender in der Architektenkammer, sind Speckgürtel an den Ortsrändern der falsche Weg
Für den Innsbrucker Architekten Thomas Moser, bis vor kurzem Vorsitzender in der Architektenkammer, sind Speckgürtel an den Ortsrändern der falsche Weg, wie er im Gespräch mit Verena Langegger erklärt.
***
STANDARD: Wie groß ist der Bedarf an Gewerbegebieten wirklich?
Moser: Es besteht keinerlei Notwendigkeit, Gebiete öde zu verbauen - weder an der Gemeindegrenze, noch entlang von Autobahn und Eisenbahn. Meine Erfahrung zeigt, dass außerhalb von Gemeindestuben kein Mensch versteht, wieso in traumhaften Siedlungslagen an den Ortsrändern immer wieder solche Gewerbegebiete entstehen. Bestes Beispiel dafür ist das westliche Mittelgebirge bei Innsbruck.
STANDARD: Gibt es diesbezüglich raumplanerisch zu viel Kirchturmdenken in den Gemeindestuben?
Moser: Die Architektenschaft hegt insgesamt mehr Sympathien für überörtliche Raumplanung. Demgegenüber hat sie manchmal Probleme mit einer Raumplanung, die vorrangig einzelnen Ortsinteressen dient.
STANDARD: Fördert der Ausbau von Gewerbegebieten an den Ortsrändern das Veröden von Ortskernen?
Moser: Die Idee der ortsübergreifenden Zusammenlegung von Gewerbegebieten wurde schon vor Jahrzehnten geboren und wird von manchen Gemeinden bis heute praktiziert. Aber so selbstverständlich ist das Primat der geografischen Standorteignung nicht. Heute sollte man sich vor allem fragen: Wie viel Wohnen verträgt ein Gewerbegebiet? Welche Nutzungskonflikte sind überhaupt zu erwarten?
STANDARD: Welche Konflikte sind das?
Moser: Bei der Standortwahl hat man als Gewerbetreibender in erster Linie betriebliche Ansprüche. Dabei sind die Probleme in dichtbebauten Siedlungsgebieten oft unglaublich: Nachbarn beschweren sich über alles, was eines Tages eventuell eintreten könnte. Das führt zum Problem der Entmischung. Die Folge: Die Gewerbetreibenden flüchten an den Ortsrand. Ehemals landwirtschaftlich geprägte Dörfer mit ihren vielfältigen Funktionen verkommen damit immer mehr zum dekorativen Eigenheimhintergrund.
STANDARD: Wie lässt sich dieses Problem umgehen?
Moser: Natürlich haben auch Gewerbetreibende Verständnis für Siedlungsentwicklung und landschaftliche Schönheiten. Und es ist klar, dass Landgemeinden Gewerbegebiete für emittierende Betriebe brauchen. Allerdings benötigt nicht jede Gemeinde ein einzelnes Gewerbegebiet!
STANDARD: Was tun?
Moser: Spannend finde ich all jene Überlegungen, bei denen man sich vom simplen monofunktionalen Denkansatz verabschiedet. Tagtäglich werden dauerbeschallte Einfamilienhäuschen mit Ausblick auf die Autobahn neu errichtet und Sonnenhänge mit Lagerhallen verbaut. Das versteht kein Mensch. Dabei wäre eine belebende Funktionsmischung mit zeitgemäßen Planungsmethoden heute leichter machbar als je zuvor. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.3.2011)
THOMAS MOSER, Jahrgang 1954 und aufgewachsen in Wörgl, ist Architekt in
Innsbruck. Bis Februar 2011 war er Sektionsvorsitzender der Architekten
in der Landeskammer Tirol und Vorarlberg.
Mehr zum Thema
Kühne Brücke zu Shopping und Entertainment