Ein Fall für die Sozialwissenschaft: Gegen Millionenzahlungen machte sich die berühmte London School of Economics zum Instrument britischer Appeasement-Politik
Die letzte Lektion war völlig kostenlos wenn Muammar al-Gaddafi sie nur beherzigen würde! Mit Augenmass und Eleganz, ja sogar einem Schuss Demut begründete Howard Davies am Freitag seinen abends zuvor erfolgten Rücktritt.
Insofern wäre der bisherige Direktor der weltberühmten London School of Economics (LSE) ein gutes Vorbild für den libyschen Diktator, dessen Millionen sicherlich nicht die Unabhängigkeit der sozialwissenschaftlichen Hochschule erkaufen konnten. Den Ruf der LSE hat das Blutgeld aus Libyen freilich so schwer beschädigt, dass die Reparatur-Arbeiten lange dauern werden.
Eifrig abgesahnt
Insofern war Davies' Schritt überfällig. Der 60jährige Direktor und sein Gouverneursrat haben sich über die vergangenen Jahre zum Instrument britischer Außenpolitik machen lassen und dabei eifrig abgesahnt. Jahrelang wurden mehrere Hundert zukünftige Entscheidungsträger des Gaddafi-Regimes ausgebildet, sowohl in ihrer Heimat wie auch in London. Mindestens eine Million Pfund, umgerechnet 1,17 Millionen Euro stellte die Universität dafür in Rechnung. Diktatoren-Sohn Saif al-Islam durfte am Institut für globales Regieren promovieren. Die von ihm geleitete Gaddafi-Stiftung stellte 1,8 Millionen Euro in Aussicht, von denen rund 350.000 Euro zur Auszahlung kamen.
Im Gegenzug ließen es renommierte Wissenschaftler nicht an Liebedienerei fehlen. Ex-Direktor Anthony Giddens, einer der bedeutendsten Soziologen der Gegenwart, reiste 2007 ins Wüstenland und schrieb anschließend: "Im Vergleich zu anderen Ein-Parteien-Staaten ist Libyen nicht sonderlich repressiv." Saifs Betreuer David Held lobte seinen Zögling, dieser sehe "Demokratie, Zivilgesellschaft und tiefverwurzelte liberale Werte als Kern seiner Inspiration". Zu dumm, dass Saif Gaddafi neuerdings "Ströme von Blut" in Aussicht stellt und bis zur "letzten Kugel" für die Verteidigung des väterlichen Regimes kämpfen will. Der 38jährige, weiß Held jetzt, habe "tragischerweise die falsche Wahl getroffen". Sonderlich tief waren die liberalen Werte also doch nicht verwurzelt.
Muammar al-Gaddafi selbst durfte per Videolink zur LSE-Studentenschaft sprechen, einleitend gehuldigt als "Bruder Führer" (brother leader) von Alia Brahimi. Die Terror-Forscherin diente ihren Vorgesetzten auch als Unterhändlerin bei den Verhandlungen mit Saif über dessen "Spende". Mag sein, dass dabei das Aussehen der 30jährigen Amerikanerin algerischer Abkunft eine Rolle spielte, schließlich gilt Saif als Freund schöner Frauen. Insofern unterscheidet sich der Herr Doktor immerhin wohltuend von seinem Bruder Hannibal, der seine Gespielinnen zu verprügeln pflegt. Dass die tapfere Genfer Polizei den Prügel-Playboy 2008 kurzzeitig sistierte, brachte der Schweiz massive Schwierigkeiten ein, bis hin zur Geiselnahme zweier in Libyen tätiger Staatsbürger.
Das scherte damals kaum jemanden, in Deutschland nicht, in der EU nicht, und ganz bestimmt nicht an der LSE. Deren Verantwortliche sahen sich als Dompteure eines rogue state, mit dem sich gutes Geld verdienen lässt. Durch "institutionalisierte Habgier" habe die LSE ihren Ruf ruiniert, beklagt die einflussreiche Labour-Abgeordnete Margaret Hodge. Die frühere Staatssekretärin und Ex-Gouverneurin der LSE zählte ebenso zu den engen Verbündeten des Ex-Premiers Tony Blair wie Ex-Direktor Giddens ("Der Dritte Weg"), der heute für Labour im Oberhaus sitzt. Mag Giddens' Nachfolger zurückgetreten sein vom Paten des Appeasements gegenüber Libyen, dem heutigen Friedensbeauftragten und Investmentbanker Tony Blair gibt es bisher kein Wort der Entschuldigung.
Dabei galt Gaddafi in London als Paradebeispiel für Blairs eigenwillige Mischung aus robuster Diplomatie und geschmeidiger Wahrung britischer Industrie-Interessen. Das Vertrauen des Diktators hatte handfeste Vorteile nicht nur für die LSE. Der Ölmulti Shell bereitet seit Jahren die Ausbeutung von Gasvorkommen vor der libyschen Küste vor. Anlässlich von Blairs letzter Afrika-Reise als Premierminister im Juni 2007 unterzeichnete BP einen Deal im Wert von 660 Millionen Euro. In Blairs Gefolge reiste damals auch ein Manager des europäischen Raketenherstellers MBDA, der zu 37,5 Prozent dem britischen BAE-Konzern, Europas größter Waffenschmiede, gehört.
Mit dem Bildungsprogramm für Gaddafis Nachwuchs war LSE Teil der Blair'schen Außenpolitik. Dieses Engagement verteidigte Davies auch am Freitag ausdrücklich, er hat dabei viele der LSE-Akademiker hinter sich. Man habe "den Auftrag, sich in der Welt zu engagieren", argumentiert der aus der Schweiz gebürtige Professor Martin Bauer. Wie Ideen auch müsse man Geld "vom moralischen Charakter des Gebers" trennen. Geht das?
Bauers deutschstämmiger Kollege Martin Lodge erlebte seine drei Seminare in Libyen in den Jahren 2008 und 2009 als "spannende Erfahrung, bei der ich intelligente, faszinierende Menschen kennenlernte". Über den Hintergrund seiner Kursteilnehmer habe er jedoch wenig erfahren: "In Diktaturen erhält man nur marginale Einblicke." Genauen Einblick in die engen Verflechtungen der Hochschule mit dem Gaddafi-Clan soll nun der frühere höchste Richter Englands, Lord Harry Woolf, nehmen. Dabei wird auch geklärt, ob Saif Gaddafis Doktorarbeit ein Plagiat war. Bayreuth lässt grüssen. (Von Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 5.3.2011)