Auf einer Antarktiskreuzfahrt auf der MS Hanseatic lernte Journalist und ORF-Moderator Armin Wolf, dass Pinguine majestätischer aussehen, als sie riechen
Wenn nur die Wellen nicht wären. Wenige Minuten nach dem Ablegen von Stanley, der pittoresken Hauptstadt der Falklandinseln (knapp 3000 Einwohner, 600.000 Schafe, 200 Tage Regen pro Jahr; unglaublich, dass man um die paar Felsen Krieg führen kann), sind sie da. Die Crew verteilt Ingwer, das soll gegen Seekrankheit helfen, und kleine Papierbeutel, auf denen dezent "Sickness Bag" steht. Wir "First Timer" an Bord sind blass, während uns die "Repeater", die Kreuzfahrtprofis, belächeln. Das ist ja gar nichts, erklären sie uns etwas mitleidig, und wir lernen: Solange es im Bord-Restaurant noch Platzteller, Suppe und heiße Getränke gibt, ist der Seegang völlig harmlos. Es gibt noch Platzteller - aber warum ist mir dann so übel? "Warten Sie auf die Drake Passage. Das ist arg", hören wir immer wieder. Und ich beginne zu vermuten, dass die Drake Passage, ganz am Ende der Route, und ich keine engen Freunde werden.
Unter Expedition stellt man sich gemeinhin ja etwas Raueres vor als eine "Antarktis-Expedition" auf der MS Hanseatic. Das "weltweit einzige 5-Sterne-Expeditions-Kreuzfahrtschiff" der Hamburger Nobel-Reederei Hapag Lloyd ist klein (die Privatyacht von Microsoft-Gründer Paul Allen, die uns unterwegs begegnet, ist größer), aber ziemlich fein. 122 Meter gepolsterter Luxus und 125 Crew-Mitglieder für gerade mal 163 Passagiere. Rau ist da wirklich nur der Seegang. Zwischen den Falklands und Südgeorgien stampft und rollt das Schiff sechzig Stunden lang ohne Unterlass, Aussteigen voerst nicht vorgesehen.
Erst in Fortuna Bay geht es wieder an Land. Auf Südgeorgien leben ständig rund zwei Millionen mal so viele Pinguine wie Menschen (davon gibt es nur zwei, einen britischen Regierungsvertreter und seine Frau). Wir lernen schnell: Der Königspinguin sieht deutlich majestätischer aus, als er riecht. Ganz besonders, wenn sich sehr viele Pinguine auf relativ wenig Platz aufhalten. Ein toller Anblick, ein famoses Fotomotiv, aber was man auf den Bildern nicht sieht: Es stinkt beachtlich. Und es gibt sehr viele Pinguine auf den Inseln Südgeorgiens, dazu hunderttausende Robben, See-Elefanten (großartig archaische Viecher, die bis zu viereinhalb Tonnen Eigengewicht durch die Gegend wuchten), elegante Wanderalbatrosse. Die ganze Reise fühlt sich schnell an, als wäre man Teil einer extralangen Universum-Folge: Antarktis 3-D.
Durch die häufigen "Anlandungen" und "Ausbootungen" in sogenannten Zodiacs, stark motorisierten Expeditions-Schlauchbooten, kommen wir der antarktischen Fauna und Flora und einigen Forschungsstationen eindrucksvoll nahe, begleitet von kundigen Lektoren. Und weil die MS Hanseatic ein deutsches Schiff ist, passiert das alles sehr deutsch: pünktlich, präzise, perfekt organisiert und unter ständigem Verweis auf den Umweltschutz: "Blitzen Sie keinesfalls die Pinguine! Nie einem Tier den Weg zum Meer blockieren! Mindestabstand fünf Meter!" Um den scheren sich allerdings die Pinguine wenig. Sie sind entweder völlig ignorant oder bereits Tourismus-geeicht und watscheln den Besuchern praktisch über die Stiefel.
Die südpolare Landschaft trägt eigenartige Namen wie Deception Island (im Inneren der Vulkaninsel liegt ein von außen unsichtbarer riesiger Kratersee), Cape of Disappointment (James Cook musste hier erkennen, dass er doch nicht den lang gesuchten Kontinent im Süden entdeckt hatte, sondern nur eine vorgelagerte Insel) oder Paradise Bay, der vielleicht schönste Ort der Reise: Eine 60 Meter hohe, bizarr zerfurchte Gletscherwand stürzt senkrecht ins spiegelglatte Wasser, das hier schwarz glänzt wie ein Ölfilm, auf dem hunderte blitzende Eisschollen scheinbar schweben. Ein grandioses Panorama in Schwarz-Weiß, als würde die Natur bei den Farben sparen.
Faszinierend auch die stundenlange, langsame Fahrt durch eine Meerenge, voll mit Packeis und hunderten Eisbergen aller Formen und Größen. Dutzende Passagiere drängen sich hinter dem hochkonzentrierten Kapitän. Die Hanseatic ist eines der seltenen Schiffe, auf denen die Brücke fast durchgehend für die Passagiere offen ist. Die sind "jünger und unternehmungslustiger als das übliche Kreuzfahrtpublikum", sagt die Bord-Hostess. Trotzdem liegt der Altersschnitt gut auf Zeit im Bild-Niveau, also eher in der 50-plus-Generation. Die pensionierte Dermatologin etwa, auf ihrer 34. Kreuzfahrt (!) noch immer mit einem Pflaster gegen Seekrankheit hinterm Ohr. Spitzbergen, Nordwest-Passage, Amazonas, Südsee - überall war sie, selbst am Nordpol mit einem russischen Atomeisbrecher: "Da hab ich mir gedacht: ,Jetzt höre ich auf und bleib in meinem Garten. Was kann jetzt noch kommen?'" Aber die Antarktis muss jetzt noch sein. Ein Paar aus Berlin ist bereits zum fünften Mal hier, "weil es jedes Mal ganz anders ist, die Natur, die Tiere, das Wetter". Und ein 90-jähriger ehemaliger Arzt lässt mit seinem Gehstock keinen Landausflug aus, "weil ich nicht mehr viel Zeit habe, das alles noch zu sehen".
Die einzigen Passagiere unter vierzig sind sechs chilenische Teenager, die von ihren Großeltern auf die Rundfahrt eingeladen wurden. Billig war das nicht, denn das polare Sightseeing ist alles andere als günstig. Die billigste Kabine (Bullauge statt Fenster, aber reichlich Platz und Komfort) kostet knapp 12.000 Euro, Economy-Flüge ab Frankfurt inklusive. In einer doppelt so großen Suite samt Business-Flügen wird es schnell doppelt so teuer - pro Person wohlgemerkt. Aber trotz der astronomischen Preise empfiehlt sich frühe Buchung. Antarktis-Trips boomen, rund 40.000 Touristen kommen mittlerweile jedes Jahr auf den kältesten, trockensten und stürmischsten Kontinent der Welt; die allermeisten per Kreuzfahrtschiff, Individual-Tourismus ist hier ähnlich verbreitet wie in Nordkorea. Nach gut zwei Wochen an Bord wird bei 67 Grad 9 Minuten südlicher Breite gewendet, retour nach Ushuaia im argentinischen Feuerland, das sich selbst "Fin del Mundo" nennt, Ende der Welt. Zwei Tage und zwei Nächte sind es bis dorthin noch durch die berüchtigte Drake Passage, in der Atlantik, Pazifik und viel schlechtes Wetter aufeinandertreffen. Doch es wird nicht ganz so schlimm wie befürchtet. Nur eine Nacht mit Windstärke neun bis zehn. Die Stewards im Restaurant befeuchten die Tischtücher, damit die Gläser nicht rutschen, es gibt keine Suppe mehr, und im Bett schaukelt es wie auf der Achterbahn. Aber am Morgen ist es vorbei. Ab dann bis Ushuaia - Wellen von kaum mehr als drei Metern. "Ne Kaffeefahrt auf dem Ententeich", spottet ein "Repeater". Im Restaurant werden wieder Platzteller aufgetragen. Ich kann keinen Ingwer mehr sehen. (Armin Wolf/DER STANDARD/Rondo/04.03.2011)