Ein blutiger Job

Ursula Schersch
7. März 2011, 17:31
  • Eva Rohde (42) ist Vorstand der Universitätsklinik für Blutgruppenserologie 
und Transfusionsmedizin am Landeskrankenhaus Salzburg.
    foto: privat

    Eva Rohde (42) ist Vorstand der Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin am Landeskrankenhaus Salzburg.

Die Blutkonserve ist für die meisten Menschen nichts weiter als ein Sackerl mit Blut - Transfusionsmediziner sind auf Herstellung und Aufbereitung von Blutprodukten spezialisiert

Mit Bluttransfusionen haben die meisten nur dann zu tun, wenn sie selbst Blut spenden. Das Endprodukt - die Blutkonserve - ist für viele nichts weiter als ein Sackerl, gefüllt mit Blut. Wenn Eva Rohde einen Blutbeutel betrachtet, sieht sie mehr als die durchschnittlichen Blutspender- und -empfänger. Sie denkt an weiße und rote Blutkörperchen, Plasma und Thrombozyten und an den enormen logistischen Aufwand, der in der gesamten Herstellung von Blutprodukten steckt. Eva Rohde ist Vorstand der Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin am Landeskrankenhaus Salzburg; Blut ist ihr Job.

Der lange Weg des Blutes

Die Disziplin Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin beschäftigt sich mit der Herstellung, der Qualitätssicherung sowie Vertrieb und Anwendung von Blut und Blutprodukten, Hämotherapeutika genannt. Gerade hinter der Herstellung und Aufbereitung von Blutprodukten versteckt sich ein enormer Arbeitsaufwand. Während die eigentliche Blutspende für den Spender nach zehn Minuten und 450 Millilitern Blut weniger im Körper beendet ist, hat das Blut noch einen langen Weg vor sich. "Es werden alle Blutspenden auf Infektionsparameter wie HIV, Syphillis, Hepatitis A, B und C und das weniger bekannte Parvo B19 Virus (Ringelröteln) getestet. Die blutgruppenserologische Testung aller Blutprodukte ist selbstverständlich. Zusätzlich muss bei jeder Transfusion getestet werden, ob beim zukünftigen Blutempfänger bereits eine Unverträglichkeit gegen ein Blutgruppenmerkmal vorliegt", erklärt Rohde.

Um die Sicherheit von Spendern und Empfängern zu gewährleisten, müssen wie in kaum einem anderen Gebiet der Medizin eine Fülle von Gesetzen, Richtlinien und Verordnungen eingehalten werden. "Die Herstellung von Blutkonserven ist ein Prozess, der den Vorschriften des Arzneimittelgesetzes, des Blutsicherheitsgesetzes und der Blutspenderverordnung unterliegt. Die Herstellungseinrichtung wird daher wie ein Pharma-Betrieb behördlich geprüft und zertifiziert", bestätigt die Medizinerin.

Veränderte "Blut-Klientel"

Das in Österreich im Rahmen von Blutspende-Aktionen des Roten Kreuzes gesammelte Vollblut wird heute in den meisten Fällen nicht mehr in seiner Gesamtheit verwendet. "Es wird zentrifugiert und zu 'Hämoderivaten' fraktioniert. Die unterschiedlichen Fraktionen des Blutes enthalten dann entweder konzentriert rote oder weiße Blutkörperchen, Blutplättchen oder Plasma zur gezielten Therapie von Blutungen, Immunabwehrstörungen oder Gerinnungsstörungen", so Rohde.Dass der Bedarf an spezifischen Blutkomponenten gestiegen ist, hängt mit den Veränderungen in der Nachfrage zusammen. Waren noch vor zehn bis zwanzig Jahren die (Unfall-)Chirurgen und Anästhesisten die Hauptanforderer von Blutprodukten, so wechselte die "Klientel" in den vergangenen Jahren eher in Richtung Hämatologen. Dies hänge einerseits mit der Optimierung chirurgischer Methoden, die einen geringeren Blutbedarf mit sich bringen, zusammen, andererseits mit den Fortschritten in der Behandlung von hämatologisch erkrankten Patienten, die durch die längere Überlebensdauer aufgrund von verbesserten Therapien öfter Blutprodukte brauchen.

Das Fach spielt auch in der Onkologie, insbesondere bei Blutkrebs, oder bei angeborenen Bluterkrankungen eine wesentliche Rolle. "Krebspatienten werden an transfusionsmedizinischen Kliniken maschinell Stammzellen entnommen, die dann in flüssigem Stickstoff gelagert und im Bedarfsfall aufgetaut und therapeutisch verabreicht werden können", so die Expertin. Bei anderen Krankheiten wiederum ist es notwendig Blutbestandteile aus dem zirkulierenden Blut zu entnehmen, etwa um eine pathologisch erhöhte Anzahl von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) oder Blutplättchen (Thrombozyten) schonend zu reduzieren.

Wenig bekannte Disziplin

Die Entdeckung der Blutgruppen Anfang des 20. Jahrhunderts durch Karl Landsteiner war ein Grundstein für die Entwicklung der Transfusionsmedizin. Sie entwickelte sich in vergleichsweise kurzer Zeit zu einer hoch komplexen Wissenschaft. Stand zu Beginn die Konservierung von Blut im Vordergrund, garantiert die Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin heute die Blutversorgung der Patienten bei Operationen, schweren Erkrankungen und die bestmögliche Behandlung bei Blutgerinnungsstörungen.

In der Bevölkerung, sogar unter Medizinstudenten und Ärzten, ist die junge Disziplin Transfusionsmedizin oft nur wenig bekannt. "Wie in vielen medizinischen Fächern ist es auch in unserem nicht leicht, ausreichend Nachwuchs zu rekrutieren. An unserer Klinik in Salzburg ist seit einigen Monaten eine Facharztstelle unbesetzt", so Rohde.

Die Facharztausbildung gibt es in Österreich seit 1994 und dauert wie andere Facharzt-Ausbildungen sechs Jahre. Vier Jahre verbringen Auszubildende an einer Klinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin um Erfahrungen und Kenntnisse im Hauptfach zu erwerben, zwei Jahre werden Gegenfächer wie Chirurgie, Innere Medizin, Anästhesie und Frauen- und Geburtsheilkunde absolviert. Der Wunsch als Transfusionsmediziner zu arbeiten, entstehe bei vielen angehenden Ärzten erst, wenn sie zufällig über dieses Fach stolpern. "Gegen Ende meiner Turnus-Ausbildung fiel auch bei mir die Entscheidung für dieses mir bis dorthin unbekannte Fachgebiet, um nicht als Ärztin Taxi fahren zu müssen. Vor mehr als 10 Jahren war es aufgrund von Mangel an Ausbildungsstellen schwierig, das Fach seiner Wahl zu ergattern", gesteht Rohde. Doch je mehr sie mit dem Fach in Berührung kam, desto begeisterter war sie davon.

Patientenkontakt und Forschung

Dem Vorurteil, dass sich die Mediziner dieses Fachs hinter ihren Laborwerkzeugen verstecken, kann die Transfusionsmedizinerin nichts abgewinnen: "Vielfach hört man, das Fach sei 'zu laborlastig und zu weit weg vom Patienten'. Der tägliche Kontakt zu Patienten ist aber gegeben - einerseits arbeiten die Mediziner regelmäßig mit gesunden Blutspendern zusammen, andererseits mit schwer Erkrankten wie zum Beispiel Krebspatienten. Zusätzlich betreuen Transfusionsmediziner häufig aus dem Hintergrund heraus andere ärztliche Kollegen, die dringende klinische Probleme meist unter Zeitdruck lösen müssen und Blutprodukte anwenden.

Der Beruf ermögliche Ausgewogenheit zwischen Patientenkontakt, Teamarbeit in der Wissenschaft, Befunderstellung, Interpretation und Diskussion mit Kollegen. Durch die vielseitigen Aufgabenbereiche ergibt sich eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Chirurgen, Anästhesisten, Onkologen, Internisten und Hämatologen. "Hinzu kommen zeitliche und inhaltliche Freiheiten wie man sie als Arzt im stationären Betrieb oder in der Praxis vielleicht nicht kennt." Die Forschungsarbeit - gerade in den Bereichen der Zell- und Stammzelltherapie - sei innovativ und eine Arbeit am Puls der Zeit. Allerdings sollte auch eine hohe Frustrationsgrenze gegeben sein, denn wie überall in der Wissenschaft könne es passieren, dass man sich monatelang in ein Detail vertiefe nur um frustriert festzustellen, dass man seine Strategie ändern oder Ideen fallen lassen müsse. "Typische Tage kenne ich nicht - gerade das finde ich gut", so Rohde abschließend. (Ursula Schersch, derStandard.at, 07.03.2011)

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