Auf gute Zusammenarbeit

5. April 2011, 12:53
4 Postings

Wenn Präbiotika Probiotika unterstützen, nennt sich diese Kooperation "Synbiotika" - Diese soll positiv auf Darm und Immunsystem wirken

Synbiotika sind Lebensmittel, die eine Kombination aus pro- und präbiotischen Bestandteilen enthalten. Dieses Zusammenspiel kann man sich ungefähr so vorstellen: Probiotika können bestimmte Darmfunktionen und das Spektrum der Darmkeime positiv beeinflussen. Präbiotika unterstützen sie dabei: Sie fördern das Wachstum probiotischer Bakterien und damit deren Aktivität im Darm.

"Die Idee für Synbiotika beruht auf dem Ziel, in einem gemeinsamen Produkt nicht nur gut verwertbare Zuckermoleküle für nützliche Darmkeime und probiotische Bakterien bereitzustellen, sondern parallel dazu auch bestimmte wertvolle Keime mitzuliefern. Diese hätten dann sozusagen gleich einen wertvollen Proviant für ihre Reise durch den Darm mit dabei, der ihnen im Dickdarm zur Verfügung steht", erklärt Wolfgang Kneifel, Leiter des Departments für Lebensmittelwissenschaften und -technologie an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien.

Im Dickdarm wimmelt es von Bakterien

Im Detail: In der Darmflora des Menschen befinden sind nach neuesten Studien mehr als 1.000 verschiedene Arten von Bakterien, die nur mit modernsten Methoden erfasst und unterschieden werden können. Besonders der Dickdarm ist dicht besiedelt. Gesundheitsfördernde Keime sind vor allem Milchsäurebakterien wie Lactobacillen und Bifidobakterien. Der Darm funktioniert am besten, wenn diese positiven Keime in entsprechender Menge vorhanden sind.

Genau hier kommen Probiotika, lebende Mikroorganismen, ins Spiel: Milchprodukte wie Joghurt werden mit den oben genannten Milchsäurebakterien angereichert, um die Balance im Darm wieder herzustellen. Warum gerade Milchprodukte? Wenn Bakterien über andere Lebensmittel aufgenommen werden, dann werden sie vom sauren Mageninhalt größtenteils abgetötet - sie erreichen also nicht ihr Ziel, den Darm. Anders ist das bei eiweißreicher Nahrung wie Milchprodukten, weil diese die Keime vor der Magensäure besser schützen. Probiotische Bakterien werden darüber hinaus auch auf Basis ihrer Stabilität ausgewählt.

Präbiotika unterstützen die Probiotika

Präbiotika regen das Wachstum der Milchsäurebakterien an und unterdrücken das Aufkommen krankheitserregender Darmbewohner. Die nichtverdaulichen Kohlenhydrate wie Inulin oder Oligofructose sind pflanzliche Zucker, besonders hoch ist die Konzentration in Chicorée und Topinambur. Auch bestimmte Oligosaccharide der Muttermilch gelten als natürliche Präbiotika.

Können Synbiotika wirklich etwas erreichen?

Können Synbiotika wirklich dazu beitragen, Erkrankungen zu verhindern oder abzumildern? Lebensmittel sind in erster Linie dazu da, wichtige Nährstoffe bereitzustellen und dem Konsumenten zu schmecken. Darüber hinaus kommt ihnen aber durchaus ein wichtiger, präventiver Charakter zu. "Und zwar insofern, als bei richtiger Ernährung bestimmten Erkrankungen vorgebeugt werden kann", formuliert es Kneifel.

Eine intakte, positive Darmflora trage zur Verwertung von Nährstoffen bei und unterdrücke unerwünschte Keime. Darüber hinaus könne sie im Darm, dessen große Oberfläche in permanentem Kontakt mit dem Immunsystem steht, auch immunologische Effekte bewirken. "Wenn man nun auch noch jene Nährstoffe zuführt, die von positiven Keimen für ihr Wachstum genutzt werden können, dann funktioniert das Ganze noch besser", sagt Kneifel und spricht damit die Präbiotika an. Verallgemeinerungen seien aber fehl am Platz, weil nicht jeder probiotische Bakterienstamm und jedes Präbiotikum die gleichen Eigenschaften besitze.

Synbiotika sind kein großes Thema

In der Forschung wurden Synbiotika in den vergangenen Jahren allerdings eher vernachlässigt, üblicher sind Einzelstudien über die Wirkung von Pro- und Präbiotika. "Im Durchschnitt gab es in den letzten zehn Jahren rund drei Mal so viele Untersuchungen zu den Probiotika als zu den Synbiotika", weiß Kneifel. Synbiotika seien heute - ausgenommen in der Kindernährmittelschiene - kein großes Thema mehr. "Erstens ist es offenbar zu kompliziert, dem Konsumenten die jeweiligen Zusammenhänge und Effekte beziehungsweise neue Wortkreationen gut zu kommunizieren, zweitens hat die derzeit laufende Health Claims Verordnung eine weitere 'Firewall' geschaffen", vermutet Kneifel. Zur Erklärung: Die EU prüft derzeit die nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben bei Lebensmitteln. Künftig sollen nur mehr jene Produkte zugelassen werden, die ihre Aussagen über die Wirkung bestimmter Zusätze nachweislich erfüllen.

Kontinuierliche Konsumation

Eines ist jedenfalls schon jetzt erwiesen: Probiotika wirken sich nur dann positiv auf die Darmflora aus, wenn sie kontinuierlich konsumiert werden. "Fest steht ja auch, dass jede gute Ernährung nur dann etwas bringt, wenn man sie regelmäßig anwendet", zieht Kneifel einen Vergleich. Aus streng medizinischer Sicht sollten konkret jene Portionen zugeführt werden, die laut der wissenschaftlichen Studienlage für die Erzielung bestimmter Wirkungen ausreichend sind. Kneifel sieht vor allem im Bereich der Kindernährmittel und eventuell in der Seniorenernährung einen Bedarf für Synbiotika, bei Lebensmitteln für Erwachsene stagniere der Markt eher.

Präbiotika können sich negativ auswirken

Darüber, ob Probiotika dem Menschen sogar schaden können, scheiden sich die Geister. Die einen sagen, man wisse über die Nebenwirkungen noch zu wenig Bescheid und raten zu Vorsicht. Kneifel hingegen weist darauf hin, dass bisher in keiner Studie Nebeneffekte beobachtet wurden - außer bei schwerst kranken Personen, für die jegliche Mikroflora gefährlich sein kann.

Anders sei das bei einigen zu den Präbiotika zählenden Kohlenhydraten: Zu hohe Dosierungen können Blähungen, Darmgeräusche und in extremen Fällen Durchfall verursachen. Auch die tägliche Nahrung enthalte Kohlenhydrate mit präbiotischer Wirkung, zum Beispiel Bananen oder Zwiebeln. Wenn jemand zusätzlich Prä- oder Synbiotika einnehme, könne das unter Umständen zu Nebeneffekten führen. (Maria Kapeller, derStandard.at)

  • Bestimmte Bifidobakterienstämme (Bild) zeigen wissenschaftlichen Studien zufolge in Kombination mit präbiotischen Kohlenhydraten, also in Summe als Synbiotikum, bestimmte positive Effekte auf die Darmflora.
    foto: boku wien

    Bestimmte Bifidobakterienstämme (Bild) zeigen wissenschaftlichen Studien zufolge in Kombination mit präbiotischen Kohlenhydraten, also in Summe als Synbiotikum, bestimmte positive Effekte auf die Darmflora.

  • Genaue Betrachtung eines Bifidobakterienpräparats.
    foto: boku wien

    Genaue Betrachtung eines Bifidobakterienpräparats.

Share if you care.