Total versandet: Gaddafi und Erdogan

4. März 2011, 00:18
3 Postings

Libyen ist eine harte Nuss - auch für die türkische Krisendiplomatie in diesen Tagen. Turkish Airlines und die Handelsmarine waren die Rekordmeister bei der Evakuierung von Ausländern aus dem Wüstenstaat des Ewigen Revolutionsführers mit exakt 22.617 Gaddafi-Entronnenen laut Außenministerium in Ankara, davon 3340 nicht-türkischen Bürgern. Seit Mittwoch ist der Rettungseinsatz abgeschlossen, die türkische Regierung hat sich nun auf die Bekämpfung von Kriegsszenarien verlegt, die in den Köpfen der NATO-Partner geistern.

Einmarsch, Bombardierung und/oder Flugverbotszone mit (unwahrscheinlich) oder ohne (auch schon oft erprobt) Sanktus der UNO sind für die türkische Führung definitiv tabu. Ein vom Westen arrangierter „regime change" würde den Charakter der arabischen Revolutionen völlig verändern. Das wäre nicht die "neue arabische Welt" mit den zurechtgestutzten USA, von der Ibrahim Kalin, der außenpolitische Berater von Premierminister Tayyip Erdogan träumt. In einem Op-ed für die englischsprachige Ausgabe der Tageszeitung Zaman schrieb er dieser Tage: "Working with democratic governments as equals, the US may cease to be the protector of oppression and corruption in the Arab world."

Jetzt ist es im besonderen Fall mit Libyen so, dass ausgerechnet Erdogan vor knapp drei Monaten den schönen "Gaddafi Menschenrechtspreis" in Tripolis entgegengenommen hat (250.000 US-Dollar) und in seiner Dankesrede, die auslegbare, aber unter den gegenwärtigen libyschen Bedingungen schwierige Feststellung traf: "Wir nehmen eine ehrbare Haltung gegen alle Formen der Ungerechtigkeit und der Ungesetzlichkeit auf der Welt ein, und wir sind reif genug, nötigenfalls uns selbst und unsere Umwelt zu hinterfragen." Aus einer solchen Ecke muss man erst wieder einmal herauskurven können, was eine gewisse Zeit dauert.

Die hat vor allem die türkische Börse nicht. Der Wind des Wandels in Nordafrika setzt den Aktienmärkten und der Lira zu. Türkische Unternehmen haben massiv in Libyen investiert und Aufträge eingeheimst - im Bausektor sind sie die zweiten nach den Chinesen -, der steigende Ölpreis kommt natürlich auch dem türkischen Finanzminister in die Quere. Das Wall Street Journal zitierte Ali Babacan mit einer ebenso einfachen wie dramatischen Rechnung: "Every $10 increase in oil prices adds nearly $4 billion to our current account deficit and around 0.5% to inflation...In October when we prepared our government's Medium Term Economic Program our average-oil-price assumption for 2011 was $80." Ein NATO-gesteuertes Militärabenteuer in Libyen wäre ziemlich das Letzte, was die Türken bräuchten...

  • Artikelbild
    foto: reuters/zitouny
Share if you care.