Was bringt die Zukunft? - Weißt du's?

4. März 2011, 18:00
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    foto: blue lantern studio/corbis

    Zukünftige Vergangenheit: Wie Raketen durch das Weltall, können Zeitkapseln durch die Geschichte schießen.

Eine der kathartischsten Handlungen, die ich in letzter Zeit unternommen habe, war die Beantwortung einer Zeitkapsel, die ich im Jahr 1995 an mich selbst geschickt habe - Von Clemens J. Setz

Uns, den Bewohnern der Zukunft, scheint es bisweilen, dass eine beliebte Mode derer, die wussten, dass sie unsere Tage, die Zeit um das sagenhafte Jahr 2000, nicht erleben würden, das Verfassen und Verbuddeln von Zeitkapseln war. Ob direkte oder indirekte Nachrichten, ob gut gemeinte Grüße an die Nachwelt oder warnende Dystopien - von kaum einer Textgattung fühlt man sich so hellsichtig durchschaut und gleichzeitig so abgrundtief missverstanden wie von alten Prophezeiungen über die heutige Zeit.

Ja, die Zukunft vor hundert Jahren ist ein eigenartiger Planet, auf dem, trotz aller Verfallsdaten, interessanterweise immer noch Dinge am Leben sind, sich entwickeln und mit uns, deren Bewegungen auf das Gehege der Wirklichkeit beschränkt sind, bisweilen in Kontakt treten. Zeitkapseln können im Grunde alles Mögliche enthalten, wertvolle Gegenstände, Weisheiten, Satiren, leere Zettel, sogar Nervengift, aber traditionellerweise enthalten sie Vorhersagen über bzw. Fragen an die Zukunft. Sie werden in den Grundstein eines Hauses einzementiert, in Kirchturmspitzen versteckt oder in kleine Metallboxen gelegt, die später irgendwo vergraben werden. Aus Film und Fantasie sind sie jedem bekannt, die wunderschönen, rührenden und bisweilen auch elektrisierend-absurden Vorrichtungen mit dem tickenden Zeitschloss oder mit der generationenübergreifend eingehaltenen Abmachung.

Und als Grundstein, als erster Schritt, ist eine Zeitkapsel immer sehr effektiv und auch viel besser geeignet als so manches an die unmittelbaren Zeitgenossen gerichtete Vorwort oder Präludium. Stendhals erstes Kapitel in seiner brillanten Autobiografie Leben des Henri Brulard ist eines der besten Beispiele dafür, wie das Zeitkapsel-Konzept überraschend labyrinthische Gedanken in einem Autor und auch in seinem Leser erzeugen kann. Und vielleicht werden jetzt manche ergänzen: Na ja, Literatur, und Kunst überhaupt, ist doch im Grunde auch nichts anderes als eine Zeitkapsel ... irgendwie ...

Ja und nein. Denn eine echte Zeitkapsel zeichnet, neben den Jahrhunderte überspannenden Phantomdialogen, die durch sie in Gang gesetzt werden, noch etwas Spezielles aus: Sie ist so verfasst, als könnte man sie tatsächlich noch beantworten, als wäre es noch nicht zu spät, ja, sie ist sogar so verfasst, dass der Rezipient sie unbedingt beantworten möchte.

Eine der kathartischsten Handlungen, die ich in letzter Zeit unternommen habe, war die Beantwortung einer Zeitkapsel, die ich im Jahr 1995 an mich selbst geschickt habe. Das Verfassen solcher "Briefe an mein zukünftiges Ich" war damals Teil eines Schulprojektes, dessen genauen Umfang und Sinn ich heute nicht mehr genau rekonstruieren kann.

Diesen Brief wiederzufinden hat mir einige wunderbar surreale Stunden konzentrierter Arbeit an einer sehr alten und behutsam gepflegten Obsession von mir beschert: Seit langer Zeit schon liebe ich das Konzept der Zeitkapseln und sammle Beispielgeschichten, wie z. B. jene herrliche Anekdote über den legendären Diebstahl der Bicentennial Wagon Train Time Capsule, welche angeblich die Unterschriften von 22 Millionen Amerikanern enthielt. Am 4. Juli 1976 sollte die in einem Stahlbehälter untergebrachte Zeitkapsel in einer feierlichen Zeremonie in Valley Forge, Pennsylvania, eingegraben werden. Präsident Gerald Ford wollte persönlich die Versiegelung des wertvollen Grußes an die Zukunft übernehmen. Aber als die Zeremonie beginnen sollte, stellte man fest, dass die Zeitkapsel in einem unbeobachteten Augenblick aus einem offenstehenden Lastwagen gestohlen worden war. Der Diebstahl wurde nie aufgeklärt, und die Zeitkapsel tauchte nie wieder auf. Nur die Geschichte über den Diebstahl hat überlebt, bis heute, was vielleicht nicht der schlechteste Ersatz für die echte Zeitkapsel ist ...

Meine Zeitkapsel war ein in einem weißen Kuvert steckender Brief, geschrieben in der noch ungeübten Schulschrift eines Dreizehnjährigen. Ich fand ihn in einer Kiste mit alten Schulsachen, Hausübungshefte usw.

Der Brief fing an mit Lieber Clemens!! und bestand, wie ich zu meiner großen Überraschung feststellte, fast nur aus Fragen. Magst du heute noch XYZ, hörst du noch immer gern Nirvana und Guns N' Roses? Stehst du immer noch auf WWF-Wrestling? Und so weiter.

Als ich mich von dem ersten Schock erholt hatte, hier mein dreizehnjähriges Ich zu mir sprechen zu hören, legte ich den Brief beiseite und vergaß ihn wieder.

Dann kam mein 28. Geburtstag, im November 2010. Ja, ich schätze, ich bin ein etwas theatralischer Mensch. Ausgerechnet an seinem Geburtstag so etwas zu schreiben! Im Grunde müsste man da vor dichterisch-symbolträchtiger Selbstähnlichkeit ja eingehen ... Anstatt mir also, wie sonst jedes Jahr, an diesem Tag einige nutzlose Tempus-fugit-Gedanken zu machen und den Rest der Zeit damit zu verbringen, ganz normale Dinge wie an jedem anderen Tag auch (ein beinahe unmögliches Vorhaben!) zu erledigen, setzte ich mich an den Computer und schrieb:

Zeitkapsel retour

Lieber Clemens! Dein Brief vom 11. 4. 1995 hat mich erst jetzt, 2010, in meiner Grazer Wohnung erreicht und in einige Beunruhigung versetzt. Der Zettel ist in einer Kiste gelegen, in der alte Schulsachen gelegen sind. Und dadurch hatte er Glück, dein langer, sonderbarer Brief, denn die meisten Dinge aus meiner Schulzeit habe ich inzwischen zerstört, all die Schularbeiten, in denen ich schreiben oder rechnen gelernt habe, all die unsinnigen Tests und Diktate. Das bedeutet: Deine ganze schriftliche Umgebung, deine Gegenwart, wenn man so will, die unwiderlegbare Realität deiner Schulzeit, die praktisch den ganzen Tag präsent ist und dir die Illusion verschafft, für nichts anderes auf der Welt da zu sein als für das ewige Frage-und-Antwort-Spiel der Lehrer, existiert nicht mehr.

Nach diesem Anfang fühlte ich mich ungewöhnlich energiegeladen.

Um deine wichtigste Frage gleich zu beantworten: Nein, du würdest mich nicht wiedererkennen, wenn wir auf der Straße aneinander vorbeigingen. Ich schaue inzwischen meinem eigenen Passfoto so ähnlich wie nie zuvor: die Haut bleich, die Wangen irgendwie rund und komisch anzusehen, die Tränensäcke an guten Tagen unsichtbar, an schlechten witzige schildkrötige Strukturen unterhalb der Augen, und der Blick ängstlich wie der eines Tieres, das von den Scheinwerfern eines fahrenden Autos angestrahlt wird.

Zu deinen Fragen: Ja, ich mag Nirvana noch immer. Guns N' Roses, na ja. WWF-Wrestling - nein, um Gottes willen! Und ich hasse - hasse! - alle Filme, die Jean-Claude van Damme jemals gemacht hat. Bis auf den letzten, "JCVD" , wo er sich selber spielt, der war nicht mal so schlecht...

Deine Bemerkung, dass du dich schon auf die Zukunft freust, zeugt von einer enormen Naivität, die du nicht einmal heute abgelegt hast. "Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt" , schreibst du. "Weißt du's?"

Diesen letzten Satz muss man sich erst einmal schreiben trauen. Ich weiß gar nicht, wie ich ihn beantworten soll. Natürlich weiß ich nicht, was meine Zukunft bringt, deine kenne ich ja, aber - du liebe Zeit, Exaktheit im Schreiben war wirklich noch nie deine Stärke. Apropos Schreiben: Ja, das ist tatsächlich die Richtung, in die dich dein Leben ziehen wird. Unvorstellbar, oder? In einigen Jahren wirst du verschiedene Dichter entdecken, wirst versuchen, wie sie zu sein, und daran jämmerlich scheitern, aber das ist eine notwendige Phase, durch die alle Schriftsteller hindurch müssen. Sie müssen - aber wozu erzähle ich dir das? Du kannst doch nicht einmal einen kurzen Text durchlesen, ohne zu gähnen und an deine Computerspiele zu denken. Mortal Kombat III. Doom II. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem du aufgeregt nach Hause gelaufen bist und deine Mutter gefragt hast, ob sie dir Zehn-Schilling-Münzen für den neuen MK3-Automaten unten in dem kleinen Spielcafé in der Annenstraße gibt. Sie hat dir drei Münzen gegeben, und du hast in deiner lächerlichen Leidenschaft für dieses sinnlose Spiel fast eine Stunde lang mit diesen drei Münzen durchgehalten, einen Gegner nach dem anderen hast du platt gemacht. Du hast die Spezial-Moves der Figuren noch nicht gekannt, aber deine Finger haben sie von selbst manchmal erraten, nicht wahr? Es waren Augenblicke wie im Traum, draußen vor dem Café hat es geregnet, du bist in einem dunklen Winkel vor dem riesigen Spielautomaten gestanden und hast einfach eine Kombination ausprobiert - und sie war die richtige. Deine Freude, mein Gott, dein innerer Jubel!

So ging das noch ganze zwei Seiten lang weiter. Wie gesagt: theatralisch. Meine Antwort übertraf die ursprüngliche Nachricht an Länge um ein Dreifaches. Am Ende habe ich die Zettel wieder in das alte Kuvert gelegt. Das Kuvert liegt jetzt in einer Schachtel an einem Ort, den ich bestimmt bald vergessen werde.

Ein solches in die Vergangenheit gerichtetes Antwortschreiben wirkt, dachte ich mir, angenehmerweise auch in die entgegengesetzte Richtung auf der Zeitachse, also nicht nur rückwärts ins Jahr 1995, sondern auch vorwärts in das ferne Jahr 2025 mit seinen kaum vorstellbaren Musikrichtungen und Fluggeräten. Und als ich den Brief in der Schachtel, in der er die nächsten Jahrzehnte hoffentlich unbeschadet überstehen wird, verstaut hatte, bereute ich es fast ein wenig, dass ich den Clemens des Jahres 1995 in der letzten Zeile meines Briefes in strengem Ton gebeten habe, mich mit seinen Albernheiten nie wieder zu belästigen. Der Ärmste, dachte ich, er wird sich daran halten.

Was wird, gesetzt den Fall, er existiert noch, der 43-jährige Mann mit meinem Namen 2025 von mir denken? Vieles ist vorstellbar. Der wahrscheinlichste Fall ist auch derjenige, der als der gespenstischste erscheint: Er wird verstehen. Es liegt ein für mich völlig neuartiges Entsetzen darin, bereits heute, in der Gegenwart, von etwas Zukünftigem vollkommen verstanden und durchschaut zu werden. (Clemens J. Setz, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 5./6. März 2011)

Clemens J. Setz, geb. 1982 in Graz, studierte Mathematik und Germanistik. Er lebt als Schriftsteller in Graz. 2007 erschien sein Debütroman. Der Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" ist sein erstes Buch im Suhrkamp Verlag und wurde 2011 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

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dieter van teese
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Hätte er auf das Germanistik-Studium verzichtet, wäre der Text ein anderer geworden. Ein besserer.

Sowizo
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:)

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