Zwitschern

"Twitter macht das Dichten zur Alltagssprache"

3. März 2011, 12:50
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    foto: silvia bandini glaser

    In Graz geborener Bleistift: Autor und Blogger Peter Glaser.
    Foto: Silvia Bandini Glaser

Für Schriftsteller Peter Glaser sind soziale Medien ein spannendes Experimentierfeld

Was haben soziale Medien mit Telefonhäuserln gemeinsam? Sie spiegeln geänderte Kommunikationsverhältnisse wider. Boten Telefonhäuserln früher mit wirklich schließbaren Türen und einer kleinen Ablage so etwas wie Privatsphäre, erhielten sie im Laufe der Zeit zunächst saloonartige Schwingtüren und wandelten sich schließlich zu immer offeneren Einheit mit maximal Schallschutzwangen.

Der Vergleich stammt von Peter Glaser, nach Eigendefinition ein 1957 in Graz geborener Bleistift, der als Schreibprogramm in Berlin lebt. Heute, Donnerstag, eröffnet das Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs (CCC) und Bachmann-Preisträger 2002 den E-Day der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) mit Reflektionen über die Nutzung des Internet im Allgemeinen und sozialer Medien im Speziellen.

Flüssige Zeitung

Für den Schriftsteller und Blogger sind Facebook, Twitter und Co nicht nur ein weiteres Experimentier- und Beobachtungsfeld, sondern auch so etwas wie eine flüssige Zeitung. Dabei verdrängen sie für ihn weder herkömmliche Medien, noch machen sie uns sprachlich ärmer.

Im Gegenteil: "Bei Twitter mit seinen vorgegebenen 140 Zeichen muss man echt viel überlegen und prägnant sein, um einen Gedanken verständlich rüberzubringen", sagt Glaser im Gespräch mit dem Standard. "Twitter macht das Dichten quasi wieder zum Teil der Alltagssprache."

Als sehr spannend beurteilt Glaser, wie das Internet auch die repräsentative Meinungsfreiheit, wie sie etwa Leserbriefe in Zeitungen darstellen, radikal geändert habe. Internet, für ihn der achte Kontinent, sei ein Bereich, "den man nicht redigieren kann, wo die Leute reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist".

Misstrauen

Bei aller Freiheit, ohne eine gesunde Portion Misstrauen sollte man sich in der vernetzten Welt nicht herumtreiben, schon gar nicht in der Nähe von Google oder Facebook. "Die haben Ärger verdient." Wer die Leute immer wieder an der Nase herumführe, laufe aber auch oder gerade im Internet irgendwann Gefahr, dass sich die Nutzer mangels Vertrauen andere Plattformen suchten.

Bei allen möglichen negativen Begleiterscheinungen, summa summarum entwickelt sich zumindest die westlichen Gesellschaft - "vielleicht auch die ganze Welt" - dank Internet und sozialen Medien zu mehr Offenheit und Transparenz. Stichwort Wikileaks und Open Data - für Glaser beides logische Konsequenzen und Korrektive aus der seit 9/11 wieder zunehmenden "Vergeheimnissung" von Staaten. (Karin Tzschentke, DER STANDARD/Printausgabe, 3.3.2011)

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