Ausgrenzung macht krank

  • Stigmatisierung durch das Umfeld bleibt nicht ohne Folgen.
    foto: apa/ralf hirschberger

    Stigmatisierung durch das Umfeld bleibt nicht ohne Folgen.

Teufelskreis Übergewicht: Diskriminierung führt zu Frustessen und erhöht weiter das Risiko zu erkranken

West Lafayette/Stuttgart - Die Gesundheit stark übergewichtiger Menschen hängt auch davon ab, wie sie von ihrem Umfeld behandelt werden. Fühlen sie sich dauerhaft diskriminiert, werden sie eher krank und unbeweglich als sozial akzeptierte Menschen, berichten US-amerikanische Forscher in der Zeitschrift "Social Psychology Quarterly". "Adipöse internalisieren oft das Stigma, dem sie ausgesetzt sind. Der dadurch empfundene Stress begünstigt andere Krankheiten", so Studienleiter Markus Schafer von der Purdue University.

Stress durch Stigma

Die Forscher untersuchten dafür 1.500 Erwachsene, bei denen sie zweimal - 1995 und 2005 - den Body-Mass-Index, den Gesundheitszustand und den subjektiven Eindruck von Diskriminierung aufgrund ihres Gewichts erhoben. Wie erwartet, hatte sich die Gesundheit nach zehn Jahren im Vergleich bei Adipösen mehr verschlechtert als beim Rest. Überrascht wurden die Forscher jedoch, als sie nur die Übergewichtigen nach dem Ausmaß des empfundenen Stigmas überprüften.

Dass sie häufig Diskriminierung erlebten, gaben elf Prozent der leicht- und 33 Prozent der stark Adipösen an. Genau bei diesen beiden Gruppen war der Verfall viel deutlicher ausgeprägt als bei den Adipösen, die kaum Diskriminierung erlebten. Erkenntlich war das an der körperlichen Leistung wie etwa Stiegensteigen oder das Tragen von Einkaufstaschen, jedoch auch im Auftreten von Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Herzproblemen.

Frustessen und Sportvermeidung

"Ein plausibles Ergebnis", urteilt Umweltsoziologe Michael Zwick von der Universität Stuttgart. Übergewicht sei bereits für sich eine Form von sozialer Beschädigung, da es in vielen Fällen auf Konflikte oder Vernachlässigung in der Familie zurückgeht. "Wer zusätzlich ständig Diskriminierung von außen erlebt, neigt noch eher zum Frustessen. Statt Gegenmaßnahmen zu treffen, wirft er jede Stopp-Regel über Bord." Die weitere Gewichtszunahme erhöhe das Krankheitsrisiko.

Außerdem verhindere Diskriminierung auch körperliche Aktivität. "Sport braucht bei stark Übergewichtigen viel soziale Unterstützung durch Familie, Freunde, Selbsthilfegruppen oder Sportclubs. Wer diese nicht hat, schafft es kaum, sich in Sport- oder Badebekleidung zusätzlich zu exponieren." Als Alternative greifen viele zu Diäten, die laut Zwick das Dicksein jedoch eher verstärken als zu reduzieren. "Kinder sind umso dicker, je mehr Diäten sie hinter sich haben. Denn der notwendige Ausstieg aus dem dick machenden Umfeld und dem lange eingeübten Verhalten gelingt kaum."

Dicke Vorbilder gesucht

Die US-Studienautoren fordern mehr Anstrengungen, um die Diskriminierung aufgrund des Gewichts zu bekämpfen - ähnlich wie dies bereits bei Hautfarbe oder Geschlecht geschehe. "Stereotypisierung kann man nicht verhindern, negative Zuschreibungen jedoch schon. In werden adipöse Kinder zwar kaum ausgegrenzt, haben aber einen schlechteren Stand bei Gleichaltrigen als behinderte oder ausländische. Für ein besseres Image würde beitragen, wenn man in den Medien auch positiv bewertete Übergewichtige zeigt", so Zwick. (pte)

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