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Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte sich ein Nachtreten zum Fall Guttenberg nicht verkneifen: Guttenberg habe schwere Fehler gemacht, aber sie müsse auch sagen: "So viel Scheinheiligkeit und Verlogenheit wie jetzt in der Debatte um Guttenberg war selten".
Scheinheiligkeit? Verlogenheit? Von wem? Vielleicht von ein paar politischen Gegnern, aber sonst doch wohl eher von Guttenbergs Verteidigern, die einen glatten, vorsätzlichen Betrug bagatellisieren wollten.
Was heißt hier "Fehler" ? Eine Dissertation zu mindestens 50 Prozent ohne Zitierung abschreiben ist kein "Fehler", sondern eine bewusste Handlung. Guttenberg (oder sein Ghostwriter) werden ja wohl nicht in Trance all die Textstellen kopiert haben. Guttenberg hat sich letztlich zum Rücktritt entschlossen, weil er im Fernse-hen eine Schlüsselszene sah: Waschkorbweise wurden mehr als 20.000 Unterschriften von empörten Wissenschaftern im Kanzleramt abgegeben. Die deutsche wissenschaftliche Community ließ sich die Verhöhnung nicht gefallen. Das deutsche Bildungsbürgertum meldete sich aus seinen Rückzugsräumen.
Die Affäre "traf den Kern bürgerlichen Selbstverständnisses" schreibt die konservative FAZ. "Es ging um Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit, Vorbilder, Stolz auf die eigene Leistung, Respekt vor der geistigen Leistung anderer". Das will eine konservative Kanzlerin anscheinend nicht begreifen. (rau/DER STANDARD, Printausgabe, 3.3.2011)
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http://www.youtube.com/watch?v=0LXGYMfG7bQ
(Der Moderator ist übrigens "Holgi", den kennt man eventuell aus dem NSFW-Podcast)
In Deutschland funktioniert die Empörung, die Scham, die Aufrichtigkeit besser, als etwa in Italien. Oder in Österreich. Shiehe die aktuellen Rücktritte.
Wir waren Jahrzehnte lang ein heimliches Bundesland, von den Ö-Normen, dem Wirtschaftsrecht bis zum sklavischen Tracking der D-Mark. Jetzt segeln wir in der EU im deuschen Windschatten. Immerhin im Windschatten der Zivilisation. Da mag man ein Zunehmen der Sahne und Mohrrüben und roten Beete wegstecken.
... ist plötzlich empört.
Daß ein Doktorand so eine Arbeit abliefern kann spricht auch nicht für das Qualitäts- und Unrechtsbewußtsein der wissenschaftlichen Community.
Weil:
Solche Mängel sollten dem Betreuer - welcher vom Fach und mit der Literatur seines Gebietes vertraut ist - schon beim ersten Durchlesen auffallen, oder?
Welcher Prozess zur Qualitätssicherung war implementiert? So eine Arbeit darf erst gar nicht positiv beurteilt werden.
Der Fall Guttenberg ist extrem vielschichtig....
...der Betrug im Rahmen seiner Doktorarbeit ist bereits unbestritten.
Man darf aber auch nicht die Komponente übersehen, dass nach wie vor mehr als 2/3 der Deutschen Guttenberg in einer wichtigen politischen Rolle sehen wollen.
Viele halten ihn für ein Ausnahmetalent, wie man es recht selten sieht in Zeiten, da Politiker aus einem Anzug ohne Inhalt bestehen (vgl. Faymann, Pröll, Darabos).
Das er wiederkommt ist wohl fix....gestern sagte die ehemalige SPD Ministerpräsidentin Simonis, dass das wünschenswert wäre (das sagt schon einiges aus).
Ob er ein zweiter Willy Brandt wird oder werden hätte können, steht in den Sternen.
Und wenn der Anzug ohne Inhalt ein "von und zu" hat, wird er besser??
Wie groß muss die heimliche Sehsucht nach Reichtum und Macht ohne Leistung für manche in der Tretmühle der Leistungsgesellschaft sein, dass Sie Figuren wie Gutenberg und Grasser hervorbringt!
Der Mann ist kein Heilsbringer, nur weil er, statt bei McD für sein Studium zu schuften, es sich leisten konnte, perfekt gelacktes Auftreten zu lernen.
Eine sehr amüsante Kolumne im Spiegel online, über das Einfordern von bürgerlichen Werten von einem Adeligen.
http://www.spiegel.de/politik/d... 31,00.html
Das ist nicht amüsant sondern nur peinlich. Den Rücktritt eines der Lüge und des BEtruges Überführten zu fordern, hat nichts mit "Fall des Volkslieblings zu fordern" zu tun, sondern ausschließlich daran, dass man ein Minimum an Anstand, Ehrlichkeit und Gesetzestreue einfordert. Das ist ja von einem Minister nicht zu viel verlangt.
Imho sollte die Forderung sich nicht mit einem Minimum begnügen und selbstverständlich von allen Bürgern erfüllt werden.
Aber ich sehe anhand der textlichen Fehler im zweiten Satz Ihres (!) Postings schon, dass Ihnen die zur Ironie unabdingbare Distanz fehlt. ;-)
Die Legitimationskrise der demokrate, die ihre Wurzeln in den gesellschaftlichen Polarisierungen, ungleichen Einkommensverteilungen und selektiven Teilhaberechten hat (Wer hat die WienerInnen zum Tentralbahnhof befragt?) lässt sich nicht mit einer heroischen Einzelfigur beheben, egal wie er er sich (scheinheiligen) bürgelichen Werten verpflichett fühlt oder nicht. Diese Denkweise führt gerade wegs zurück in die 20er und frühen 30er jahre, in die Zeit des Prä-Faschismus. Die Legitimationskrise ist eine strukturelle, und ihre strukturellen Wurzeln müssen behoben werden, um sie zu lösen.
Ich denke, was auch für Aufregung sorgt ist die Bestätigung der Vermutung, dass in bestimmten Kreisen, ab einem bestimmten sozialen Status (der Familie, des Klans) akademischer Status schlicht erschlichen wird, gar einfach erkauft wird.
Selbstverständlich gebietet es sich in diesen Familien, dass da nur Doktoren unterwegs sind, "Doktor Titel" und nicht die Leistung dahinter sind ja die Eintrittskarte zu bestimmten Zirkeln der Macht...
Die kolportierte offizielle *Idee* ist, dass Bildung und Akademische Leistung den Eintritt gewährt....
Vermutet wird, dass es einfach nur Geld, Herkunft und unverdiente Vorteile sind, die ein Eintritt erlauben.
Solche Lebensgeschichten bestätigen dies.
Herr Rauscher ist wohl lange genug "im Geschäft", um die typischen Verhaltensmuster in der Spitzenpolitik zu durchschauen.
ABER: Was erwartet man sich als Bürger von einem wählbaren Politiker:
Dass er/sie mitmacht bei Heuchelei und Betrug -
oder aber dass er/sie zumindest VERSUCHT, einem Weg des Anstands zu folgen?
des 21. Jhdt. zeigen sich die Schwierigkeiten der RetroKonservativen (und RetroLinken).
Vor allem, die geht-es-den-Eliten-gut-geht-es-allen-gut Ideologie scheint am Ende.
Die geistige Elite in DE hat deutlich gezeigt, dass sie Sonnenscheinpolitiker nicht nur nach deren Sonntagsreden beurteilt. Ihr Verständnis von Werten geht tiefer.
In ironischer Weise sind es eher die intellektuellen Bodenläufer, die ihn zurück haben wollen. Den abgestürzten Prototypen der Windigkeit.
Ich beurteile die Kraft einer Gesellschaft auch daran, wie sie mit gaunerischen Celebrities umgeht.
DE hat Kraft gezeigt.
Ich befürchte, bei uns werden Gaunereien als Kavaliersdelikte abgewiegelt, wenn sie nur gross, offiziell und niederträchtig genug sind?
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